Lehrer über den Schulalltag "Manchmal schauen sie so aggro"

Hauptschullehrerin Hildegard Monheim hat ein Buch über ihren Alltag geschrieben. Sie liegt damit im Trend: Immer mehr Pädagogen veröffentlichen Geschichten über Frust und Freude in ihrem Beruf - auch zur Selbst-Therapie.

Von Johann Osel

Eines frühen Morgens saß Hildegard Monheim vor dem Computer, klickte sich durch Facebook und sah, was ein Schüler gerade an seine Pinnwand geschrieben hatte: "Scheiß-Schule, ich will da nicht hin." Und Lehrerin Monheim? "Mir war an diesem Morgen auch nicht wohl. Um ein Haar hätte ich ,Gefällt mir' gedrückt." Die Annahme, Monheim sei eine frustrierte Pädagogin, die sich jeden Tag unter Verrenkung des Willens in die Schule schleppt, stimmt aber nicht. Gar nicht.

Nicht immer geht es so gesittet im Klassenzimmer zu - immer mehr Lehrer schreiben inzwischen Bücher oder Blogs über den Schulalltag.

(Foto: dpa)

Vor 38 Jahren erlebte die Hauptschullehrerin den berühmten Praxisschock, als sie erstmals vor eine Klasse trat, mittlerweile ist sie eine gestandene Lehrkraft. Sie weiß, dass man sich "gewaltig abstrampeln muss" und gelegentlich "als Hauptfigur einer Comedy-Show fühlt"; sie kennt die Tücken von "Multikulti extrem" und die Schwierigkeiten, unter oft desinteressierten Schülern die Souveränität zu wahren, zudem "zu jeder Zeit zu Sanktionen bereit zu sein"; und sie bekennt ohne Verlegenheit, ihre Erwartungen inzwischen so weit zurückgeschraubt zu haben, "dass ich jeden knutschen könnte, der länger als drei Minuten freiwillig in ein Buch schaut". Bei den Versuchen, die Hauptschüler aus einer Art Dumpfheit und Orientierungslosigkeit zu holen und zu begeistern, kann man oft nur kleine pädagogische Erfolge feiern. Trotzdem sagt die 57-Jährige: "Der Lehrerberuf ist genau das, was ich machen will."

Die obigen Szenen sind Teil eines Buches, das Hildegard Monheim in diesen Tagen veröffentlicht hat: "Manchmal schauen sie so aggro" (Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf). Ihr Name ist ein Pseudonym, um die beschriebenen Schüler zu schützen, auch wenn deren Namen sowie Teile der Handlung bereits leicht entfremdet wurden. In 33 Geschichten gibt sie Einblick in ihr Klassenzimmer, kritisch reflektierend, aber nicht bloßstellend, teils humoristisch, aber nie witzelnd.

Derlei Bücher sind im Kommen: Wenn Lehrer bisher als Autoren tätig waren, geschah dies meist im Auftrag von Schulbuchverlagen, Arbeitsaufträge oder Aufgaben für Deutschfibeln zum Beispiel. Ansonsten widmen sich Pädagogen mit dem Drang zur Schriftstellerei manchmal rein fachlichen Fragen, etwa der Bedeutung von Noten oder Empfehlungen in Sachen Schulwechsel. Seit einigen Jahren aber trägt die Zunft zunehmend ihren Alltag in die Öffentlichkeit, es gibt Werke wie "Survival für Lehrer", "Föhn mich nicht zu" oder "Voll streng, Frau Freitag! - Neues aus dem Schulalltag". Im Oktober übrigens wird Ursula Sarrazin, Lehrerin und Gattin des umstrittenen Bestseller-Autors und Ex-Bundesbankers, ihr Buch "Hexenjagd: Mein Schuldienst in Berlin" auf den Markt bringen; Beobachter hoffen, dass Erbgutforschungen nicht zu diesem Schuldienst gehören.

Weil das Thema Bildung in der Gesellschaft boomt - ein Blick in die Buchhandlungen zeigt das - sehen sich mittlerweile sogar Eltern ("Das Lehrerhasserbuch") und Abiturienten ("Schulfrust - 10 Dinge, die ich an der Schule hasse") veranlasst, mit dem Schulsystem abzurechnen. Großer Rummel und mitunter glänzende Verkaufszahlen sind da jedenfalls garantiert.

Hildegard Monheim, zuvor schon unter echtem Namen als Kinderbuchautorin tätig, betont im Gespräch, sie sei "nicht auf den fahrenden Zug aufgesprungen". Schon vor der Welle an Lehrerliteratur habe sie Tagebuchschnipsel gesammelt, dabei im Hinterkopf: "Das glaubt einem ja sonst kein Mensch, was wir Lehrer hier alles erleben." Leider habe beinahe jeder Bürger seine Meinung zum Thema Schule, oft einseitig und plakativ. Was liege da näher, als einen Blick hinter die Kulissen des Hauptschulbetriebs zu geben, sagt sie.