Süddeutsche Zeitung

Lehrer-Blog:Vorsicht vor dem Fünftklässler

Lesezeit: 2 min

Lieb und süß - so hat sich Catrin Kurtz ihre fünfte Klasse erträumt. Doch sie bekommt eine Horde Jungs. Und jede Menge Probleme.

Habe ich zu Beginn des Schuljahres gesagt, dass ich mir liebe, süße, kleine Fünftklässler wünsche? Also eine fünfte Klasse habe ich bekommen - aber lieb und süß sind die wenigsten Schüler. Stattdessen: Überwiegend zehn- und elfjährige Jungs, die ihre Kräfte messen müssen, sobald sie meinen, die Lehrerin schaue nicht hin.

Schon am ersten Schultag wurden Sitzplatzstreitigkeiten mit unflätigen Ausdrücken und Rangeleien geklärt. "Das haben Hannes und Kevin in der Grundschule auch schon immer so gemacht", klärte mich ein Mitschüler der beiden auf. Gut zu wissen! So konnte ich zumindest verhindern, dass sich die beiden Unruhestifter in die letzte Reihe setzen. Die birgt auch ohne Hannes und Kevin schon genug Konfliktpotenzial.

Die beiden Streithähne waren allerdings nicht die Einzigen, die sich erst an die Umgangsformen in der Realschule gewöhnen mussten. Aus der Grundschule kennen es die Kinder offensichtlich, dass man Lehrer duzt und konnten sich partout nicht damit abfinden, mich zu siezen. Umgekehrt hatte ich Mühe, mir die Namen der Schüler einzuprägen. Denn die wenigsten Namensschilder überlebten lange. Sie fielen noch im Verlauf der ersten Schulstunde herunter und wurden nie mehr gesehen. Oder sie waren spätestens beim zweiten Aufeinandertreffen bis zur Unleserlichkeit zerknittert.

"Was kann ich für dich tun?"

Auch dass man in der Stunde sitzen bleibt und sich meldet, war meinen Fünftklässlern unbekannt. Manchmal kam ich mir im Unterricht vor wie eine Kundenberaterin in der Bank: Vor meinem Pult ein Schülerpulk, jeder wollte seine Anliegen individuell loswerden und beantwortet haben - auch wenn die Schüler häufig die gleiche Frage hatten. Fehlte nur ein Schild: "Diskretion - bitte Abstand halten".

Fünftklässler bringen aus der Grundschule Ballast mit. Dazu gehören auch (mindestens) drei Federmäppchen mit Stiften aller Art, Farbe und Liniendicke. Das führt dazu, dass selbst eine einfache Anweisung wie "Jetzt nimmt jeder einen Stift und schreibt das auf" einen Schwall an Rückfragen nach sich zieht. "Welche Farbe? Und welchen Stift - darf ich auch mit Fineliner schreiben, Frau Kurtz? Kann ich Tintentod benutzen? Muss die Überschrift auch lila sein?"

Aber aus Erfahrung wird man bekannterweise klug und so weiß ich nicht nur, was ich den Eltern künftiger Fünftklässler bei erster Gelegenheit mit auf den Weg gebe (nämlich den Arbeitsauftrag, zwei Mäppchen zu entsorgen). Ich habe auch ein laminiertes Regelwerk für die lieben Kleinen in petto:

  • Ich melde mich.
  • Ich spreche nur, wenn ich aufgerufen werde.
  • Ich steige nicht auf den Tisch, wenn ich etwas vorne an der Tafel nicht richtig lesen kann.
  • Ich haue meinen Sitznachbarn nicht, wenn er etwas Falsches sagt.
  • Gleiches gilt für meinen Vordermann.
  • Mein Pausenbrot esse ich in der Pause und nicht im Matheunterricht danach.
  • Nach Möglichkeit gehe ich in den Pausen auf die Toilette.
  • Wenn ich während einer Schulstunde mal muss, melde ich mich und gehe nicht einfach.
  • Wenn es ganz dringend ist und die Lehrerin an die Tafel schreibt und nicht sieht, dass ich mich melde, dann darf ich mich auch verbal bemerkbar machen, bevor ich in die Hose mache.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.1822979
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
Süddeutsche.de/jobr/rus
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.