Lehrer-Blog über Mobbing Marie und die Neue

Catrin Kurtz weiß: Mobbing ist nicht gleich Mobbing.

"Bitte sagen Sie nichts, sonst wird alles nur noch schlimmer": Wenn ein Schüler gemobbt wird, fühlt sich Lehrerin Catrin Kurtz oft hilflos. Manchmal sind die Grenzen zwischen Täter und Opfer sogar fließend.

"Frau Kurtz, meine Mutter will unbedingt zu Ihnen in die Sprechstunde!" - "Gerne, geht es denn um etwas Besonderes?" - "Paul hat mich heute in der Pause gemobbt."

Solche Szenen spielen sich in deutschen Schulen häufiger ab, bei mir erst vergangene Woche. Auf die Nachfrage, was denn genau passiert sei, antwortete der Schüler, dass besagter Paul ihm seine Mütze weggenommen habe. Erleichtertes Durchatmen bei mir, später bestätigte sich der Anfangsverdacht: kein Mobbing, sondern eine alltägliche Streiterei zwischen eigentlich gut befreundeten Sechstklässlern, die irgendwo das Wort Mobbing aufgeschnappt haben.

Dass der Begriff mittlerweile in aller Munde ist, hängt auch damit zusammen, dass sich Mobbing unter Schülern in den vergangenen Jahren ausgeweitet hat. Heute wird nicht mehr nur auf dem Pausenhof gelästert, gepöbelt und bedroht, sondern zusätzlich im Netz. Das ist eine beunruhigende Entwicklung. Allerdings beobachte ich auch, dass parallel der undifferenzierte und dramatisierende Gebrauch des Begriffs Mobbing zunimmt. Überbesorgte Eltern mischen sich in einfache Auseinandersetzungen ihrer Kinder ein, die wir als Kinder früher noch untereinander geregelt und dadurch unsere sozialen Kompetenzen gestärkt haben.

Mützenklau ist kein Mobbing

Die beliebige Verwendung der eingedeutschten Vokabel schadet am meisten den wirklichen Mobbingopfern. Versteht man darunter doch eigentlich eine besondere Form der körperlichen und verbalen Gewalt, bei der ein oder mehrere Täter ein unterlegenes Opfer regelmäßig und über einen längeren Zeitraum hinweg schikanieren. Wenn Paul Max in der Pause die Mütze wegnimmt, ist das noch kein Mobbing. Vor allem dann nicht, wenn Max zuvor die Trinkflasche von Paul versteckt hatte. Das ist einfach die klassische Eskalationslogik jugendlicher Streiche: Bis einer heult.

In solchen Fällen ist mein Job als Lehrerin einfach, maximal sind ein paar Tränen zu trocknen. Bei Mobbing hingegen fühle ich mich oft hilflos. Natürlich schreite ich in der Schule ein, wenn ich Zeuge von körperlichen oder Verbalattacken werde. Aber wie viel bekomme ich gar nicht mit? Als Außenstehender ist es oft nicht leicht, Mobbing zu erkennen. Die Täter verwenden häufig subtile Methoden wie versteckte Hänseleien und Bedrohungen, Erpressung, üble Nachrede oder einfach systematisches Ignorieren.

Spätestens nach Schulschluss, auf dem Heimweg oder in der Abgeschlossenheit des Kinderzimmers sind die Opfer auf sich allein gestellt. In sozialen Netzwerken können Mobber andere noch leichter beeinflussen und instrumentalisieren. Denn Täter und Mittäter sind nicht unmittelbar mit dem Opfer und seinem Schmerz konfrontiert. Da fallen Hemmschwellen.

Schule Virtuelle Verletzungen, realer Schmerz
Cybermobbing unter Schülern

Virtuelle Verletzungen, realer Schmerz

Beleidigt, verleumdet, ausgegrenzt: Etwa 17 Prozent aller Schüler sind einer Studie zufolge schon mal Opfer von Cybermobbing geworden. Jedes vierte Opfer leidet noch heute unter der Attacke. Eltern und Lehrern ist das Problem zwar bewusst - doch sie fühlen sich hilflos.   Von Johanna Bruckner