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Mathias Brodkorb über Bologna:"Alles ein starres Korsett"

Mit der Studienreform sind zu viele Freiheiten verloren gegangen, sagt Wissenschaftsminister Brodkorb. Er schuf neue Möglichkeiten - ohne durchschlagende Wirkung.

interview Von Roland Preuss

Immer wieder müssen sich die Wissenschaftsminister mit der Studienreform beschäftigen. Mal attackieren Wirtschaftsvertreter die Bachelor-Absolventen, mal lamentieren Professoren über Schmalspurabschlüsse. Mathias Brodkorb hat versucht, die Lage mithilfe neuer Gesetze zu verändern.

Herr Brodkorb, wie oft hören Sie jemanden über die Bologna-Reform klagen?

Mathias Brodkorb: Es gibt immer wieder diese Protestwellen. Vor ein paar Jahren war die Kritik besonders heftig, damals haben wir in Mecklenburg-Vorpommern das Landeshochschulgesetz geändert und den Hochschulen mehr Freiheiten gegeben. Aber sie machen häufig keinen Gebrauch davon. Das ist schon kurios.

Welche Freiheiten haben Sie eingeführt?

Im Prinzip kann man nun wählen, ob man Bachelor- und Masterabschlüsse anbietet oder Diplom. Die Hochschulen, aber auch die einzelnen Fakultäten, haben teils sehr lange gebraucht, um diese Alternativen auf den Weg zu bringen. Außerdem können besonders begabte Studenten komplett von den Bologna-Regeln wie Anwesenheitspflicht, Pflichtmodulen und ECTS-Punkten befreit werden. Diese waren als Orientierung für die Mehrheit der Studenten gedacht, für besonders begabte Studierende ist das ja eher eine Gängelung. Mit diesen können die Professoren individuelle Studienpläne vereinbaren. Die Möglichkeit wird aber gar nicht wahrgenommen.

Haben Sie keine begabten Studenten?

Was soll ich dazu sagen? Die Professoren haben sich das sehr gewünscht, und jetzt nutzen sie es nicht. Mit anderen Regelungen ist es ähnlich: Jedes Fach kann nun selbst entscheiden, wie viele Module des Studiums es benoten will und wie diese in die Endnote eingehen. Denn es haben sich viele Professoren und Studenten über die Prüfungs-Bulimie beklagt, die vielen kleinteiligen Tests würden sie überlasten. Heute könnten sie alles so machen wie früher auch. Aber wir erreichen Rekordwerte bei der Zahl der benoteten Module.

Finanzausstattung der Hochschulen

Die heutigen Studenten - hier in Greifswald - würden unnötig viel benotet, sagt Matthias Brodkorb.

(Foto: Jens Büttner/dpa)

So groß kann die Not nicht sein, wenn die Möglichkeiten nicht genutzt werden.

Ich kann mir das nur so vorstellen: Die Professoren sagen: Mein Modul ist das wichtigste, also muss es auch geprüft werden, weil sonst wird ja aus dem Studenten kein richtiger Mensch. Die Praxis ist also offenbar dem Machtkampf in den Instituten geschuldet. Ich bin deshalb für Reformen nicht mehr ganz so leicht in Bewegung zu setzen wie noch vor fünf Jahren.

Liegt die Scheu vor Änderungen auch daran, dass ein geänderter Studiengang und alte Abschlüsse wie das Diplom anderswo nicht anerkannt werden? Dann würden ja die Wohltaten von Bologna wegfallen.

Von Wohltaten würde ich da nicht sprechen. Die Anerkennung ist ja, zumindest im Inland, eher komplizierter geworden. Selbst in den gleichen Fächern wird diskutiert, ob die Leistungen einer anderen Hochschule noch anerkannt werden. Wir müssen manchmal sogar als Ministerium oder per Gesetz eingreifen, damit Studenten ihre Leistungen tatsächlich akzeptiert bekommen. Ich halte diesen ganzen Irrwitz für überflüssig. Die entscheidende Frage ist doch, was ein Studierender kann. Das soll er am Ende des Studiums unter Beweis stellen.

