Landarztquote:Lebenstraum oder Teufelspakt?

Franziska Tröger hat in einem Hospiz in Israel ein Praktikum gemacht

Franziska Tröger hat sich in Israel um die Bewohner eines Hospizes gekümmert. Nach dem Studium wird sie sich als Hausärztin in Sachen-Anhalt niederlassen.

(Foto: privat)

Eine eigene Praxis auf dem Land - das hat sich Franziska Tröger schon immer gewünscht. Aber jetzt hat sie keine Wahl mehr.

Von Larissa Holzki

Es hat einfach nicht gereicht: Der Abischnitt von 1,9, der Medizinertest mit der Note 1,2, das Praktikum in einem Hospiz in Israel - Franziska Tröger hat keinen Medizinstudienplatz bekommen. Ihren Traum, Ärztin zu werden, hatte sie mit Anfang 20 schon fast aufgegeben. Statt Medizin studierte sie Bio und Chemie auf Lehramt in Göttingen. Dann machte die kassenärztliche Vereinigung Sachsen-Anhalt (KVSA) ihr ein Angebot.

Um den Ärztemangel in ländlichen Regionen zu beheben, haben Bund und Länder die sogenannte Landarztquote ermöglicht. Die Idee ist umstritten: Bewerber, die sich verpflichten, als Allgemeinmediziner auf dem Land zu arbeiten, sollen künftig leichter einen Studienplatz bekommen. Die Länder entscheiden, ob sie bis zu zehn Prozent der Plätze auf diesem Weg an Kandidaten vergeben, die sich im Numerus-Clausus-Vergleich nicht durchsetzen können.

Die Kassenärtzliche Vereinigung Sachsen-Anhalt bietet in Kooperation mit der privaten Universität Witten/Herdecke bereits seit dem Sommersemester 2016 einen solchen Deal an. Sie zahlt für zwei Studenten pro Ausbildungsjahr die Studiengebühren und sichert sich damit deren Dienste nach Abschluss des Studiums. Die angehenden Mediziner werden sich als Facharzt der Allgemeinmedizin weiterbilden und Praxen eröffnen, wo sonst niemand hin will. "Ich hatte das Gefühl, das ist meine letzte Chance", sagt Franziska Tröger. Sie ist eine der ersten beiden Studentinnen, die die Bewerbungsverfahren der KVSA und ihrer Partner-Uni bestanden haben und nun mit insgesamt etwa 50 000 Euro gefördert werden.

Eine eigene Praxis im Harz, ein Wartezimmer voll mit schniefenden Kindern, rheumakranken Großvätern und humpelnden Wanderern ist für die Studentin kein fauler Kompromiss, sondern eine Wunschvorstellung. Als Kind hat sie dort ihre Ferien bei Verwandten auf dem Reiterhof verbracht. "Meine Oma hat von dem Projekt in der Zeitung gelesen und mich angerufen", sagt Tröger. Dass sie sich bewerben würde, hat in ihrer Familie niemand bezweifelt.

Die Not ist groß - auf beiden Seiten

Bei der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen-Anhalt ist man sich ebenfalls sicher, dass der Deal "Stipendium gegen Zukunftsversprechen" für alle Beteiligten gut ist. "Die Interessenten schildern sehr eindrücklich, dass sie als Hausarzt in einer ländlichen Region in Sachsen-Anhalt tätig werden möchten", sagt ein Sprecher der KVSA. Die Pflicht, mindestens fünf Jahre dort eine Praxis zu führen, stellt demnach keine Hürde dar.

Aber vielleicht will man das in Sachsen-Anhalt auch nur zu gerne glauben: Anfang 2017 gab es bereits 150 offene Stellen, bis 2025 werden mehr als 800 Hausarztstellen zu besetzen sein. Und das, obwohl die KVSA seit Jahren niedergelassenen Ärzten eine Mindestumsatzgarantie verspricht, Praxen einrichtet und Studenten fördert, die ihre Praktika außerhalb der Universitätsstädte Magedeburg und Halle absolvieren.

