Süddeutsche Zeitung

Lehrer-Blog zur Klassenfahrt:"Schlafen Sie denn nie?"

Lesezeit: 3 min

Lehrerin Catrin Kurtz hat ein Pauschalangebot der besonderen Art gebucht: fünf Tage Italien mit 32 pubertierenden Zehntklässlern. Ihr Fazit? Ohne Alkoholverbot wären Klassenfahrten erträglicher.

Ich fahre in den Urlaub! Zumindest ist das die Einschätzung mancher Eltern, als sie ihre Sprösslinge vor dem Schulgebäude in meine Obhut übergeben. Die Eckdaten des Pauschalangebots, zu dem ich beglückwünscht werde: Eine knappe Woche Italien mit 32 pubertierenden Zehntklässlern; Tagesausflüge mit restalkoholisierten Jugendlichen, Notaufnahmetrips wegen schwerster Sonnenbrände und Abendunterhaltung in Form einer kollektiven Hungerstreik-Performance (weil die Pommes aus sind). Und das Beste ist: Während andere viel Geld ausgeben für einen solchen Abenteuerurlaub, bekomme ich als Lehrerin ihn umsonst. Das Ganze nennt sich dann Klassenfahrt.

Die beginnt mit der luxuriösen Anreise. Besagte 32 Schüler, ein Kollege und ich verbringen gemeinsam zehn Stunden in einem unklimatisierten Bus. Einziger Vorteil der fehlenden Belüftung: Der unerträgliche Geruch im vorderen Busteil kann sich nicht verbreiten. Bei einer vorangegangenen Fahrt habe ein schwacher Schülermagen auf der kurvigen Straße nach Garda kapituliert, erklärt mir der Fahrer, "des griagst ned weg!".

Doch so eine Klassenfahrt ist nicht nur olfaktorisch eine Grenzerfahrung, sie bereitet auch akustisch Schmerzen. Sie sind genervt, wenn Sie auf dem Weg in den Urlaub zwei zeternde und zankende Kinder auf der Rückbank haben? Dann bringen Sie mal knapp drei Dutzend 15-Jährigen bei, dass man sich mittlerweile auch in Bussen anschnallen muss, nicht durch das Fahrzeug laufen darf, ein iPod mit Lautsprechern keine Option ist und jegliche Proviantverpackung in die dafür vorgesehen Mülleimer gehört.

Brahms-Beschallung aus Designer-Kopfhörern

Als klassenfahrtserprobte Pädagogin kann ich die Litanei mittlerweile im Halbschlaf bis in die letzte Sitzreihe brüllen. Der Einzige, der sich vehement meinen Anweisungen widersetzt: der geschätzte Kollege. Der quittiert meinen bösen Blick ob der Brahms-Beschallung aus seinen Designer-Kopfhörern mit einem hochgestreckten Daumen und stopft mit der anderen Hand seinen Müsliriegel-Müll zwischen unsere Sitze. Leider kann ich da nicht durchgreifen. Ist er doch einer der wenigen männlichen Kollegen, die sich auf so etwas überhaupt einlassen. Und ohne Begleitlehrer beiderlei Geschlechts gibt es keine Klassenfahrt.

Pause auf einem Rastplatz kurz hinter der italienischen Grenze. Bedeutet für den Kollegen und mich eine Stunde Nervenprobe. Kein Lehrer will Schulleiter und/oder Eltern erklären müssen, wie es passieren konnte, dass Marian irgendwo an der Autobahn verloren gegangen ist. Doch das ist schneller passiert, als man denkt. Denn mancher Zehntklässler ist offensichtlich weder in der Lage, die Uhr lesen, noch den Bus wiederzufinden. Obwohl der noch genau dort steht, wo der Schüler ausgestiegen ist.

Zehn Minuten nach Verlassen des Rastplatzes steht Paul, sonst eine ganz große Klappe, jetzt den Tränen nahe, vor mir: "Frau Kurtz, ich muss wirklich ganz dringend aufs Klo, ich hab's vorher einfach vergessen ..." Der nächste Rastplatz ist noch weit, also bleibt nur, den Busfahrer zu beknien, dass er im Stop-and-go-Verkehr auf dem Seitentreifen anhält. Pädagogisch wertvolle Verkehrserziehung sieht anders aus.

Im Hotel angekommen steht die Zimmerverteilung an. Nach Tränen, Tauschgeschäften und diversen Bestechungen der Schüler untereinander hat irgendwann jeder einen Schlafplatz. Auch wir Lehrer sind komfortabel untergebracht, im Zweierzimmer (was bei Maja für Empörung sorgt: "Frau Kurtz, warum dürfen Sie mit Herrn Volkerts im Zimmer schlafen, aber ich nicht mit Benni!?"), Klo und Dusche sind auf dem Gang. Aber wer hat auch behauptet, Klassenfahrten seien zur Erholung da?

Nein, ein straffes Kulturprogramm ist geplant. Vorausschauenderweise fahren wir das größtenteils im Bus ab - ich kenne meine fußfaule Klasse. Nur wenige Stopps in großen Städten stehen auf der Agenda, und dort gibt es jeweils Shoppingmöglichkeiten, sodass das Bildungssightseeing erträglich sein sollte. Denke ich, bis Karina einen sofortigen Stopp des Busses verlangt: "Frau Kurtz, die Sitze kratzen, ich hab' schon ganz rote Stellen an den Oberschenkeln! Das sieht voll scheiße aus am Strand!"

Ein Gläschen Wein wäre jetzt nicht schlecht

Mit einem gemütlichen Abend am Strand soll der erste Klassenfahrtstag ausklingen. Ein Traum, könnte man meinen. Aber: kein Alkohol, keine Zigaretten, kein Schwimmen in der Abenddämmerung - eine Frechheit, finden die Schüler, und motzen über uns "Spaßbremsen". Ich finde, ein Gläschen Wein wäre jetzt wirklich nicht schlecht.

Als endlich alle im Bett sind - und zwar auch wirklich in ihrem Bett - können wir uns endlich mal hinsetzen und durchatmen. Bis die Türen knallen und die Schüler versuchen, sich in andere Zimmer zu schleichen oder noch ein Bier an der Hotelbar zu ergattern. Erboste Ausrufe, als klar wird, dass wir Lehrer wider Erwarten noch wach sind. "Schlafen Sie denn nie?"

Nach fünf Tagen übergeben wir schließlich erschöpfte, aber zufriedene Schüler wieder ihren Eltern. Alkoholbedingte Ausfälle gab es diesmal nicht und ein Klassenfahrtsbaby ist auch nicht unterwegs. Die durchwachten Nächte haben sich gelohnt. Nur ich, ich wär' jetzt urlaubsreif.

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