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Lehrer-Blog zu Inklusion:Ein Attest fürs Kaugummikauen

Schreibe ich zum Beispiel in Klasse fünf einen Deutschaufgabe, dann bekommt Tim 20 Prozent Zeitzuschlag, Sebastian 30 Prozent, Magdalena muss die Aufgabenstellung vorgelesen bekommen und Hussein darf auf dem Computer schreiben, mit bis zu 80 Prozent Zeitzuschlag. Nicht zu vergessen, dass Tanja die Aufgabenstellung nicht im normalen DIN-A4-Format bekommen soll, sondern auf einem DIN-A3-Blatt. Das Papier ist damit fast halb so groß wie das zierliche Kind mit Sehschwäche.

Außerdem darf ich nicht versäumen, Vroni eine halbe Stunde vor jeder Schulaufgabe und jedem Test zu fragen, ob sie ihre Tabletten genommen hat, sonst kann sie sich nicht konzentrieren. Und dann ist da noch Johannes: Dem erlaubt ein ärztliches Attest (!) das Kaugummikauen während des Unterrichts. Konzentration, Sie wissen schon.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Viele dieser "Extrawürste" mögen durchaus ihre pädagogische Berechtigung haben - was weiß ich schon über die wundersame Wirkung eines Kaugummis? Aber je mehr Schüler mit individuellen Bedürfnissen in einer Klasse sitzen, desto mehr bekomme ich das Gefühl, nicht mehr allen gerecht werden zu können. Denn was ist mit den 20 Schülern, die keinen Zeitzuschlag brauchen, kein Attest oder Sonstiges haben?

Wer kann sich da noch konzentrieren?

Wenn ich eine Schulaufgabe schreibe, lese ich die Aufgabenstellung inzwischen für alle laut vor, ich kann schließlich nicht mit einem einzelnen Kind den Raum verlassen. Anschließend gibt es vier verschiedene Abgabetermine, von denen einige gar nicht mehr in meiner Doppelstunde liegen. Im Normalfall habe ich im Anschluss an die Stunde selbst gleich wieder Unterricht und muss also darauf hoffen, dass ein netter Kollege Freistunde hat und für mich die Aufsicht übernimmt. Oder wir schreiben die Schulaufgabe in die Pause hinein, dann haben besagte Schüler aber keine Pause. Oder ich schreibe in der fünften und sechsten Stunde, dann müssen sie länger bleiben - auch blöd, denn wer kann sich so spät noch konzentrieren?

Wer also kritisiert, dass an bayerischen Schulen zu wenig Inklusion stattfindet, den möchte ich gerne einmal einladen, sechs Stunden lang an meinem Schulalltag teilzunehmen.