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Vergabe von Medizinstudienplätzen:Ist eine medizinische Ausbildung "reine" Wartezeit?

Möglicherweise stellen die Vertreter der Länder noch viel mehr um. Neben dem Fünftel der Studienplätze für die Wartenden ging bisher ein weiteres Fünftel an die bundesweit Abiturbesten, den Rest durften die Hochschulen selbst vergeben - und schauten dabei ebenfalls stark auf die Noten. Das lässt Karlsruhe so nicht stehen: Die Unis sollen in ihren Auswahlverfahren künftig mindestens ein weiteres, notenunabhängiges Kriterium berücksichtigen.

Hoffnung könnte Freier und anderen auch machen, dass die Richter in ihrer Urteilsbegründung von einer "reinen" Wartezeit sprechen, die für den späteren Studienerfolg problematisch sei. Kann davon bei Freier die Rede sein? Wer als Pfleger oder Notfallsanitäter arbeitet, wartet nicht nur, er lernt auch. Im Masterplan Medizinstudium 2020 haben die Gesundheits- und Wissenschaftsminister aus Bund und Ländern vor einem Jahr jedenfalls festgehalten, dass Hochschulen medizinische Berufsausbildungen stärker berücksichtigen sollen.

Voraussetzungen für das Medizinstudium sind umstritten

OP-Pfleger brauchen gute Kenntnisse in Anatomie und über Standardoperationen. Es gibt Eingriffe, die Marc Freier nicht selbst vornehmen, aber anweisen könnte, beispielsweise einen Luftröhrenschnitt: "Bei der Tracheotomie macht man zunächst den Hautschnitt, stillt die Blutung, präpariert dann durch das Subkutangewebe", rattert er herunter. Jeder Patient sei anatomisch anders, das müsse beachtet werden: "Bei dicken Patienten muss man mehr Fettgewebe durchtrennen, durch stumpfe Präparation mit der Bipolarpinzette." Dann, so Freier, kommt der Operateur an der Schilddrüse vorbei, die muss er nach unten drücken und darauf achten, in welche Knorpelspange er einschneidet, "in der Regel in die zweite oder dritte".

Trotz seines Wissens zweifelt der Pfleger manchmal, ob er das Studium packen würde. Die Grundlagenfächer Biochemie, Physik und Chemie sind allgemein gefürchtet. In der Schule waren Mitschüler in den Naturwissenschaften oft besser als er. Wissenschaftler der Uni Heidelberg haben statistisch nachgewiesen, dass sich Studierende mit schwachen Abinoten häufig schwerer tun als Topschüler. Im Einzelfall erzielten sie jedoch sehr gute Leistungen.

Aber werden aus den besten Studenten auch die besten Ärzte? In Studien ist das kaum zu erheben. Den Dr. med. erreicht man auch, ohne je einen Knochenbruch genagelt oder einer Patientin erklärt zu haben, dass sie ein Spenderherz braucht. Jens Werner, der Klinikleiter und Lehrstuhlinhaber an der LMU, bekommt täglich einen Eindruck, wer sich bewährt - und will sich nicht festlegen.

Das Vorurteil, Einsnuller-Abiturienten fehle es oft an Einfühlungsvermögen, stimme jedenfalls nicht. Allerdings: "Ein Chirurg muss handwerklich geschickt sein, von einem Psychiater erwartet man Empathie, wer forschen will, braucht das alles nicht", sagt er, die Hände noch in den blutigen Handschuhen. Um die jeweils geeigneten Anwärter zu finden, sollte das Zulassungsverfahren auf Vielfalt setzen. Eine Bedingung erfüllten Bewerber wie Marc Freier jedenfalls: "Man braucht eine gewisse Einstellung, um das hier zu überleben."

Hoffnung auf eine Übergangsregelung

Den Druck, der auf Ärzten lastet, bekommt auch der Pfleger zu spüren, etwa, wenn er bei einer Lebertransplantation das falsche Instrument hinhält. Er hat auch schon erlebt, wie ein Patient im OP verstorben ist. Und im ersten Lehrjahr hatte er schon mal seine Kündigung geschrieben, nach einem Zwischenfall mit einem wesensveränderten Patienten: "Ein Patient mit einem bösartigen Hirntumor hat mich beleidigt und meine Hand weggeschlagen", sagt er. "Ich war erschüttert, dachte, das packe ich nicht."

Aber er hat durchgehalten. Und das will er auch beim Biochemiepauken, wenn er die Chance dazu bekommt. Freier hofft, dass auch künftig jeder geeignete Abiturient Medizin studieren kann - und dass die zuständigen Landespolitiker für Menschen wie ihn zumindest eine Übergangsregelung schaffen.

© SZ vom 19.03.2018/lho

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