Süddeutsche Zeitung

Lehrer-Blog zur Ganztagsschule:Frau Kurtz spielt Verstecken

Mittwochs packt Catrin Kurtz immer eine zusätzliche Packung Taschentücher und ein extragroßes Pausenbrot ein. Sie betreut eine Ganztagsklasse - und braucht dafür nicht nur starke Nerven, sondern auch einen guten Unterschlupf.

Wie kann die Schule berufstätige Eltern unterstützen - und im besten Fall noch einen Beitrag zur Bildungsgerechtigkeit leisten? In Bayern wie in anderen Bundesländern heißt das Zauberwort: Ganztagsschule. Sogenannte "gebundende Angebote" liegen im Trend. Dabei wechseln sich normaler Unterricht, Freizeit- und Lernphasen ab. Auch ich bin einmal die Woche als Betreuungslehrerin in einer Ganztagsklasse eingeteilt: Jeden Mittwoch esse ich mit den Fünftklässlern zu Mittag, betreue sie bei den Hausaufgaben, und wir überlegen uns gemeinsam, was wir tun wollen, wenn wir nichts tun müssen. Gegen 16 Uhr ist für die Schüler Schluss.

Ich freue mich immer auf den Mittwoch. Man lernt die Kinder noch mal ganz anders kennen, ist wirkliche Bezugsperson und nicht nur notengebende Lehrkraft. Und abwechslungsreicher kann ein Arbeitstag als Lehrer gar nicht sein. Ein Protokoll.

2. Stunde: Mittwochs kann ich immer ausschlafen, zumindest für Lehrerverhältnisse. Weil ich länger bleiben muss, darf ich später kommen. Also sitze ich zu Beginn der zweiten Stunde um 8:45 Uhr noch im Lehrerzimmer und schreibe den Wochenplan. Der ist wichtig, damit die Schüler wissen, was sie für Deutsch tun müssen - auch an den Tagen, an denen meine Kollegen "Dienst" haben. Wann sie welche Aufgaben erledigen, dürfen sich die Schüler selbst einteilen.

3. Stunde: Deutschunterricht. Zur Abwechslung hat jeder Schüler die Lektüre zur Hand. Ein großer Vorteil von Ganztagsklassen: Jedes Kind hat im Klassenzimmer eine Box, in der es Schulbücher und persönliche Gegenstände aufbewahren kann. Das schont Schülerrücken und Lehrernerven. Noch kann es aber nicht losgehen: In Lindas Kiste gammelt offenbar schon länger ein Apfel unter dem Deutschbuch vor sich hin. Es mieft. Die Besitzerin angelt das verschrumpelte Obst mit aufgesetzt angewidertem Gesicht und spitzen Fingern aus der Kiste - unter begeisterten Rufen aus der Klasse. Eine gute Show wissen Schüler immer zu würdigen, zumal wenn sie den Unterricht verzögert.

4. Stunde: Wir arbeiten durch. Die Kinder haben beschlossen, dass sie lieber mit Deutsch weitermachen und dafür die Pause ans Ende der Stunde hängen, damit sie Aula und Pausenhof für sich haben. Soll mir recht sein - dann gibt es auch keine Schlange am Kaffeeautomaten. Die letzten zehn Minuten darf jeder Schüler mit seinem Nachbarn den Stoff der Stunde spielerisch wiederholen. Es fließen erste Tränen: "Der Carsten bescheißt die ganze Zeit, der würfelt und legt Wörter, die es gar nicht gibt."

Pause: Ein Schüler wird auf dem Weg in die Aula geschubst, sein Pausenbrot segelt auf den Boden. Weitere Tränen müssen getrocknet werden. Ich opfere mehrere Taschentücher - und die Hälfte meiner eigenen Vesperdose.

5. Stunde: Es ist Studierzeit. Ich überlege gemeinsam mit den Schülern, was bis morgen noch zu erledigen ist, welche Fächer sie vorbereiten und gegebenenfalls lernen müssen. Na ja, zumindest theoretisch. Tatsächlich spielen wir die ersten zehn Minuten das gerade bei Schülern unterer Klassen beliebte "Klospiel".

Drei Minuten nach Beginn der Stunde schießt der erste Arm in die Höhe: "Frau Kurtz, ich muss zur Toilette!" Frau Kurtz antwortet: "Es war doch gerade Pause, Louis! Dann geh schnell - aber nächstes Mal bitte in der Pause." Zwei weitere Hände winken wie wild: "Frau Kurtz, jetzt wo der Louis geht, hab ich gemerkt, dass ich auch muss ..." Frau Kurtz antwortet: "Dann los - sonst noch wer?" Am Ende marschiert ein Fünfer-Grüppchen Jungen beschwingt aus dem Klassenzimmer. Ich habe beim Klospiel verloren - mal wieder.

6. Stunde: Wir gehen alle zusammen in die Mensa. Wundersamerweise hat heute jeder seinen Bezahlchip dabei. Aber es gibt ein anderes Problem: Lisas Eltern haben ihr kein Essen bestellt und eine Brotzeit hat sie auch nicht dabei. So was passiert den besten Müttern und Vätern, aber leider auch den schlechtesten - insofern bin ich da immer sensibel. Gott sei Dank sind die Portionen immer größer als die Schülermägen und mittlerweile haben die Kinder auch gelernt, zu teilen. Übrig gebliebenes Essen wandert nicht mehr - wie noch zu Beginn des Schuljahres - tellerweise in die Tonne. Die Mädchen und Jungen fragen in die Runde, ob jemand die Reste möchte oder teilen sich gleich eine Portion.

Ein anderes Drama kann ich allerdings nicht abwenden: Vier Mädchen streiten sich, wer neben mir sitzen darf. Da schlägt das Lehrerherz, zugegeben, ein kleines bisschen höher.

7. Stunde: Freizeit. Ich soll mit den Schülern Verstecken spielen. Na gut. Als ich hinter einem Schaukasten in der Aula in Deckung gehen will, läuft der Chef vorbei, ausgerechnet. Und natürlich spricht er mich auch noch an, irgendeine Frage, die ihm wieder eingefallen sei, jetzt, wo er mich sehe. Doch die Schüler intervenieren: "Frau Kurtz kann jetzt nicht, die spielt mit uns Verstecken. Aber wenn Sie wollen, dürfen Sie mitspielen!"

8. Stunde: Ich habe gegen 14 Uhr aus, die Kinder noch zwei Stunden Englisch. Ein ganz schön hartes Programm für so kleine Schüler. Aber die meiste Zeit sind sie mit Spaß bei der Sache, genießen es einfach, Zeit mit ihren Freunden zu verbringen. Und kommenden Mittwoch spielen wir wieder Verstecken - ich hab's versprochen.

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