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Vergabe von Medizinstudienplätzen:Mit dem Skalpell durch die Karrierepläne

OP-Pfleger Marc Freier (rechts): Scheitern seine Karrierepläne an einer neuen Begrenzung für die Wartezeit bis zum Medizinstudium?

OP-Pfleger Marc Freier (rechts) hat jahrelang darauf hingearbeitet, irgendwann selbst operieren zu dürfen - ein Gerichtsurteil könnte das plötzlich verhindern.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Bei der Vergabe der Medizinstudienplätze kam bisher jeder dran - wenn er nur lang genug wartete. Für Menschen wie Marc Freier könnte diese Strategie nun zur Tragödie werden.

Von Larissa Holzki

Die Nadel muss sitzen, wenn der Chefarzt die Hand aufhält. In Gummihandschuhen greift Marc Freier durch den Scherengriff des Nadelhalters, spannt die Nadel in dessen Spitze. Ein prüfender Blick, dann korrigiert er den Winkel. 90 Grad soll er betragen. Der OP-Pfleger blickt in die tiefe Wunde und beobachtet jeden Handgriff der Operateure. Er muss erahnen, welches Instrument sie als nächstes brauchen, und wissen, welcher Faden der richtige ist. Den Bluterguss im Bauchraum der Patientin haben die Ärzte im Klinikum Großhadern der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) bereits ausgewaschen. Ohne ein Wort übernimmt Professor Werner den Nadelhalter.

Seit das Bundesverfassungsgericht im Dezember sein Urteil zum Zulassungsverfahren für das Medizinstudium gesprochen hat, fühlt sich Marc Freier betrogen, wenn er im OP-Saal steht. Denn die Richter haben das Wartezeitversprechen gekippt. Sechs Jahre lang hat Freier alles darauf ausgerichtet, irgendwann selbst operieren zu dürfen. Mit seiner Abiturnote von 2,6 konnte er zwar nicht mit den Abiturbesten um einen Studienplatz konkurrieren; schon 2012, als Freier Abi machte, lag der Numerus clausus bundesweit bei 1,0 oder knapp darüber. Auch für das Auswahlverfahren einzelner Hochschulen reichte sein Schnitt nicht. Trotzdem kam er seinem Ziel näher: Um auch Bewerbern wie ihm das Recht auf freie Berufswahl zu ermöglichen, wurde ein Fünftel aller Medizinstudienplätze jedes Jahr zentral an die Bewerber mit der längsten Wartezeit vergeben.

Nun aber ist alles anders: Nach Ansicht der Karlsruher Richter besteht dieser Anspruch gar nicht. Der Staat müsse lediglich gewährleisten, dass es bei der Platzvergabe gerecht zugeht und die geeignetesten Bewerber Vorzug erhalten. Dass Kandidaten wie Marc Freier dazugehören könnten, stellt das Urteil explizit in Frage: Wer länger als vier Jahre wartet, falle häufiger durch Prüfungen und breche mit höherer Wahrscheinlichkeit sein Studium ab, stellten die Richter fest. Die Dauer der Wartezeit müsse daher begrenzt werden.

Das Urteil könnte Freiers Karriereplan ad absurdum führen. Hauptsache, nichts anderes studieren, war immer seine Prämisse. Denn jedes Semester in einem anderen Fach wäre ihm von der Wartezeit abgezogen worden. Also machte Freier den ersten Schritt ins Krankenhaus über eine Pflegeausbildung. Um verschiedene Organsysteme und Operationsverfahren kennenzulernen, wechselt der 26-Jährige jetzt durch die Abteilungen - das könnte ihm in der Anatomievorlesung nützlich sein.

Mit Nadel und Faden aus der Klinik hat er zu Hause an einem T-Shirt das chirurgische Nähen geübt. Auch den Ekel vor Leichen hat er sich abtrainiert. Damit Ärzte an abgetrennten Köpfen Nasennebenhöhlen-Operationen üben konnten, sorgte er vor dem Kursus dafür, dass das Blut nicht aus den Schädeln läuft. "Grenzwertig" fand er das. Aber muss ein Arzt das nicht können?

Bis Mai soll das neue Verfahren skizziert werden

Ob man jedem unabhängig von seinen Erfolgschancen ein Medizinstudium ermöglichen muss, ist die eine Frage. Wie man mit Menschen wie Marc Freier umgehen soll, eine andere. Das Urteil aus Karlsruhe soll schnell Anwendung finden, schon im Herbst 2019 werden voraussichtlich zum letzen Mal Studienplätze über die Wartezeit vergeben. Dann ist Freier im 15. Wartesemester, zuletzt hätte das gereicht - aber die nötige Wartedauer ist in den vergangenen Jahren immer wieder gestiegen. Schlimmstenfalls also scheitert er knapp vor dem Ziel, ohne etwas dagegen tun zu können.

