Überstunden-Ausgleich Geld statt Erholung

Deutschlandweit leisten viele Lehrkräfte regelmäßig Überstunden.

(Foto: dpa)

Weil wegen des Lehrermangels ein Freizeitausgleich unmöglich ist, kauft Sachsen-Anhalt seinen Lehrkräften ihre Überstunden ab. Andere Bundesländer haben ähnliche Probleme.

Von Matthias Kohlmaier

Überstunden macht jeder Arbeitnehmer hin und wieder, das gehört zum Berufsalltag. Genauso gehört gewöhnlich dazu, dass diese Überstunden abgefeiert werden, sobald etwas weniger zu tun ist. Bei Lehrkräften sieht das anders aus. Denn selbst wenn Frau Schmidt eine Menge Mehrarbeit angesammelt hat, kann sie sich nicht einfach so zum Ausgleich Freizeit gönnen, weil sonst die 8b am Freitag um 11.30 Uhr keinen Chemieunterricht bekäme.

Das Thema Arbeitszeit ist für Deutschlands Lehrkräfte schon eine Weile ziemlich relevant. Denn die meisten von ihnen arbeiten mehr als sie müssten. Weil die Politik darauf kaum reagiert, verklagen zum Beispiel in Niedersachsen derzeit mehrere Lehrkräfte mit der Unterstützung der Lehrergewerkschaft GEW ihren Dienstherrn. Das ist nachollziehbar, wenngleich besagter Dienstherr auch nicht in allen Fällen ad hoc etwas gegen die hohe Arbeitsbelastung der Pädagogen tun kann.

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Das liegt am Lehrermangel, mit dem sich Schulen und Bildungspolitiker herumschlagen müssen. Den haben Letztere durch eine nicht sehr vorausschauende Einstellungs- und Ausbildungspolitik zwar mitzuverantworten, das hilft der Chemielehrerin Frau Schmidt aber natürlich wenig. Denn solange es nicht genug Lehrkräfte gibt, haben die verbliebenen kaum Gelegenheit, ihre angesammelten Überstunden abzubauen. Sachsen-Anhalt versucht nun, die Situation ein wenig zu entspannen. Das Bundesland will seinen Lehrkräften ihre Überstunden quasi abkaufen.

Das soll so funktionieren: Lehrkräfte, die mehr als 80 Überstunden angesammelt haben, haben das Angebot erhalten, jede Stunde Mehrarbeit jenseits der 80 finanziell abgegolten zu bekommen. Im Gegenzug verzichten die Pädagogen auf den ihnen zustehen Freizeitausgleich. Die GEW ist von diesem Vorschlag wenig begeistert. Nicht nur sei der pro Überstunde angebotene Betrag zwischen 23 und 33 Euro - je nach Schulform - viel zu niedrig. Auch sei der Freizeitausgleich gerade für die stark belasteten Kollegen viel wichtiger. "Sich mit dieser Billiglohn-Strategie aus der Verantwortung für sein Personal freizukaufen, kann nicht die Lösung sein. Sie schadet den Kollegien an den Schulen, lässt jeden Fürsorgegedanken vermissen und treibt insbesondere die Zahlen der langzeiterkrankten Kolleginnen und Kollegen weiter nach oben", sagte Sachsen-Anhalts GEW-Vorsitzende Eva Gerth.

Bei den betroffenen Lehrkräften jedoch scheint das Angebot Gehör zu finden. Von den 500 Pädagogen mit mehr als 80 Überstunden hat sich etwa die Hälfte für die Variante "Geld statt Freizeit" entschieden, sagt ein Sprecher des Kultusministeriums. Dennoch nimmt das Ministerium die Kritik der GEW offenbar an. Der Finanzausschuss habe beschlossen, so der Sprecher weiter, dass von 2019 an sämtliche Überstunden von der ersten an aus dem Personalbudget finanziert werden sollen. Die Lehrkräfte dürfen aber weiterhin frei wählen, ob sie einen finanziellen oder Freizeitausgleich für ihre Mehrarbeit wünschen. Außerdem sollen die von der Gewerkschaft als zu niedrig kritisierten Stundensätze "spürbar und deutlich" ansteigen, heißt es aus dem Ministerium in Magdeburg.