Landarztquote:Zukunftsrechnung mit vielen Unbekannten

Obwohl die Bedingungen des Stipendiums für Franziska Tröger perfekt sind, musste sie vor der Unterschrift viel nachdenken. Weder wusste sie, wie sie Grippekranke behandelt, noch hatte sie Vorlesungen in Orthopädie oder Augenheilkunde gehört. Würden ihr diese Fachrichtungen am Ende doch besser gefallen?

Und was würde geschehen, wenn sie sich im Studium in einen Kommilitonen verliebt, der seine Zukunft an der Berliner Charité oder am Deutschen Herzzentrum in München sieht? Franziska Tröger hat ihre Zukunft bis zu ihrem vierzigsten Lebensjahr bereits verkauft. Wenn sie eine Babypause einlegen möchte oder krank wird, sogar noch etwas länger.

Bisher zweifelt sie nicht an ihrer Entscheidung. Das Curriculum der Universität Witten/Herdecke im Ruhrgebiet sieht viel Praxis vor und legt einen Fokus auf die Allgemeinmedizin. Schon nach dem ersten Semester machen die Studenten ein Praktikum bei einem Hausarzt. "Man ist die erste Anlaufstelle für Menschen mit dicken Mückenstichen und plötzlichen Herz-Rhythmus-Störungen", sagt Franziska Tröger über ihre Eindrücke. "Das war echt spannend."

Die Chancen, dass diese Begeisterung anhält, stehen gut: Knapp ein Viertel der Absolventen aus Witten/Herdecke entscheidet sich für eine Laufbahn in der Allgemeinmedizin. Im Bundesdurchschnitt geht nur jeder zehnte Mediziner diesen Weg. "Im Medizinstudium werden normalerweise Klinikärzte ausgebildet", sagt Universitätsvizepräsident Jan Ehlers. Praktische Erfahrungen sammelten die Studenten in Universitätskliniken, in denen sich Ärzte hochspezialisieren können. So würden Herzchirurgen, Hirntumorexperten und Chefärzte zu Vorbildern. Um ihren Studenten auch Personen mit breitem medizinischen Können nahezubringen, hat die private Hochschule einen Lehrstuhl für Allgemeinmedizin eingerichtet und teilt jedem Studenten eine Praxis zu, in der er während der ersten Semester immer wieder sein erlerntes Wissen anwenden kann.

Fehlen der Allgemeinmedizin die Vorbilder?

Die Zusammenarbeit mit der Kassenärtzlichen Vereinigung Sachsen-Anhalt sieht man im Ruhrgebiet als Experiment. Schon aufgrund der geringen Anzahl der Stipendiaten wird sie den Ärztemangel in ländlichen Räumen nicht lindern können - und ein größeres Budget würde daran kaum etwas ändern: Laut der KVSA haben sich auf die bisherigen Auschreibungen jeweils etwa zehn Interessenten beworben. Diese Zahlen schmälern auch die Erwartungen an die Landarztquote, an deren Umsetzung in Bayern und Niedersachsen bereits gearbeitet wird.

Der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, will angehende Mediziner daher künftig stärker nach sozialen Kompetenzen auswählen und setzt darauf, dass so mehr Landärzte und weniger Wissenschaftskarrieristen aus dem Studium hervorgehen. In Witten glaubt man hingegen, dass man den Studenten die Vorzüge der Allgemeinmedizin bloß besser präsentieren müsste, um den Landarztmangel nachhaltig zu lindern.

Ab dem Sommersemester 2018 sei unter anderem vorgesehen, dass jeder Student ab dem ersten Semester einen chronisch Kranken begleitet. "So erleben die Studenten, wie befriedigend es sein kann, Patienten langfristig zu begleiten, was in Kliniken oft nicht möglich ist", sagt Vizepräsident Ehlers.

Ob sich Verpflichtungserklärungen, wie sie Franziska Tröger unterschrieben hat, als gute Lösung für alle oder doch als Teufelspakt herausstellen, hängt vor allem von persönlichen Entwicklungen und Begegnungen ab. Für die angehende Landärztin bleibt deshalb zu hoffen, dass sie sich in einen Förster verliebt. Oder in einen Gastwirt. Oder noch besser: in einen Allgemeinarzt, der nicht nur eine Familie, sondern auch eine Praxis im Harz mit ihr gründen möchte. Gegen 50 000 Euro kann sie sich aus ihrer Verpflichtung notfalls freikaufen.

© SZ.de/fehu/dd
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