Süddeutsche Zeitung

Lehramtsstudium:Aussuchen statt ausbrennen

  • Für das Lehramtsstudium gibt es in Deutschland kaum Eignungstests - quasi jeder, der auf Lehramt studieren will, kann das tun.
  • Experten halten die Praxis für gefährlich, da viele Studenten gar nicht für den Lehrberuf geeignet seien. Viele endeten aus diesem Grund im Burn-out.
  • Österreich hat bereits ein Gesetz erlassen, das selektive Eingangstests für alle Lehramtsstudenten vorschreibt. In Deutschland ist nur zaghaftes Umdenken zu erkennen.

Von Alex Rühle

Das ganze Elend lässt sich in zwei Prozentzahlen zusammenfassen: Finnland 10. Deutschland 100.

In Finnland muss man sich, wenn man Lehrer werden will, um einen Studienplatz bewerben und einen Eignungstest durchlaufen. Nur jeder zehnte wird am Ende zum Studium zugelassen und darf Lehrer werden. In Deutschland kann im Grunde jeder Lehramt studieren, der will, man muss ja froh sein, wenn man genug Leute findet, die den Job noch machen wollen, so schlecht, wie er angesehen ist. Es gibt hierzulande keinerlei Eignungstest. "In Deutschland", sagt Norbert Seibert, "werden erst mal hundert von hundert genommen."

Seibert ist Inhaber des Lehrstuhls für Schulpädagogik in Passau. Er plädiert seit Jahren dafür, angehende Lehramtsstudenten auf ihre pädagogischen Fähigkeiten hin zu testen. Er hat deshalb das Projekt "PArcours" entwickelt, einen achtstündigen eignungsdiagnostischen Test.

Dieser freiwillige Parcours funktioniert wie ein Assessment-Center: Die Probanden müssen sich selbst vorstellen, nehmen an einer Gruppendiskussion teil, an Rollenspielen und Empathieübungen. Ein Expertengremium aus Lehrern, Rektoren, Schulräten und Lehrstuhlmitarbeitern achtet auf die Körperhaltung, die Sprachkompetenz und das Einfühlungsvermögen. "Am Ende muss ich circa fünfzehn Prozent der Teilnehmer sagen, dass sie besser einen anderen Studiengang wählen sollten." Insgesamt, so schätzt Seibert, sind bis zu vierzig Prozent der Lehramtsstudenten eigentlich ungeeignet für den Beruf.

Das bayerische Kultusministerium ist gegen einen solchen Test, schließlich, so die Argumentation, würden die jungen Menschen sich im Lauf des Studiums weiterentwickeln, da dürfe man 18-Jährigen nicht voreilig den Weg verbauen. Seibert kann darüber nur lachen. "Klar kann man sich entwickeln. Fragt sich, was das Kultusministerium als wichtig erachtet für die Weiterentwicklung. Die pädagogische Schulung kann's kaum sein." Seibert spielt darauf an, dass ein bayerischer Lehramtsstudent im ganzen Studium nur zwei bis drei Pädagogikveranstaltungen besuchen muss. "Besuchen muss er sie gar nicht", so Seibert. "Einschreiben reicht, es gibt bei diesen Veranstaltungen nicht einmal Anwesenheitspflicht." Bei einem angehenden Gymnasiallehrer macht der Bereich "Schulpädagogik" 1,58 Prozent seiner Gesamtnote aus. "Wenn er also in Pädagogik eine fünf schreibt, hat er trotzdem bestanden."

Ein Lehrer mit Burn-out kostet den Freistaat Bayern 375 000 Euro

"Außerdem", so seine Kollegin Doris Cihlars, die mit Seibert zusammen den Test organisiert, "außerdem sind gerade die pädagogischen Kernkompetenzen, also emotionale Stabilität, Gewissenhaftigkeit, Offenheit und Empathie mit 20 Jahren bereits so gut ausgebildet, dass ich prognostizieren kann, ob dieser Mensch später allein vor einer Klasse Probleme bekommen wird."

Nobert Seibert kam durch Zufall zu seinem Thema. 2004 ließ das Münchner Kultusministerium untersuchen, wie viele Lehrer frühpensioniert werden. Antwort des Amtsarztes: 94 Prozent. Seibert wollte seinen Augen nicht trauen. Nur sechs von hundert Lehrern arbeiteten damals bis zur Pensionierung? Was läuft da falsch?

In finanzieller Hinsicht sehr viel: Ein Lehrer mit Burn-out kostet den Freistaat durchschnittlich 375 000 Euro. Alle erkrankten Lehrer schlagen in Bayern mit 250 Millionen im Jahr zu Buche.

