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Ehrung:Die besten Lehrer Deutschlands

Lehrerpreis 2019

Hat die Tafel ausgedient? Beim diesjährigen Lehrerpreis werden Teams ausgezeichnet, die besonders innovativ unterrichten.

(Foto: dpa)
  • Für ihr Konzept eines digitalen Lernbüros wurden zwei bayerische Lehrer mit dem Deutschen Lehrerpreis ausgezeichnet.
  • Zusammen mit ähnlich digitalaffinen Kollegen erstellen die Preisträger Videos, Übungsaufgaben und Klausuren.
  • Bei den Schülern kommt auch ihr Unterrichtskonzept "flipped classroom" gut an.

Ob die Juroren mit dem Dialekt haderten, ist nicht überliefert. Negativ kann es jedenfalls nicht gewesen sein, denn 40 Experten aus Schulen und Universitäten in ganz Deutschland haben beim Deutschen Lehrerpreis zwei Bayern zu Siegern gekürt. In der Kategorie "Unterricht innovativ" gewannen am Montag in Berlin ein Schwabe und ein Oberpfälzer. Sebastian Schmidt, 37, lehrt an einer Realschule im tiefsten Schwaben, Ferdinand Stipberger, 47, in der Oberpfalz unweit der tschechischen Grenze. Die beiden Mathematiklehrer unterrichten mit dem Konzept "flipped classroom". Ihre Schüler schauen sich daheim Videos an, die ihre Lehrer eigens erstellt haben und in denen diese zum Beispiel erklären, wie ein Dreisatz funktioniert. Das Video können die Mädchen und Buben in Endlosschleife ansehen, bis sie den Inhalt verstanden haben. In der Schule üben sie gezielt und unter Aufsicht, arbeiten an Schwächen oder versuchen sich an einem höheren Niveau.

Wenn es in den vergangenen zweieinhalb Jahren statt des vertrauten Klanges in der Oberpfalz plötzlich aus dem Video schwäbelte, waren seine Schüler anfangs irritiert, sagt Stipberger und lacht. Schmidt nimmt es locker, den Mädchen und Buben in seinen Matheklassen ging es genauso: "Sie fragten, ob das wieder der Mann ist, der so komisch redet, und ob der überhaupt aus Deutschland kommt."

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Die Schüler wissen die umgekehrte Unterrichtsmethode zu schätzen

Stipberger ist Schwandorfer und war als Sportschütze 2000 bei den olympischen Sommerspielen in Sidney. Schmidts Schüler waren da noch nicht geboren - und zwischen Neu-Ulm und Neunburg vorm Wald liegen 280 Kilometer. In Dialektgrenzen sind das Lichtjahre. Schmidt ist in dritter Generation Lehrer, wie sein Kollege äußerst digital-affin und umtriebig. Er setzt seit sechs Jahren Lernvideos in seinen Stunden ein. 470 Videos stehen in seinem Youtube-Kanal, den 3440 Menschen abonniert haben. Es gibt Serien für verschiedene Jahrgänge, Prüfungstraining und Fortbildungs-Clips für Kollegen. Und die Schüler wissen die umgekehrte Unterrichtsmethode sehr zu schätzen, sind motiviert und gewohnt, selbständig zu arbeiten.

Auch Stipberger kannte Schmidts Videos lange, bevor er ihm begegnete. "Als Mathelehrer findet man irgendwann notgedrungen auf Youtube auch Videos von Sebastian Schmidt", sagt Stipberger. Er wollte die Videos benutzen, bat um Erlaubnis. Stipberger ist auch IT-Lehrer, er setzte Schmidts Videos zwar in seinen Stunden ein, aber "irgendwann machte ich eigene Gehversuche, manche Sachen macht man im Unterricht dann doch anders".

Der Deutsche Philologenverband und die Vodafone Stiftung zeichnen die beiden Lehrer nun allerdings nicht für die Methode "flipped classroom" aus. Damit experimentieren Pädagogen in den USA seit den Neunzigerjahren. Stipberger, Schmidt und ihre Kollegen bekommen den Deutschen Lehrerpreis für ihr Netzwerk "Lernbüro digital-kooperativ". Durch diese Initiative der beiden arbeiten ihre Realschulen in der digitalen Welt enger zusammen als manche Kollegen im selben Lehrerzimmer.

36 Lehrer aus sieben Realschulen arbeiten mit den Materialien

2017 wurde an den Realschulen ein neuer Lehrplan mit neuen Büchern eingeführt. Stipberger und Schmidt beschlossen, sich die Arbeit aufzuteilen und gemeinsam Erklärvideos, zusätzliche Übungsaufgaben und Klausuren zu erstellen - und den Schülern gleichzeitig einen reflektierten Umgang mit digitalen Medien beizubringen. Sie animierten Kollegen aus den Mathe-Fachschaften zum Mitmachen. Mit je vier Lehrern der Inge-Aicher-Scholl-Realschule und der Gregor-von-Scherr-Schule ging es los, jeder übernahm ein Kapitel. Die Materialien werden in einen virtuellen Raum der Online-Plattform Mebis eingespeist, zu dem nur diese Lehrer Zugang haben. Und alle Kollegen der Fachschaft Mathe an den beiden Realschulen, die mitmachen wollten. Die Bücher der fünften und sechsten Klasse sind verarbeitet, der siebte Jahrgang läuft.

Mittlerweile arbeiten 36 Lehrer aus sieben Realschulen mit den Mathematerialien des Lernbüros. Drei Schulen probierten gerade aus, ob sie mit dem Material zurechtkommen, sagt Schmidt. Das Kernteam und Lehrer von zwei weiteren Schulen kümmern sich ums Schulbuch der siebten Klasse. Für Schmidt und Stipberger ist das nicht nur eine immense Arbeitserleichterung. "Das war so bereichernd und informativ, von den anderen und ihren Methoden zu lernen", sagt Stipberger. Das habe seinen Unterricht deutlich weitergebracht, sagt auch Schmidt.

Kinder zu kritischen Konsumenten erziehen

Digital-Skeptiker gibt es auch an ihren Schulen. In Neunburg vorm Wald war anfangs sogar eine Ausstiegsklausel vorgesehen, falls ein Lehrer gar nicht mit dem Konzept zurechtkommt. Sie sei nie gebraucht worden, sagt Stipberger. Inzwischen machen auch einige Englisch- und Deutschlehrer mit. Schmidt und Stipberger geben ihre Erfahrung nun auch als Digitalberater an andere Realschulen weiter.

Die beiden Männer sind nicht die einzigen beim Lehrerpreis prämierten bayerischen Pioniere: Andrea Holler vom Oskar-Maria-Graf-Gymnasium im oberbayerischen Neufahrn bei Freising bekommt den dritten Preis für ihr Konzept "Prosumer", mit dem Mädchen und Buben "kritische Konsumenten digitaler Produkte" werden sollen und zugleich "kreative Produzenten medialer Inhalte".

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