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Medizinstudium:"Auf dieses letzte Examen kann man auch verzichten"

Coronavirus - Flensburg

Eine Ärztin und eine Medizinstudentin in Flensburg verpacken in einer mobilen Abstrichstation einen Corona-Schnelltest für den Versand ins Labor. Gut möglich, dass viele Studierende bald vom Schreibtisch in die Kliniken geschickt werden.

(Foto: dpa)

Abschlussprüfungen im Medizinstudium könnten ein ganzes Jahr verschoben werden, Studierende sollen in die Krankenhäuser. Klinik statt Klausur - eine gute Idee?

Bei einem Teil der Medizinstudenten liegen mittlerweile die Nerven blank: Im April stünden für viele von ihnen die Prüfungen zum Zweiten Staatsexamen an, doch wegen der Corona-Epidemie werden die Klausuren an den Hochschulen abgesagt. Im Fach Medizin ist die Situation speziell, weil die Abschlussprüfungen bundesweit koordiniert werden. Das Institut für medizinische und pharmazeutische Prüfungsfragen (IMPP) hat nun vorgeschlagen, sie zu verlegen - nicht um ein paar Wochen, sondern um ein ganzes Jahr. Die Studenten sollen bis dahin erst einmal für den praktischen Teil ihrer Ausbildung in die Kliniken gehen, wo mehr und mehr Corona-Patienten behandelt werden und jede Hand gebraucht wird.

Die Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd) hingegen spricht sich entschieden gegen diese Empfehlung aus. Die Theorieprüfung sollte "ersatzlos erlassen werden", fordert die Vereinigung in einer Stellungnahme. Die Studierenden befinden sich in einem Dilemma. Sie hoffen, dass die Ministerien schnellstmöglich eine Entscheidung treffen. Einerseits wollen viele in der Krise in den Kliniken mithelfen, im Netz bilden sich bereits Freiwilligenbörsen. Andererseits bangen viele um ihren Abschluss. Sie befürchten einen Prüfungskollaps im kommenden Jahr, ein "Hammerexamen": Tausende angehende Ärztinnen und Ärzte müssten dann nicht nur die mündliche Prüfung nach ihrem Praxisjahr ablegen, sondern obendrein auch das schriftliche Staatsexamen nachholen.

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Der Münchner Leonel Avalos, 25, ist einer von mehreren Tausend Medizinstudierenden, die momentan in dieser ungewissen Lage sind. Er bereitet sich seit November auf die Prüfungen vor. In den vergangenen Tagen, sagt er am Telefon, habe er sich kaum noch konzentrieren können. Zu sehr beschäftige ihn die Ungewissheit, wie es weitergeht.

SZ: Glauben Sie, dass die Prüfung tatsächlich stattfindet?

Leonel Avalos: Mittlerweile nicht mehr, insbesondere nach der Empfehlung des IMPP und der aktuellen, sich täglich zuspitzenden Corona-Situation.

Was halten Sie davon, das Examen auf das kommende Jahr zu verschieben?

Wir haben jetzt bereits so viel auf dieses Examen gelernt und stehen vor einem sehr anstrengenden und fordernden Praktischen Jahr, in dem wir vermutlich auch viele Abstriche machen werden müssen, dass ich es für nicht zumutbar halte, noch einmal den gesamten Stoff zu lernen. Dann sollte man es lieber - nach Vorbild anderer Länder - ganz ausfallen lassen und nur das mündliche Examen machen.

Würden Sie sich dann nicht als Mediziner zweiter Klasse fühlen?

Auf keinen Fall. Wir würden genauso gute Ärzte sein mit oder ohne diese zweite schriftlichen Prüfung. Bei der in der Regel sowieso nur sehr wenige Leute durchfallen. Wir haben im Laufe des Studiums sehr viele Klausuren geschrieben und bestanden. Auf dieses letzte Examen kann man auch verzichten. Wenn das Examen verschoben oder ausfallen würde, würde ich mich in der jetzigen Situation sofort als Helfer melden. Am Montag letzter Woche war ich schon auf einer Informationsveranstaltung dazu. Allerdings gibt es in den anderen Semestern auch viele Studenten, die bereit sind zu helfen, und nicht vor dem Examen stehen.

Wie werden die Medizinstudenten eingesetzt?

Zum Beispiel am Telefon bei der Corona-Hotline oder in der Notaufnahme. Besonders gefragt sind Studierende, die schon eine Vorausbildung haben in der Pflege oder im Rettungsdienst. Ich zum Beispiel bin ausgebildeter Rettungssanitäter und in München beim Katastrophenschutz tätig. Auch Leute mit Laborerfahrung, die sie etwa wegen ihrer Doktorarbeiten mitbringen, werden gesucht.

Medizinstudent Leonel Avalos: "Es wird auf Hochtouren geplant"

Sie wären also sehr gefragt. Könnten Sie nicht wenigstens stundenweise helfen?

Im Moment eben gerade nicht. Damit würde ich meine Prüfung gefährden. Nicht nur wenn ich mich selbst anstecke, was wahrscheinlich für mich glimpflich ausginge, weil ich gesund und sportlich bin. Aber falls ich ungeschützt mit einem Infizierten zusammenkäme, müsste ich in Quarantäne und könnte dann womöglich nicht mitschreiben. Das will ich nicht riskieren. Das Examen hat immer noch eine hohe Relevanz für mich.

Was hören Sie von Ihrer Katastrophenschutz-Gruppe?

Es wird auf Hochtouren geplant. Die Ausrüstung wird aufgestockt und sie haben die Bereitschaft der Mitglieder abgefragt.

Sie sind jetzt im elften Semester. Fühlen Sie sich durch das Studium auf so eine Epidemie wie jetzt vorbereitet?

Katastrophenmedizin ist nur ein kleiner Teil im Studium. Ich hatte es als Wahlfach, weil es mich sehr interessiert. Thema aber waren andere Großschadenslagen wie große Brände mit vielen Betroffenen oder Maßnahmen im Fall eines Terroranschlags. Über eine solche Virus-Krise haben wir eigentlich nicht viel gesprochen.

Was nehmen Sie aus dieser Situation mit?

Wir stehen vor einer großen Krise, in der medizinisches Personal eine wichtige Rolle spielen wird. Es wäre schön, wenn Pflegekräften, Sanitätern und Ärzten auch sonst so viel Anerkennung und Wertschätzung entgegengebracht würde wie aktuell. Auch wir Studenten werden jetzt endlich als wichtige Hilfe im Krankenhaus angesehen.

Wie gehen Sie mit der Gefahr um, sich zu infizieren?

Ansteckungsgefahr gibt es immer in diesem Beruf. Aber während des Praktischen Jahres ist das ein großes Thema. Denn wenn wir in dieser Zeit krank werden, dann werden uns die Fehltage von den Urlaubstagen abgezogen. Nicht nur in diesen Zeiten sollte man die Regelung dringend überdenken. Vielleicht bietet sich in dieser Krise die Chance, die Arbeitsbedingungen und die Bezahlung für die Studierenden und auch das gesamte medizinische Personal zu verbessern. Nichtsdestotrotz fühle ich mich bestärkt, den Weg zu gehen. Der Beruf macht mir wahnsinnig viel Freude.

© SZ.de/berk
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