Österreich ist Deutschland voraus

Spätestens seit der sogenannten Hattie-Studie ist bekannt, wie zentral der Lehrer für den Lernerfolg einer Klasse ist. Der neuseeländische Bildungsforscher John Hattie hatte alle englischsprachigen Studien zum Lernerfolg gesichtet und in seiner Metastudie ein eindeutiges Fazit daraus gezogen: Was zählt, ist der einzelne Lehrer. Wie bereitet er den Stoff auf? Wie stringent führt er durch die Stunde? Erreicht er die Kinder? Kann er sich für das, was er da unterrichtet, selbst begeistern? Welche Kompetenzen aber braucht ein Lehrer noch? Natürlich, er braucht breites Wissen über das Fachgebiet, das er vermitteln soll. Genauso wichtig ist in Seiberts und Cihlars Augen aber, "dass er sich selbst gut kennt. Er braucht pädagogisches Geschick, Empathie, soziale Kompetenz und sollte sich gut ausdrücken können, wie sonst sollte er seinen Stoff vermitteln? Wir bräuchten also", so Seibert, "viel mehr Pädagogik im Studium."

Nun klingt es natürlich pro domo, wenn ein Pädagogikprofessor für sein eigenes Fach mehr Relevanz einklagt. Aber Seibert ist mit seiner Diagnose nicht allein. Laut Hochschul-Bildungs-Report des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft sagen nur 16 Prozent der Lehramtsstudierenden, sie hätten ein gutes Selbstvertrauen, nur 13 Prozent halten sich für durchsetzungsstark. Für einen Beruf, der darin besteht, alleine vor 30 Schülern zu stehen, die ja nicht unbedingt freiwillig in einem Raum sitzen, ist das keine beruhigende Selbsteinschätzung.

Jeder vierte Lehramtsstudent nennt eigenes Studienfach nur "Notlösung"

Uwe Schaarschmidt, ehemaliger Leiter der Potsdamer Lehrerstudie zum Arbeits- und Gesundheitsschutz, sagt, die psychische Belastung von Lehrern sei oft die Folge einer falschen Berufswahl. Sechs Jahre lang hat der emeritierte Professor die Gesundheitsbelastung von mehr als 16 000 Pädagogen untersucht - und bei 60 Prozent ein hohes Maß an Überforderung und Resignation festgestellt. Jeder vierte klagte ihm gegenüber schon im Studium über Erschöpfung.

Der Erziehungswissenschaftler Udo Rauin untersuchte in einer Langzeitstudie 1100 Lehramtsstudenten. Sie wurden an vier Zeitpunkten ihrer Laufbahn nach Fachwissen, Motivation und Eignung befragt. Das bestürzendste Resultat der Studie: 25 Prozent der Studienanfänger wollten gar nie Lehrer werden und beschrieben ihre Studienwahl nur als "Notlösung".

Was das Argument des bayerischen Kultusministeriums angeht, man entwickle sich ja im Lauf des Studiums: Mag sein, dass das für einige stimmt. Was aber ist mit denen, die nach einigen Semestern selbst spüren, dass es mit ihrer Selbstentwicklung nicht weit her ist? Knapp 30 Prozent der von Rauin befragten Studenten gaben sich nach sechs Semestern in Bereichen wie Engagement im Studium, berufliche Motivation und fachliches Wissen schlechte Noten -, hielten aber trotzdem am Berufsziel fest. Grund: Wer mit Lehramt beginnt, legt sich sehr stark fest. "Weitere akademische Berufsfelder sind meist versperrt", so Rauin. Spricht das nicht dafür, diesen Leuten vor dem Studium nahezulegen, etwas anderes zu machen?

Österreich hat vor einem Jahr ein Gesetz erlassen, das selektive Eingangstests für alle Lehramtsstudenten vorschreibt. In Deutschland aber ist nur äußerst zaghaftes Umdenken zu erkennen: An der Universität Paderborn muss vor Studienantritt ein verpflichtendes Eignungspraktikum absolviert werden. Wer sich an einer baden-württembergischen Hochschule oder der Universität Hamburg für das Lehramtsstudium einschreiben will, muss nachweisen, dass er den Fragebogen des Tests Career Counselling for Teachers (CCT) absolviert hat. Diesen CCT aber legt jeder Aspirant selbst am Rechner ab. Anonym. Die Hochschule muss dem Studenten vertrauen, dass er den Test wirklich gemacht hat. Und der Student kann sich, selbst wenn ihm darin völlige Unfähigkeit attestiert wurde, dennoch einschreiben. In Bayern aber wird nicht mal dieser Test verlangt. "Entweder man kommt bei uns als Lehrer auf die Welt, oder man endet im Burn-out", spitzt Seibert zu.

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SZ vom 07.05.2015/mkoh
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