Wie die Obergrenze umgesetzt wird, ist noch völlig unklar. Werden Bewerber, die bereits länger als vier Jahre ausharren, ausgeschlossen? Oder lässt man ihnen eine Chance? Eine Arbeitsgruppe im Hochschulausschuss der Kultusministerkonferenz soll sich bis Mai auf Eckpunkte der Neuregelung einigen; mehr ist aus der zuständigen Hamburger Wissenschaftsbehörde nicht zu erfahren.

Ist eine medizinische Ausbildung "reine" Wartezeit?

Möglicherweise stellen die Vertreter der Länder noch viel mehr um. Neben dem Fünftel der Studienplätze für die Wartenden ging bisher ein weiteres Fünftel an die bundesweit Abiturbesten, den Rest durften die Hochschulen selbst vergeben - und schauten dabei ebenfalls stark auf die Noten. Das lässt Karlsruhe so nicht stehen: Die Unis sollen in ihren Auswahlverfahren künftig mindestens ein weiteres, notenunabhängiges Kriterium berücksichtigen.

Hoffnung könnte Freier und anderen auch machen, dass die Richter in ihrer Urteilsbegründung von einer "reinen" Wartezeit sprechen, die für den späteren Studienerfolg problematisch sei. Kann davon bei Freier die Rede sein? Wer als Pfleger oder Notfallsanitäter arbeitet, wartet nicht nur, er lernt auch. Im Masterplan Medizinstudium 2020 haben die Gesundheits- und Wissenschaftsminister aus Bund und Ländern vor einem Jahr jedenfalls festgehalten, dass Hochschulen medizinische Berufsausbildungen stärker berücksichtigen sollen.

Voraussetzungen für das Medizinstudium sind umstritten

OP-Pfleger brauchen gute Kenntnisse in Anatomie und über Standardoperationen. Es gibt Eingriffe, die Marc Freier nicht selbst vornehmen, aber anweisen könnte, beispielsweise einen Luftröhrenschnitt: "Bei der Tracheotomie macht man zunächst den Hautschnitt, stillt die Blutung, präpariert dann durch das Subkutangewebe", rattert er herunter. Jeder Patient sei anatomisch anders, das müsse beachtet werden: "Bei dicken Patienten muss man mehr Fettgewebe durchtrennen, durch stumpfe Präparation mit der Bipolarpinzette." Dann, so Freier, kommt der Operateur an der Schilddrüse vorbei, die muss er nach unten drücken und darauf achten, in welche Knorpelspange er einschneidet, "in der Regel in die zweite oder dritte".

Trotz seines Wissens zweifelt der Pfleger manchmal, ob er das Studium packen würde. Die Grundlagenfächer Biochemie, Physik und Chemie sind allgemein gefürchtet. In der Schule waren Mitschüler in den Naturwissenschaften oft besser als er. Wissenschaftler der Uni Heidelberg haben statistisch nachgewiesen, dass sich Studierende mit schwachen Abinoten häufig schwerer tun als Topschüler. Im Einzelfall erzielten sie jedoch sehr gute Leistungen.

Aber werden aus den besten Studenten auch die besten Ärzte? In Studien ist das kaum zu erheben. Den Dr. med. erreicht man auch, ohne je einen Knochenbruch genagelt oder einer Patientin erklärt zu haben, dass sie ein Spenderherz braucht. Jens Werner, der Klinikleiter und Lehrstuhlinhaber an der LMU, bekommt täglich einen Eindruck, wer sich bewährt - und will sich nicht festlegen.

Das Vorurteil, Einsnuller-Abiturienten fehle es oft an Einfühlungsvermögen, stimme jedenfalls nicht. Allerdings: "Ein Chirurg muss handwerklich geschickt sein, von einem Psychiater erwartet man Empathie, wer forschen will, braucht das alles nicht", sagt er, die Hände noch in den blutigen Handschuhen. Um die jeweils geeigneten Anwärter zu finden, sollte das Zulassungsverfahren auf Vielfalt setzen. Eine Bedingung erfüllten Bewerber wie Marc Freier jedenfalls: "Man braucht eine gewisse Einstellung, um das hier zu überleben."

Hoffnung auf eine Übergangsregelung

Den Druck, der auf Ärzten lastet, bekommt auch der Pfleger zu spüren, etwa, wenn er bei einer Lebertransplantation das falsche Instrument hinhält. Er hat auch schon erlebt, wie ein Patient im OP verstorben ist. Und im ersten Lehrjahr hatte er schon mal seine Kündigung geschrieben, nach einem Zwischenfall mit einem wesensveränderten Patienten: "Ein Patient mit einem bösartigen Hirntumor hat mich beleidigt und meine Hand weggeschlagen", sagt er. "Ich war erschüttert, dachte, das packe ich nicht."

Aber er hat durchgehalten. Und das will er auch beim Biochemiepauken, wenn er die Chance dazu bekommt. Freier hofft, dass auch künftig jeder geeignete Abiturient Medizin studieren kann - und dass die zuständigen Landespolitiker für Menschen wie ihn zumindest eine Übergangsregelung schaffen.

© SZ vom 19.03.2018/lho

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