bedeckt München
vgwortpixel

Unterricht:Interessiert am Stoff, nicht am Schüler

Wer nun denkt, in Hauschkes Generalabrechnung seien nicht nur die Schüler, sondern auch die Lehrer Leidtragende, die die Fehler des Systems Schule auszubügeln versuchen, der irrt. Mit seinen Kollegen geht er besonders hart ins Gericht. Die allermeisten seien an den Kindern als Menschen nicht interessiert, nur an ihrem Fach und dem Stoff. Hauschke wirft diesen Lehrern nicht weniger als Verrat an den Kindern vor. Als Schüler hätten sie selbst erlebt, wie ungerecht Noten, Bewertungen, Urteile sein könnten. Sobald sie aber auf der anderen Seite stehen, übernähmen sie, was sie einst in Frage gestellt hätten - und ließen, zum Beispiel, Schüler wegen einer Stelle hinterm Komma durchfallen.

Oliver Hauschke, 46, arbeitete nach dem Studium zunächst als Gymnasiallehrer in Hessen. 2009 übernahm er die Leitung des gymnasialen Zweigs einer Gesamtschule in Stade.

(Foto: Paul Munzinger)

"Anstatt dieses System und sich selbst zu hinterfragen, versuchen viele Lehrer, sich hinter einer Mauer aus Arroganz und Unnahbarkeit zu verschanzen", schreibt Hauschke. Und erzählt dazu Geschichten. Von seinem Sohn, der den Farbkreis nach Itten korrekt, aber spiegelverkehrt zeichnete - und dafür keinen einzigen Punkt bekam. Von einem Schüler, der die fehlerhafte Frage einer Lehrerin richtig beantwortete - dessen Antwort trotz Protesten aber als falsch bewertet wurde. Es zählte nur, "dass die Schule und die Lehrkraft ihr Gesicht nicht verloren". Fazit: "Eine Reform von innen heraus ist unmöglich."

Schlachtet das Gymnasium!

Also Revolution. Die Schule gehört abgeschafft, mit allem, was dazugehört: mit Klassen und Fächern, mit Klassenzimmern und festem Unterrichtsbeginn, mit Noten und unterschiedlichen Zweigen. Das Gymnasium sei die "heilige Kuh des deutschen Bildungsbürgertums", sagt Hauschke. "Wir müssen sie schlachten." An die Stelle des alten Systems müsse ein neues treten, das den natürlichen Lerntrieb von Kindern bestärkt, statt ihn ihnen auszutreiben. Das Kinder nicht mehr in Klassen und Schulen sortiert. Das den Schülern Wissen vermittelt, das bleibt. Diese Einrichtung könnte Lernort, Lernwerkstatt oder Lernfamilie heißen, sagt Hauschke. "Oder meinetwegen wieder Schule."

Was sollen Schüler heute wissen, wenn sie die Schule verlassen? Nach den Protesten gegen das angeblich zu schwere Mathe-Abitur gab es einige Experten, die darüber eine neue Debatte forderten. Hauschke hat sie bereits begonnen. Sein Vorschlag: Jeder soll die Möglichkeit haben, sich mit den alten Römern, der Kirchenspaltung am Ende des Mittelalters oder mit abseitigen Themen zu beschäftigen, aber niemand muss es tun. Weniger Stoff für alle, dafür mehr für jeden einzelnen.

Es gibt gute Gründe, dieses Buch als Aufruf zum Umsturz zu lesen, mit grobem Strich in dunklen Farben aufs Papier gemalt, um in den Buchläden aufzufallen. Es gibt aber auch gute Gründe, es als Bericht eines Vaters und Lehrers zu sehen, der aus seinen Gewissensnöten ein Buch gemacht hat. Und Ideen hat, über die man reden kann - auch ohne Revolutionsrhetorik.

Schule Das liegende Klassenzimmer

Schularchitektur

Das liegende Klassenzimmer

Frontalunterricht ist von gestern - so wie die Schulen dafür. Für offenes Lernen sind offene Räume gefragt. Das hilft nicht nur den Schülern.   Von Jakob Wetzel