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Legastheniker Tiemo Grimm:"Intelligenz ist bei Legasthenikern genauso normalverteilt wie im Rest der Bevölkerung"

Drei Ihrer sechs Kinder sind Legastheniker. Wie ist deren Bildungskarriere verlaufen?

Der damals noch gültige Legasthenie-Erlass in Bayern war für die Schulen nicht bindend und auch nur bis zur sechsten Klasse gültig. Für Betroffene, also auch für meine Kinder, war es so kaum möglich, irgendeinen Nachteilsausgleich zu bekommen. Die Lehrer hat das zu dieser Zeit nicht nur kaum interessiert - sie haben die Schüler teils richtiggehend gequält. Ohne die Hilfe der Kinder- und Jugendpsychiatrie hätten meine Kinder das gewiss nicht seelisch gesund überstanden. Ein Arzt hat uns dann geraten, auf ein Internat mit speziellem Förderprogramm für Legastheniker zu wechseln.

Und da wurde dann alles besser?

Dort wussten alle Lehrer und Schüler über die Behinderung Bescheid, Legasthenie war etwas ganz normales. Dieses Umfeld hat den Kindern psychisch unwahrscheinlich gut geholfen, sie sind bis zum Abitur dort geblieben. Ein Problem war nur die Finanzierung, denn so üppig ist ein Professorengehalt nun mal auch nicht.

Tiemo Grimm, Professor und Legastheniker.

(Foto: oh)

Aber sie müssen doch von Sozial- oder Jugendamt finanzielle Unterstützung bekommen haben.

Die erste Anfrage dazu hat das Jugendamt abgelehnt mit der Begründung, ich wolle meine dummen Kinder doch nur auf einfachere Schulen schicken. Die wollten nicht akzeptieren, dass das eine Behinderung ist und die Kinder einen Rechtsanspruch auf Eingliederungshilfe haben. Also habe ich meine Forschungstätigkeit auf die Legasthenie konzentriert und mithilfe eines Anwalts geklagt.

Und gewonnen.

Ja, dadurch war das Jugendamt gezwungen, die Finanzierung des Internatsbesuchs für ein Jahr zu übernehmen. Nach diesem Jahr habe ich einen neuen Antrag gestellt - und der wurde wieder abgelehnt. Die wollten das Urteil einfach nicht wahrhaben. Also bin ich wieder vor Gericht gezogen und habe wieder gewonnen. So ging das zehn Jahre lang, jedes Jahr aufs Neue. Eine unsägliche Verschwendung von Steuergeldern, denn bei jedem verlorenen Verfahren hat das Amt ja auch die Kosten für meinen Anwalt tragen müssen.

Während des Medizinstudiums ihres ältesten Sohns sind Sie erneut wegen seiner Legasthenie vor Gericht gezogen.

Wir haben damals eine Zeitverlängerung für meinen Sohn bei der schriftlichen Prüfung innerhalb seines Physikums erstritten - das ist heute eine Grundsatzurteil für den Umgang mit Behinderung im Studium. Er hatte damals einen Antrag auf Nachteilsausgleich bei der Universität gestellt und um eine Stunde Schreibverlängerung für die beiden je vierstündigen Multiple-Choice-Prüfungen gebeten. Er hatte sogar seinen Schwerbehindertenausweis vorgelegt, den er wegen der Legasthenie hatte. Das Prüfungsamt hat trotzdem abgelehnt.

Behinderung - nicht Krankheit

Legasthenie ist eine Beeinträchtigung des Erlernens von Lesen und Rechtschreibung, die auf Besonderheiten der Gehirnfunktion zurückzuführen ist. Da es sich dabei um eine sogenannte Teilleistungsstörung handelt, haben Betroffene nur beim Umgang mit Sprache Probleme, andere Bereiche ihrer intellektuellen Leistungsfähigkeit sind nicht betroffen. Im Internationalen Klassifikationsschema für psychische Störungen (ICD-10) der Weltgesundheitsorganisation wird Legasthenie auch als "isolierte Rechtschreibstörung" bezeichnet. Da die Legasthenie eine dauerhafte Beeinträchtigung darstellt, handelt es sich um eine Behinderung - nicht um eine Erkrankung. Diagnostiziert wird sie in den meisten Fällen im Kindes- oder Jugendalter. Dabei machen entsprechend spezialisierte Psychiater oder Psychotherapeuten unter anderem einen Schreib-, Lese- und Intelligenztest mit dem betroffenen Kind. Es gibt keine standardisierte Therapie, jeder Legasthenie-Fall muss individuell analysiert und gefördert werden. Durch die verschiedenen Legasthenie-Erlasse werden Schüler in jedem Bundesland anders behandelt. In den allermeisten Ländern werden ihnen jedoch bei Vorlage eines Attests ein Nachteilsausgleich sowie Notenschutz (die Rechtschreibung wird in Klausuren nicht bewertet) bis mindestens einschließlich der zehnten Jahrgangsstufe zugebilligt. mkoh

Mit welcher Begründung?

Ein Arzt müsse schnell lesen können und dürfte außerdem nicht behindert sein. Hanebüchen war das. In erster Instanz hat das Gericht trotzdem der Uni recht gegeben, in zweiter Instanz haben wir dann aber gewonnen. Ich konnte erstens nachweisen, dass schnelles Lesen nicht Prüfungsinhalt nach der medizinischen Approbationsordnung ist. Und zweitens glaubhaft machen, dass es kaum einen medizinischen Notfall geben dürfte, bei dem es meinem Sohn zum Nachteil gereicht, dass er etwas langsamer liest. Er hat die Prüfung dann ohne Schwierigkeiten bestanden.

Herr Grimm, Sie sind nun 70 Jahre alt. Wie hat sich ihre eigene Legasthenie in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt?

Wenn Sie eine Verbesserung vermuten, muss ich Sie enttäuschen. Ich war und bin sehr froh um die digitale Welt, in der mir als Legastheniker viele Peinlichkeiten erspart bleiben. Und sehr wichtige schriftliche Dinge liest entweder meine Frau oder ein Mitarbeiter im Institut gegen.

Hat sich die Akzeptanz gegenüber Legasthenikern in den vergangenen Jahrzehnten verbessert?

Absolut. Die weltweite Forschung und der Nachweis, dass Legasthenie einen genetischen Hintergrund hat, haben viel geholfen. Die Intelligenz ist bei Legasthenikern genauso normalverteilt wie im Rest der Bevölkerung. Zum Glück wissen mittlerweile die meisten Menschen: Kein Legastheniker ist per se dumm oder schuld an seinem Handicap, das ist einfach Schicksal und Genetik.