Lehramtsstudium:Österreich ist Deutschland voraus

Spätestens seit der sogenannten Hattie-Studie ist bekannt, wie zentral der Lehrer für den Lernerfolg einer Klasse ist. Der neuseeländische Bildungsforscher John Hattie hatte alle englischsprachigen Studien zum Lernerfolg gesichtet und in seiner Metastudie ein eindeutiges Fazit daraus gezogen: Was zählt, ist der einzelne Lehrer. Wie bereitet er den Stoff auf? Wie stringent führt er durch die Stunde? Erreicht er die Kinder? Kann er sich für das, was er da unterrichtet, selbst begeistern? Welche Kompetenzen aber braucht ein Lehrer noch? Natürlich, er braucht breites Wissen über das Fachgebiet, das er vermitteln soll. Genauso wichtig ist in Seiberts und Cihlars Augen aber, "dass er sich selbst gut kennt. Er braucht pädagogisches Geschick, Empathie, soziale Kompetenz und sollte sich gut ausdrücken können, wie sonst sollte er seinen Stoff vermitteln? Wir bräuchten also", so Seibert, "viel mehr Pädagogik im Studium."

Nun klingt es natürlich pro domo, wenn ein Pädagogikprofessor für sein eigenes Fach mehr Relevanz einklagt. Aber Seibert ist mit seiner Diagnose nicht allein. Laut Hochschul-Bildungs-Report des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft sagen nur 16 Prozent der Lehramtsstudierenden, sie hätten ein gutes Selbstvertrauen, nur 13 Prozent halten sich für durchsetzungsstark. Für einen Beruf, der darin besteht, alleine vor 30 Schülern zu stehen, die ja nicht unbedingt freiwillig in einem Raum sitzen, ist das keine beruhigende Selbsteinschätzung.

Jeder vierte Lehramtsstudent nennt eigenes Studienfach nur "Notlösung"

Uwe Schaarschmidt, ehemaliger Leiter der Potsdamer Lehrerstudie zum Arbeits- und Gesundheitsschutz, sagt, die psychische Belastung von Lehrern sei oft die Folge einer falschen Berufswahl. Sechs Jahre lang hat der emeritierte Professor die Gesundheitsbelastung von mehr als 16 000 Pädagogen untersucht - und bei 60 Prozent ein hohes Maß an Überforderung und Resignation festgestellt. Jeder vierte klagte ihm gegenüber schon im Studium über Erschöpfung.

Der Erziehungswissenschaftler Udo Rauin untersuchte in einer Langzeitstudie 1100 Lehramtsstudenten. Sie wurden an vier Zeitpunkten ihrer Laufbahn nach Fachwissen, Motivation und Eignung befragt. Das bestürzendste Resultat der Studie: 25 Prozent der Studienanfänger wollten gar nie Lehrer werden und beschrieben ihre Studienwahl nur als "Notlösung".

Was das Argument des bayerischen Kultusministeriums angeht, man entwickle sich ja im Lauf des Studiums: Mag sein, dass das für einige stimmt. Was aber ist mit denen, die nach einigen Semestern selbst spüren, dass es mit ihrer Selbstentwicklung nicht weit her ist? Knapp 30 Prozent der von Rauin befragten Studenten gaben sich nach sechs Semestern in Bereichen wie Engagement im Studium, berufliche Motivation und fachliches Wissen schlechte Noten -, hielten aber trotzdem am Berufsziel fest. Grund: Wer mit Lehramt beginnt, legt sich sehr stark fest. "Weitere akademische Berufsfelder sind meist versperrt", so Rauin. Spricht das nicht dafür, diesen Leuten vor dem Studium nahezulegen, etwas anderes zu machen?

Österreich hat vor einem Jahr ein Gesetz erlassen, das selektive Eingangstests für alle Lehramtsstudenten vorschreibt. In Deutschland aber ist nur äußerst zaghaftes Umdenken zu erkennen: An der Universität Paderborn muss vor Studienantritt ein verpflichtendes Eignungspraktikum absolviert werden. Wer sich an einer baden-württembergischen Hochschule oder der Universität Hamburg für das Lehramtsstudium einschreiben will, muss nachweisen, dass er den Fragebogen des Tests Career Counselling for Teachers (CCT) absolviert hat. Diesen CCT aber legt jeder Aspirant selbst am Rechner ab. Anonym. Die Hochschule muss dem Studenten vertrauen, dass er den Test wirklich gemacht hat. Und der Student kann sich, selbst wenn ihm darin völlige Unfähigkeit attestiert wurde, dennoch einschreiben. In Bayern aber wird nicht mal dieser Test verlangt. "Entweder man kommt bei uns als Lehrer auf die Welt, oder man endet im Burn-out", spitzt Seibert zu.

© SZ vom 07.05.2015/mkoh
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