Mecklenburg-Vorpommern Ein Zusammenspiel von Seelen

Sein Entgegenkommen sei, berichtet Annett Lindner, Vorsitzende der Gewerkschaft GEW, "richtig gut angekommen. Die Kollegen fühlten sich endlich mal wahrgenommen." Auch die Bildungsexpertin der Linken und einstige Schulleiterin Simone Oldenburg bescheinigt ihm einen starken Start. Brodkorb habe sich für die Realität interessiert, wo dem Vorgänger von der CDU Schulen vorgeführt worden seien wie Potemkinsche Dörfer, herausgeputzt zum Minister-Besuch.

Nach einem Jahr ist aber Ungeduld zu verspüren. "Nun ist genug geredet worden", sagt GEW-Chefin Lindner. "Die Kollegen erwarten endlich Butter bei die Fische." Ihre Belastung sei zu hoch, die Bezahlung dagegen schlecht. Es geht um das Ziel der Inklusion, also um Ansätze, wie Kinder mit und ohne Lernschwierigkeiten in der Schule gemeinsam lernen können. Und es geht um einen Mangel, der die Schulen existenziell bedroht: Es fehlen schon jetzt Lehrer, und weil in den nächsten Jahren viele ältere ausscheiden werden, muss Brodkorb sich sorgen, wie er vor allem in ländlichen Regionen den Unterricht garantieren kann.

Der Lehrermangel ist ein Nebenprodukt des dramatischen Bevölkerungsschwunds im Nordosten. Weil es seit dem Ende der DDR immer weniger Kinder gab, sparten die Regierungen zunächst jahrelang bei den Lehrern. Man stellte kaum ein und tat wenig dafür, den Beruf attraktiv zu machen. Junge Lehrer wanderten oft ab. Jetzt hat sich die Schülerzahl stabilisiert, während immer mehr ältere Lehrer sich der Rente nähern.

Brodkorb berief eine große Arbeitsgruppe zur "Steigerung der Attraktivität des Lehrerberufs" ein, die vieles diskutierte: die Entlastung für Ältere, die Senkung der Pflichtstundenzahl, bis hin zur Frage der Verbeamtung auch in diesem Land, die viele Lehrer wünschen. Der Minister spricht von einem "Gesamtpaket", das vorbereitet werde. Die große Lösung soll der kommende Doppelhaushalt bringen, wohl mit einem zusätzlichen zweistelligen Millionen-Betrag. Doch den muss Brodkorb im Parlament auch bei der Finanzministerin durchsetzen, wenn das Paket mal fertig ist. Erst mal herrscht ein akuter Lieferstau.

So kritisiert Grünen-Fraktionschef Jürgen Suhr, dass Brodkorb zwar einen weiten Sprung versucht habe, "dann ist er aber deutlich kürzer gelandet, als er es wollte". Suhr vermisst bei Brodkorb gelegentlich die nötige Demut. "Im Landtag erschließt sich nicht immer sofort", sagt der Grüne, "dass er Positionen ernst nimmt, die nicht seine sind." Von Enttäuschung nach starkem Anfang spricht auch Simone Oldenburg von der Linkspartei. "Was ihm fehlt, ist die Verbindung von der Theorie in die Praxis."

Brodkorb sagt dazu, dass sich ohne Vorbereitung keine tiefgreifenden Veränderungen machen ließen. Es sei ja nicht so, dass er nur herumdiskutiere: "Wenn man machen will, was den Lehrern wichtig ist, dann muss man wissen, was ihnen auf den Nägeln brennt." Und wieder wird er grundsätzlich, spricht von der generell dringend nötigen Anerkennung für die Lehrer. "Bildung", sagt er, "ist letztlich ein Zusammenspiel von Seelen." Was gebraucht werde, sei die Pflege der Einzelseelen, eine "seelische Beziehungsarbeit", im Umgang gerade auch mit den Lehrern. Brodkorb ist einfach gerne Philosoph.