bedeckt München 20°

Lehrer:Schulen konkurrieren um die besten Lehrkräfte

"Der Kardinalfehler ist, dass die Seiteneinsteiger fast alle in den Brennpunktschulen landen", sagt Busse. Das bewegt auch die Schulpolitiker der Berliner Regierungskoalition. Die Sozialdemokratin Maja Lasić ist promovierte Biochemikerin, sie hat im Rahmen der Bildungsinitiative "Teach First Deutschland", die junge Akademiker für zwei Jahre an Schulen in schwieriger Lage schickt, selbst an einer Schule im Wedding unterrichtet. Beeindruckt von der Arbeit dort gab sie einen gut dotierten Job in der Wirtschaft auf, im letzten Jahr wurde sie ins Berliner Landesparlament gewählt.

Schnell fiel ihr auf, dass es eine extreme Konkurrenz zwischen den Schulen um die besten Pädagogen gibt. "Dort, wo pädagogische Schwerstarbeit gefordert ist, soll auch Spitzenpersonal unterrichten", fordert sie. Im Klartext heißt das, dass Quereinsteiger auch an stabilere Schulen etwa in Zehlendorf kommen sollten, die besten jungen Lehrer zum Beispiel in den Wedding.

Lasić hofft, dass mit diesen und anderen Ideen ein grundsätzliches Manko von Problemschulen langfristig behoben werden kann: die Segregation der Schüler. Durch gute Lehrer und eine bessere Ausstattung sowie spannende Profile und interessante Kurse sollen die Brennpunktschulen so attraktiv werden, dass auch Eltern aus wohlhabenderen Vierteln ihre Kinder dort gern hinschicken wollen.

Lockstoff für Lehrer

Lehrer durch neue Anreize auf leere Stellen zu locken, das überlegt man sich auch in Nordrhein-Westfalen. So wollen die Grünen im Landtag mit besserer Besoldung und Zeitkonten dem Lehrermangel an Grundschulen entgegenwirken. Die Oppositionsfraktion plant, dem Plenum Mitte September einen Antrag mit Vorschlägen vorzulegen.

Grundschullehrkräfte, die ihren Vertrag um mindestens eine Stunde pro Woche aufstocken, könnten danach rückwirkend zum 1. August 2018 in die höhere Besoldungsgruppe A13 aufsteigen. Dies kündigte die bildungspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, Sigrid Beer, an. Die Mehrstunden sollen auf einem individuellen Zeitkonto gutgeschrieben werden. In späteren Jahren könnten die Lehrer ihre Unterrichtsverpflichtung dann reduzieren, ohne dass dabei das Gehalt sinke. Das werde ohne Unterrichtslücken in den Schulen möglich, weil die Zahl der Absolventen für das Grundschullehramt in den kommenden Jahren absehbar wieder ansteigen werde, so Beer. Auch wer als Lehrer weiterbildender Klassen oder der Oberstufe an eine Grundschule wechselt, solle nach A13 besoldet werden und für die Grundschule Zusatzqualifikation erhalten. Nach Berechnungen der Grünen würde das Programm etwa 135 Millionen Euro pro Jahr kosten.

Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) hatte im August neue Maßnahmen vorgestellt, mit denen Lehrkräfte angeworben werden sollen, vor allem für die am stärksten vom Lehrermangel betroffenen Grundschulen. Schon 2017 hatte Gebauer Oberstufenlehrern die Möglichkeit eröffnet, an Grundschulen zu arbeiten. Doch nur 153 von etwa 2400 angeschrieben Lehramtsanwärtern nahmen das Angebot an. Wenn die Lehrer weiterhin mit A12 bezahlt würden, entstehe nicht der erhoffte "Klebeeffekt", sagte Beer. SZ, dpa

Davon würden alle Schüler profitieren, sagt Lasić. Wenn aber die Kinder aus bildungsfernen Familien an den Schulen unter sich blieben, könnte keine Chancengleichheit erreicht werden.

Bei einem Besuch bei Astrid-Sabine Busse, in der Schule in der Köllnischen Heide, kann man sehen, wie attraktiv gut ausgestattete Einrichtungen sein können, wenn man sie fördert. Sie hat zusätzliche Mittel vom Land und aus Bundesprogrammen intensiv eingesetzt, um für den Unterricht und das Ganztagsprofil Angebote zu schaffen. Das reicht von der imposanten Holzwerkstatt über den Raum für die Theatergruppe, den Lego-Raum und das "Märchenzimmer" und das Nähstübchen zum Musikraum mit Instrumenten. Die Schulleiterin sagt, sie bräuchten kaum Aufsicht, nur Angebote zur Anleitung durch Honorarkräfte: "Das ist das Zuhause der Kinder. Das machen die nicht kaputt."

Für eine gute Schule brauche es "die drei P...", sagt die erfahrene Direktorin: "Pädagogik, Platz und Personal. Wenn eines fehlt, ist das Mist." Gerade fehle an den Schulen zu oft Personal. Deshalb sei es gewiss gut, dass die Lehrer mehr Geld bekommen sollen. "Das ist eine Form der Anerkennung", sagt Busse. "Lange Zeit hat man ja Pädagogen nicht wertgeschätzt."

Allerdings hört sie gerade von Lehrern, denen an den schwierigen Schulen besonders viel abverlangt wird, einen anderen Wunsch. "Viele hätten lieber eine Reduzierung ihrer Stunden", von derzeit 28 auf vielleicht 23. Denn über ihre Unterrichtsstunden hinaus gebe es so viele aufreibende Aufgaben. "Die Anforderung ist sehr hoch." Aber wie sollte das gerade gehen, in einer Zeit, in der es zu wenig Lehrer gibt?

© SZ vom 10.09.2018/mkoh
Riedstadt 15 08 2017 Einschulung an der Grundschule Crumstadt Neue ABC Sch¸tzen freuen sich ¸ber ih

Schule
:Warum in Deutschland so viele Lehrer fehlen

Sechs Jahre nach der Geburt werden Kinder eingeschult. Eigentlich ausreichend Zeit, um für genügend Lehrer zu sorgen. Oder?

Von Paul Munzinger

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite