Bildungsplan in Baden-Württemberg Wer soll das Fach eigentlich unterrichten?

Natürlich handelt es sich bei Bildungsplänen üblicherweise nur um eine Auflistung von Inhalten. Die Ausgestaltung des Faches ist ja immer auch eine Sache des Lehrers. Es bleibt aber die Frage: Wer soll dieses Wirtschaftsfach, das bisher nie mehr als eine Alternative zu Politik oder Geschichte war, eigentlich unterrichten? Und mit welchen Materialien? Nicht zu Unrecht befürchtet der Professor für Soziologie Tim Engartner eine Einflussnahme von Unternehmen. Denn ein richtiges Lehrbuch gibt es bislang nicht.

Auch bei den Lehrern hält man von dem neuen Fach nicht besonders viel. Man sei zwar "überhaupt nicht wirtschaftsfeindlich", sagt Bernd Saur vom Philologenverband Baden-Württemberg. "Aber man darf Wirtschaft nicht von politischen, ethischen und sozialen Inhalten trennen." Bei dem neuen Fach gebe es diese Trennung jedoch. Und die Lehrer halten sie für gefährlich. "Das sehen Sie doch an TTIP oder der Euro-Krise, dass Wirtschaft in einem größeren Kontext gesehen werden muss", sagt Saur.

Entkopplung von Geisteswissenschaften

Außerdem hält er es für problematisch, dass die Fächer Politik und Wirtschaft für die Lehrer an den Universitäten nicht mehr gemeinsam, sondern getrennt gelehrt werden. Lehrer, die Wirtschaft studiert haben, seien laut Philologenverband deshalb "weniger in der Lage, Wirtschaft in den gesellschaftlichen Kontext einzuordnen". "Ebenfalls absurd" sei es aber auch, dass zukünftige Politiklehrer keine wirtschaftlichen Inhalte im Studium mehr lernen müssten.

Es ist aber nicht nur die Entkoppelung von den geisteswissenschaftlichen Fächern, die die Lehrer stört. Besonders entrüstet ist der Verband darüber, dass innerhalb des neuen Fachs auch die "berufliche Orientierung" gelehrt werden soll. "Dies suggeriert, dass man nur in der Wirtschaft Karriere machen kann", sagt Saur. "Was ist denn mit den sozialen oder den künstlerischen Berufen? Braucht die etwa keiner?"

"Es gilt das Prinzip Angebot und Nachfrage"

Bei den Schülern scheint das Fach Wirtschaft hingegen gut anzukommen. In der gymnasialen Oberstufe, wo Wirtschaft bereits vielerorts als separates Unterrichtsfach angeboten wird, ist es zumindest sehr beliebt. Am Ulmer Keppler-Gymnasium führt das gar so weit, dass zuletzt keine Leistungskurse für Geschichte und Gemeinschaftskunde mehr zustande kamen - dafür aber gleich zwei für das Fach Wirtschaft. "Wir mussten auch schon viele Schüler ablehnen, die Wirtschaft machen wollten", sagt Schulleiterin Brigitte Röder. "Wir haben gar nicht genug Plätze und Lehrer dafür."

Dass kein Leistungskurs für Geschichte mehr zustande kommt, findet Röder zwar schade. Trotzdem müsse man den Wunsch der Schüler akzeptieren, sagt sie. "Wir leben eben in einer Marktwirtschaft. Und da gilt das Prinzip Angebot und Nachfrage." Röder wundert sich jedoch, dass ausgerechnet die grün-rote Landesregierung nun das Fach Wirtschaft für die Sekundarstufe eins will. "Wenn die CDU das eingeführt hätte", sagt sie, "dann hätte es sicher Proteste gegeben".