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Lehrer-Blog zu verliebten Schülern:"Willst du mit mir geh'n?"

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Ja, manchmal findet sich Catrin Kurtz ein bisschen prüde.

(Foto: Illustration: Katharina Bitzl)

"Kreuze an: ja/nein/vielleicht": Die Hormone kochen hoch an der Schule von Lehrerin Catrin Kurtz. Welches Drama sich hinter dem Beziehungsdreieck Paula-Dennis-Lisa verbirgt - und warum eine Liebeserklärung auch in einer Blutlache berührend sein kann.

Manchmal kann ich mir ein "Habt ihr kein Zuhause?" nicht verkneifen. Schon bei der Frühaufsicht, also vor Unterrichtsbeginn um kurz vor acht, wird in der Aula wild geknutscht. In der großen Pause geht es leidenschaftlich weiter, und wenn man im Unterricht darum bittet, das Händchenhalten doch bis zur nächsten kleinen Pause aufzuschieben, stößt man auf Unverständnis. "Wie prüde sind Sie denn, Frau Kurtz!?"

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich finde es toll, dass bei uns an der Schule so viel Liebe in der Luft liegt, ganzjährig, nicht nur jetzt zur Frühlingszeit. Und ich erinnere mich auch gerne zurück an meine eigene Jugend, als im Unterricht Zettelchen durchgereicht wurden, auf denen stand: "Willst du mit mir geh'n? Kreuz an: ja, nein, vielleicht!"

Problematisch wird es nur, wenn das Liebesglück schwindet. Paula aus der fünften Klasse ist jetzt zum Beispiel mit Dennis zusammen. Eifrig werden Diddl-Liebes-Grußkarten getauscht und Händchen gehalten. Die Tragik an der Geschichte: Dennis ging vorher mit Lisa aus der Parallelklasse. Und diese Lisa ist immer noch "voll verliebt" in ihn, wie mir neulich auf dem Pausenhof von Mitschülerinnen berichtet wurde.

Alles nur wegen Dennis

Seinen Höhepunkt findet das Liebesdrama allwöchentlich im Mädchensportunterricht: Dort treffen die Konkurrentinnen um Dennis' Gunst nämlich aufeinander. Die gegenseitige Animosität geht so weit, dass Ballspiele bis auf Weiteres eingestellt werden mussten. Denn Lisa hatte keine Gelegenheit ausgelassen, Paula abzuwerfen - "da hin, wo's wehtut" (O-Ton der gut informierten Mitschülerinnen). Und alles nur wegen Dennis.

Ach, und dann ist da noch Basti aus der Sechsten. Der steht eigentlich auf Lisa, weil die ja aber Dennis hinterhertrauert, ist er jetzt mit Jenny zusammen. Der besten Freundin von Lisa. Damit sie endlich auf ihn aufmerksam wird.

Sind Sie mitgekommen - oder soll ich noch mal von vorne? Obwohl ich regelmäßig Daily Soaps schaue, blicke auch ich manchmal nicht so ganz durch, wer jetzt mit wem und warum. Und dann kann sich alles auch ganz schnell wieder ändern: Manchmal sind Pärchen, die morgens noch knutschend in der Aula standen, beim Nachmittagsunterricht schon wieder Geschichte. Bei so viel Gefühlsüberschuss hilft nur Gelassenheit.

Liebesbriefe, die quer durchs ganze Klassenzimmer fliegen, sammle ich zwar ein - aber lesen? Niemals, das hält ja kein Mensch im Kopf aus, was die lieben Kleinen sich da so schreiben!

"Frau Kurtz, Sie sind immer so wunderschön!"

Aber nicht nur Mitschüler werden angehimmelt. Ob Sie's glauben oder nicht, auch ich habe Fans in der Schülerschaft. Vor den Faschingsferien habe ich den Lehrerzimmerrekord an selbstgemalten Bildern aufgestellt. 15 (!) wunderbare Fünftklässlerinnen-Gemälde zieren meinen Arbeitsplatz, darauf zu sehen: ich, ich mit den Fünftklässlerinnen, ich beim An-die-Tafel-Schreiben und ich im Pausenhof. Verziert mit Schriftzügen wie "Frau Kurtz ist die Beste" oder "Frau Kurtz, Sie sind immer so wunderschön!". Überreicht wurden mir die Bilder im Klassenzimmer vor einer bunt bemalten Tafel mit einem vergleichbar schmeichelhaften Schriftzug.

Von einer Kollegin habe ich später erfahren, dass die Schüler bei jedem Lehrerwechsel einfach den Namen weggewischt und einen neuen hingeschrieben haben, sodass allen Lehrer an diesem Tag ein Lob zuteilwurde. Ich gebe zu: Kurz war ich eingeschnappt - wer will schon austauschbar sein? Aber ich habe ja noch meine selbstgemalten Bilder. Und den Ruf als beste Händchenhalterin unter den Lehrern habe ich seit der Sache mit Linus und der Treppe auch.

Der Vorfall ereignete sich im vergangenen Schuljahr: Linus stolperte am Treppenabsatz, segelte die zehn Stufen hinunter und knallte - Kopf voran - quasi direkt zu meinen Füßen auf den Steinboden in der Aula. Klaffende Platzwunde am Kopf, überall Blut, ein Sechstklässler, der ganz männlich keine Tränen zeigen wollte, aber meine Hand umklammert hielt, bis die Rettungssanitäter eintrafen. Inmitten der Blutlache, fest meine Hand drückend sagte Linus dann: "Meine Mama hat schon immer gesagt, ich soll froh sein, dass ich Sie habe!"

Als ich später blutverschmiert ins Lehrerzimmer zurückkehrte und dort von Kollegen gefragt wurde, ob ich jetzt schon Schüler massakriere, war mir immer noch ganz warm ums Herz. Das mit der Liebe ist schon eine feine Sache.

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