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Migrationsproblematik in der Schule:Einer, der versteht

Oder, wie es ein Schüler im erfolgreichsten deutschen Kinofilm 2013 "Fack ju Göhte" formuliert, in dem der Möchtegern-Lehrer Zeki Müller die Herzen seiner Schüler erobert: Es braucht einen, "der uns versteht".

Die Münchner Grundschule der jungen Lehrerin aus Passau besuchen 24 Schüler. Neben Alexander und sechs anderen Kindern aus russischstämmigen Familien gibt es sechs Kinder mit türkischen Wurzeln, ein Mädchen, dessen alleinerziehende Mutter aus Nigeria stammt, neun Kinder aus deutschen Familien und einen Jungen aus Italien. Ein großer Teil der russischen Kinder geht nach Schule und Hort noch mehrmals in der Woche zum Judo, ins Basketball oder ins Ballett und kommt daher oft erst gegen 21 Uhr dazu, sich über die Hausaufgaben zu beugen.

Ganz im Gegensatz zu Alexanders Sitznachbarn Kemal, 9, der türkischer Herkunft ist und dem jede Tendenz zu ehrgeiziger Überförderung fremd zu sein scheint. Abends hocke der Junge, der in Wirklichkeit ebenfalls anders heißt, mit seinen Brüdern am liebsten auf dem Spielplatz, "Ratten gucken". In der Dämmerung fressen sich die Nager durch Windeln und Kekspackungen der Großstadtfamilien. In der Schule ist Kemal immer recht müde, sagt die Lehrerin. Doch die Eltern verstünden nicht, was sie ändern sollen.

"Es ist auch toll. Nur halt anstrengend"

"Das klingt jetzt alles so schrecklich, so geballt erzählt", sagt die Lehrerin, "Aber das ist es gar nicht. Es ist auch toll. Nur halt anstrengend. Und wahnsinnig viel. Und manchmal weiß ich nicht mehr, wofür ich mir als Nächstes Zeit nehmen soll."

Natürlich ist es nicht sicher, dass sich der russische Familienvater mit einer muslimischen Lehrerin aus Kairo auf Anhieb besser verstünde als mit der Lehrerin aus Passau. Genauso wenig, wie man behaupten kann, dass deutsche Lehrer grundsätzlich weniger Verständnis hätten. Aber wahrscheinlich setzt eine Lehrerin mit eigener migrantischer Biografie ihre knappe Zeit in einer gemischten Klasse anders ein.

Es geht um intuitive Sensibilität dafür, dass man das, was in Deutschland für selbstverständlich gehalten wird, auch vollkommen anders sehen kann. Es geht um das Gefühl der Fremdheit und des Andersseins in Deutschland. Und um die geteilte Erfahrung, irgendwann mal hier neu angekommen und trotz all der Jahre vielleicht immer noch nicht richtig da zu sein.

"Wir sind noch lange nicht so weit, dass sich Vielfalt im Klassenzimmer als Vielfalt im Lehrerzimmer spiegelt. Aber genau da müssen wir hin", sagt auch Sylvia Löhrmann, Schulministerin von Nordrhein-Westfalen. In diesen Tagen reist die Grünen-Politikerin durch ihr Land, die Ferien sind zu Ende: eine Gesamtschule in Wanne-Eickel, eine Grundschule in Morsbach, eine Sekundarschule in Höxter und so weiter. "Das Bewusstsein in Deutschland ist überall gewachsen", sagt Löhrmann, die auch Chefin der Konferenz der Kultusminister ist. Mehr Zentralismus helfe aber nicht. "Wir haben kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem."

Einer, der bei der Umsetzung helfen könnte, ist sicherlich Mamadou Heimroth, 20, aus Offenbach. Heimroth kam als Junge mit sechs Jahren aus der Elfenbeinküste nach Deutschland. Vor ein paar Wochen besuchte er den Schülercampus der Zeit-Stiftung, machte ein Speed-Dating mit Studenten an der Frankfurter Uni, hospitierte einen Tag an Schulen. Nach dem Abitur will er jetzt unbedingt Lehrer werden. Seine Geschichte ist eine Kämpfergeschichte.

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"Ich habe Chancen bekommen, allein schon die, nach Deutschland zu kommen. Aber ich habe mich auch angestrengt", sagt er. Von unten nach oben ging es für ihn durchs Schulsystem, im nächsten Jahr nun Abitur. Er hat gute und schlechte Erfahrungen mit Lehrern gemacht, hat Förderer gehabt und Situationen, "da dachte ich, alle sind gegen mich". Sein Vater habe ihm gesagt: Dann mach es später besser!

Mit der Rolle als Vorzeigemigrant im Lehrbetrieb tut Heimroth sich dennoch schwer. Er will später in der Schule nicht "der große schwarze Mann sein". Sondern "der Herr Heimroth - der tollen Unterricht macht und den Unmotivierten hilft". Über eine mögliche Migrantenquote will er jedenfalls nicht in die Schule kommen: "Das wäre ja so, als ob ich keine eigene Leistung erbracht hätte."

"Wer ist jetzt eigentlich größer, der Gott oder der Mohammed?"

Auch die Hamburger Erziehungswissenschaftlerin Carolin Rotter warnt vor zu hohen Erwartungen an eine mögliche Quote. Ihre Befragungen von Neuntklässlern aus Zuwandererfamilien zeigen, dass die Herkunft eines Lehrers überschätzt sein könnte. Viel wichtiger, zumindest für Jugendliche, ist laut der Studie Kompetenz im Fach, Fairness und Motivationskunst.

Im Ethikunterricht der Münchner Grundschule sitzen alle Kinder im Kreis auf dem Boden. Gerade geht es ums Christentum, in ein paar Wochen dann um den Islam, dann Buddhismus. Die Lehrerin erzählt die Geschichte, wie Gott Moses die Zehn Gebote auf einer Steintafel übergibt. "Welches Gebot findet ihr wichtig, an das sich alle Menschen halten sollen?", fragt die Lehrerin. Ein Steinchen geht im Kreis herum, jedes Kind, das den Stein in der Hand hält, antwortet.

"Kein Krieg", "nicht morden", "alle nett sein". Dann landet der Stein bei Kemal, der wieder mal nicht richtig zugehört hat. Er merkt, dass er irgendetwas sagen soll, er haspelt: "Äh, also, ich hätte da mal eine Frage zur Religion: Wer ist jetzt eigentlich größer, der Gott oder der Mohammed?" Eine unpassende Frage. Eine Steilvorlage, um über die größten Themen der Zeit zu diskutieren. Doch die Lehrerin hetzt weiter, sie möchte jetzt über die Zehn Gebote sprechen. Laut Lehrplan ist der Islam erst in ein paar Wochen dran.

Nein, es ist nicht garantiert, dass ein Kollege mit Migrationshintergrund diese Vorlage anders genutzt hätte. Aber es könnte schon sein.

© SZ vom 13.09.2014/jobr
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