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Lehrer-Blog:"Ich will nicht in die Schule!"

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(Foto: Illustration: Katharina Bitzl)

Schüler hassen Schule. Lehrer lieben sie (warum wären sie sonst Lehrer geworden?). Oder? In der ersten Folge des Lehrer-Blogs räumt Catrin Kurtz mit diesem Klischee auf und bekennt: Am ersten Schultag nach den Sommerferien könnte sie manchmal kotzen.

Wird im Lehrerzimmer über den Rektor gelästert? Wie reden Lehrer untereinander über Schüler? Und was halten sie von den Eltern? Von dieser Woche an lüftet SZ.de diese und weitere Schulgeheimnisse mithilfe einer Frau, die es wissen muss: Catrin Kurtz unterrichtet an einer Realschule in Bayern Deutsch und evangelische Religion. Sie ist Anfang 30, verheiratet und geht in ihrer Freizeit gerne ins Fitnessstudio. Catrin Kurtz heißt in Wahrheit anders. Sie schreibt hier anonym, zu ihrem eigenen Schutz und zum Schutz der Personen, um die es in ihren Beiträgen geht. Ansonsten wird im Lehrer-Blog aber Klartext gesprochen - in der ersten Folge zur Frage: Graut es eigentlich auch Lehrern vor dem ersten Schultag?

"Ich will nicht in die Schule, ich will wirklich nicht!" "Du musst aber, du bist doch die Lehrerin!" Wer kennt diesen Witz nicht? Tatsächlich trifft er genau meine Gefühlslage an einem Septembermorgen vor ziemlich genau einem Jahr. Nach sechs Wochen Sommerferien stand der erste Schultag an - und ich hatte am Nachmittag vorher erfahren, dass ich Klassenlehrerin einer neunten Klasse werden würde.

Eine neunte Klasse, und dann auch noch diese Klasse, berüchtigt und gefürchtet im Kollegium. Wie viel lieber hätte ich eine liebe, süße fünfte Klasse bekommen, wie sie mir eigentlich versprochen worden war! Stattdessen kratzbürstige Teenager mitten in der Pubertät - und dann auch noch aus dem künstlerischen Zug. Des Realschullehrers Lieblingszweig, erfahrungsgemäß lauter Individualisten. Aber was half alles innerliche Jammern und Winden, auch als Lehrer hat man Schulpflicht und so war ich pünktlich zum Gong im Klassenzimmer und harrte der Dinge.

Fünf Minuten nach dem Gong trudelten dann liebenswürdigerweise die ersten Schüler ein. Riesige Schüler, meiner Meinung nach viel zu groß und erwachsen für Neuntklässler. Grell geschminkte Mädels mit winzigen Handtäschchen und schlaksige Jungs ohne irgendeine Art von Tasche. Anwesenheit alleine war offensichtlich genug der Ehre, Schulsachen am ersten Schultag des Anspruchs zu viel.

Mini-Handtasche, Maxi-Probleme

Nachdem sich die Schüler ausgiebig über ihre Ferienerlebnisse ausgetauscht hatten, folgte eine Phase allgemeiner Empörung (weil ich unverschämterweise Ruhe einforderte und Aufmerksamkeit verlangte) - bevor ich zu fortgeschrittener Stunde mit organisatorischen Dingen beginnen konnte. Tagesordnungspunkt eins: Ausgabe der Schulbücher. Dass es die tatsächlich am ersten Schultag gab, sorgte abermals für großen Aufruhr. "Wo soll ich die Bücher hinpacken, in meine Handtasche passen sie nicht!"

Ach, echt? Nach acht Jahren Schule, davon vier an der Realschule, an der es schon immer am ersten Schultag die Bücher gab, waren die Schüler ernsthaft überfordert. Schulbücher wurden in Miniaturhandtaschen gestopft, panisch Plastiktüten organisiert oder die lieben Eltern zum Bücherchauffeurdienst herbeordert.

Nach vier Schulstunden und diversen Reibereien (Standpunkte mussten deutlich gemacht werden, auf beiden Seiten) blieb noch etwas Zeit übrig. Als gute Deutschlehrerin nutzte ich diese - aus meiner Sicht: sinnvollerweise, aus Schülersicht: sadistischerweise - für ein Diktat. Stellen Sie sich das vor, ein Diktat, am ersten Schultag, Frechheit! Und überhaupt, wie soll man ohne Stifte und Block ein Diktat mitschreiben?

Doch vorausschauende Lehrer haben für solche Fälle extra eine Stiftebox dabei und Blätter gibt es normalerweise an jeder Schule genug. Es gab also keine Ausflüchte. Ich war an diesem Tag mindestens die unbeliebteste Lehrerin der Schule.

Wochen später, wir hatten uns langsam aneinander gewöhnt, und irgendwie mochten wir uns sogar ein bisschen, teilten mir auf einer Klassenfahrt die Mädels der Klasse ganz im Vertrauen mit: "Wissen Sie, Frau Lehrerin, am ersten Schultag, wir hätten kotzen können. Sie waren so gemein, wir haben Sie gehasst, wir hätten echt so was von kotzen können."

Wissen Sie was? Ich auch.

© Süddeutsche.de/jobr/bön

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