Sie würden also jeden wechseln lassen ohne Nachweise, auf Probe sozusagen?

Ja, im Prinzip, natürlich unter Berücksichtigung seiner Studienzeit.

Der offizielle Bologna-Bericht der Bundesregierung sagt das Gegenteil: Es werden international immer mehr Studienleistungen gegenseitig anerkannt.

Bei den deutschen Hochschulen habe ich jedenfalls nicht den Eindruck. Und wie wir im internationalen Vergleich mit der Bologna-Reform umgehen, ist auch spannend: In Österreich zum Beispiel kann man eine konsekutive Studiengangfolge auch mit dem Diplom abschließen, das wird in Deutschland anerkannt. Wenn Sie aber mit einem solchen Diplom aus Mecklenburg-Vorpommern kommen, das nach dem gleichen Muster gestrickt ist, erkennt es die Kultusministerkonferenz nicht an.

Mathias Brodkorb

Mathias Brodkorb ist seit 2011 Minister für Bildung und Wissenschaft in Mecklenburg-Vorpommern. Zuvor war er bildungspolitischer Sprecher der SPD.

(Foto: Jens Büttner/dpa)

Mit welcher Begründung?

Keiner, jedenfalls keiner fachlichen.

Die KMK wird ihre Ablehnung doch erläutert haben.

Glauben Sie! Ich vermute, dass eine Anerkennung als Eingeständnis von Fehlern verstanden würde, die dann noch mehr von der Reform ins Rutschen bringt. Uns bleibt daher nur der Weg der Klage, den wir bis zur letzten Instanz gehen werden.

Wo sehen Sie die größten Konstruktionsfehler von Bologna?

Dass man Wissen in Module packen muss, die wiederum in ECTS-Punkten, also in Zeitaufwand, umgerechnet sind. Das scheitert schon daran, dass der Zeitaufwand europaweit nicht harmonisiert ist. Wenn wir dies so kleinteilig festlegen, strangulieren wir die Studienprogramme. Früher mussten sich die Dozenten die besten Studenten erkämpfen, heute legen sie Pflichtmodule fest, die zwangsbenotet werden. Es geht auch um Kombinationsmöglichkeiten. Wenn ich früher Informatik und Griechisch auf Lehramt studiert habe, so konnten die Angebote zeitlich nicht immer aufeinander abgestimmt werden. Das Studium dauerte vielleicht länger, aber man hatte mehr Freiheit und Kombinationsmöglichkeiten. Früher wurde die Komplexität des Wissenschaftssystems und seiner Organisation durch Pragmatismus und Flexibilität abgefedert. Jetzt ist das alles ein starres Korsett. Und das führt zu Schwierigkeiten. Wir haben alles überreguliert. Das müssen wir wieder ändern.

Auf der internationalen Bologna-Konferenz wurde gerade wieder gefordert, die Akademiker müssten im Dialog mit Arbeitgebern so ausgebildet werden, dass sie am Arbeitsmarkt ankommen. Wird das Studium zu wirtschaftsnah?

Ich sehe keine starken Auswirkungen dieser Forderung auf die Wissenschaft. Die Universität hat in erster Linie immer noch den Auftrag, Wissenschaftler hervorzubringen. Die ausschließliche Orientierung am Arbeitsmarkt ist eine Illusion.

Glauben Sie, die Fehler von Bologna lassen sich politisch demnächst korrigieren?

Davon gehe ich nicht aus. Das ist vor allem ein Problem Deutschlands mit sich selbst.

Sie haben Ihr Studium noch als Magister abgeschlossen. Haben Sie Mitleid mit den heutigen Bachelor-Studenten?

Ich hatte als Philosophie-Student zwei Pflichtveranstaltungen. Ich muss gestehen: Ich habe diese Freiheit genossen. Ich konnte mich von den Hochschullehrern ausbilden lassen, die mir am meisten gegeben haben. Das geht unter den heutigen Bedingungen nicht mehr. Insofern habe ich in der Tat Mitleid, im Sinne mitfühlender Anteilnahme.

© SZ vom 18.05.2015

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