Medizinstudium:Die Finanzierung der Reform ist noch unsicher

Was das in der Praxis bedeuten kann, zeigt der Fall von Johannes Eschmann. Trotz eines Einserabiturs hofft der 26-Jährige seit Jahren vergeblich auf einen Studienplatz in Medizin. Nach zehn Wartesemestern hat er sich mittlerweile für Tiermedizin eingeschrieben, um wenigstens die Grundlagen in Physik, Chemie und Biochemie lernen zu können. Das Skelett von Katzen und Hunden, die Muskulatur von Kühen und Pferden, paukt er eben zusätzlich. Er kann sich vorstellen, die Verpflichtung zu unterschreiben: "Irgendwann ist man so verzweifelt, dass man alles tut, um reinzukommen", sagt Eschmann. Obwohl er am liebsten als Chirurg an einem Klinikum arbeiten würde, ist seine Devise: Lieber kümmert er sich in einer Landarztpraxis um Omas Husten, als um die Magen-Darm-Probleme der Schweine auf dem Bauernhof nebenan.

Ob diese Situation - Bewerber verpflichten sich als Landarzt, weil sie keine andere Chance haben, um Medizin zu studieren - wirklich langfristig die Qualität der Patientenversorgung gefährdet, wie manche Experten meinen, ist ungewiss. Ebenso wie die genaue Ausgestaltung der Landarztquote. Diese ist als Kann-Regelung gedacht, welche die Bundesländer erst nutzen sollen, wenn alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft wurden, Ärzte für den Job auf dem Land zu gewinnen.

Bisher hat sich nur Bayern dazu bekannt, die Quote bald einsetzen zu wollen. Bis zu fünf Prozent der Studienbewerber sollten über die Vorabquote einen Platz bekommen, wenn sie sich vertraglich verpflichten, "nach Abschluss der Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin als Hausarzt in einem unterversorgten oder von Unterversorgung bedrohten Gebiet tätig zu sein", schrieb das zuständige Gesundheitsministerium auf Anfrage des Tagesspiegels. Das bayerische Kultusministerium reagierte auf SZ-Anfrage zurückhaltender. Zwar bestünden Überlegungen, eine Landarztquote einzuführen, dafür müssten aber erst die rechtlichen Grundlagen geschaffen werden. Ein konkreter Zeitpunkt für die Einführung ist daher unklar - wie auch die Finanzierung des gesamten Masterplans für das Medizinstudium.

Denn neben der kontrovers diskutierten Landarztquote beinhaltet der Plan der Ministerrunde viele weitere Änderungen im Studium: Allgemeinmedizin soll insgesamt einen prominenteren Platz bekommen, dazu von Beginn an mehr Praxis und der Umgang mit Patienten gelehrt werden. Weil es dafür unter anderem mehr Lehrpraxen braucht, hatte die Kultus- und Gesundheitsministerkonferenz die vollständige Umsetzung des Masterplans unter Haushaltsvorbehalt gestellt. Eine Arbeitsgruppe sollte den zusätzlichen Finanzbedarf erst einmal ermitteln.

Die Vorbehalte von Baden-Württembergs Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) in Sachen Finanzierung waren aber offenbar dennoch so groß, dass sie dem Entwurf in der vorliegenden Form nicht zustimmen wollte. Daher kam es am Donnerstag gar nicht erst zur geplanten Abstimmung. Nachbessern muss aus Bauers Sicht nun der Bund - vom dem die Länder einen angemessenen Finanzierungsbeitrag erwarten wie auch von den für die ärztliche Versorgung zuständigen Trägern. "Sonst bleibt die Gesamtfinanzierung des Masterplans an den Wissenschaftshaushalten hängen. Und der Druck, sie anzuzapfen, wird zunehmen, sobald der Masterplan erst einmal beschlossen ist", sagte Bauer.

Am kommenden Dienstag soll es voraussichtlich ein Treffen der Staatssekretäre von Kultus- Gesundheitsministerkonferenz geben, bei dem das weitere Vorgehen besprochen werden soll.

Wo der Bürgermeister einen Hausarzt sucht

Was dabei auch herauskommen mag: Das Problem der mehr und mehr fehlenden Hausärzte auf dem Land braucht in irgendeiner Form eine Lösung. Ob über eine Quote oder andere Anreize, das ist Betroffenen wie Ditmar Köritz vorerst egal. Der Bürgermeister der Samtgemeinde Nienstädt im niedersächsischen Landkreis Schaumburg wäre glücklich, wenn sich künftig überhaupt noch jemand um die Patienten in seiner Heimat kümmern würde.

Nach dem tödlichen Unfall eines Hausarztes hatte die Gemeinde mit 10 000 Einwohnern im vergangenen Jahr nur noch drei Allgemeinmediziner, nach Berechnungen der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen müssten es jedoch sechs sein. "Als im Herbst die Grippewelle kam, haben unsere Hausärzte zwölf Stunden täglich gearbeitet, weil sie Kranke nicht wegschicken dürfen", sagt Köritz.

Obwohl es nicht zu seinen Aufgaben gehört, hat er sich deshalb schon zum zweiten Mal an der Suche nach einem Nachfolger für einen Mediziner beteiligt. Dass derzeit wieder vier Hausärzte in Nienstädt arbeiten, ist nicht nur glücklicher Zufall: Die Gemeinde lockt inzwischen mit kostenlosen Praxisräumen, um die Stellen attraktiver zu machen. Ob das als Argument für Nienstädt langfristig ausreicht, bleibt offen. Denn auch in den beliebteren Ballungsräumen finden approbierte Ärzte heute ohne große Probleme einen Job. Und zwei der verbliebenen Nienstädter Ärzte sind bereits über 60 Jahre alt.

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