Den meisten Bewerbern geht es indes ähnlich wie Franziska Tröger. Im Durchschnitt haben sie das Abitur mit 2,0 bestanden. Einige warten seit mehreren Jahren auf einen Studienplatz und haben eine Ausbildung im Gesundheitsbereich absolviert, um ihre Chancen zu verbessern. Eine Praxis mit Blick auf den Brocken ist da nicht die schlechteste Aussicht. Aber kann man Abiturienten an diesen Lebensentwurf binden?

Zukunftsrechnung mit vielen Unbekannten

Obwohl die Bedingungen des Stipendiums für Franziska Tröger perfekt sind, musste sie vor der Unterschrift viel nachdenken. Weder wusste sie, wie sie Grippekranke behandelt, noch hatte sie Vorlesungen in Orthopädie oder Augenheilkunde gehört. Würden ihr diese Fachrichtungen am Ende doch besser gefallen?

Und was würde geschehen, wenn sie sich im Studium in einen Kommilitonen verliebt, der seine Zukunft an der Berliner Charité oder am Deutschen Herzzentrum in München sieht? Franziska Tröger hat ihre Zukunft bis zu ihrem vierzigsten Lebensjahr bereits verkauft. Wenn sie eine Babypause einlegen möchte oder krank wird, sogar noch etwas länger.

Bisher zweifelt sie nicht an ihrer Entscheidung. Das Curriculum der Universität Witten/Herdecke im Ruhrgebiet sieht viel Praxis vor und legt einen Fokus auf die Allgemeinmedizin. Schon nach dem ersten Semester machen die Studenten ein Praktikum bei einem Hausarzt. "Man ist die erste Anlaufstelle für Menschen mit dicken Mückenstichen und plötzlichen Herz-Rhythmus-Störungen", sagt Franziska Tröger über ihre Eindrücke. "Das war echt spannend."

Die Chancen, dass diese Begeisterung anhält, stehen gut: Knapp ein Viertel der Absolventen aus Witten/Herdecke entscheidet sich für eine Laufbahn in der Allgemeinmedizin. Im Bundesdurchschnitt geht nur jeder zehnte Mediziner diesen Weg. "Im Medizinstudium werden normalerweise Klinikärzte ausgebildet", sagt Universitätsvizepräsident Jan Ehlers. Praktische Erfahrungen sammelten die Studenten in Universitätskliniken, in denen sich Ärzte hochspezialisieren können. So würden Herzchirurgen, Hirntumorexperten und Chefärzte zu Vorbildern. Um ihren Studenten auch Personen mit breitem medizinischen Können nahezubringen, hat die private Hochschule einen Lehrstuhl für Allgemeinmedizin eingerichtet und teilt jedem Studenten eine Praxis zu, in der er während der ersten Semester immer wieder sein erlerntes Wissen anwenden kann.

Fehlen der Allgemeinmedizin die Vorbilder?

Die Zusammenarbeit mit der Kassenärtzlichen Vereinigung Sachsen-Anhalt sieht man im Ruhrgebiet als Experiment. Schon aufgrund der geringen Anzahl der Stipendiaten wird sie den Ärztemangel in ländlichen Räumen nicht lindern können - und ein größeres Budget würde daran kaum etwas ändern: Laut der KVSA haben sich auf die bisherigen Auschreibungen jeweils etwa zehn Interessenten beworben. Diese Zahlen schmälern auch die Erwartungen an die Landarztquote, an deren Umsetzung in Bayern und Niedersachsen bereits gearbeitet wird.

Der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, will angehende Mediziner daher künftig stärker nach sozialen Kompetenzen auswählen und setzt darauf, dass so mehr Landärzte und weniger Wissenschaftskarrieristen aus dem Studium hervorgehen. In Witten glaubt man hingegen, dass man den Studenten die Vorzüge der Allgemeinmedizin bloß besser präsentieren müsste, um den Landarztmangel nachhaltig zu lindern.

Ab dem Sommersemester 2018 sei unter anderem vorgesehen, dass jeder Student ab dem ersten Semester einen chronisch Kranken begleitet. "So erleben die Studenten, wie befriedigend es sein kann, Patienten langfristig zu begleiten, was in Kliniken oft nicht möglich ist", sagt Vizepräsident Ehlers.

Ob sich Verpflichtungserklärungen, wie sie Franziska Tröger unterschrieben hat, als gute Lösung für alle oder doch als Teufelspakt herausstellen, hängt vor allem von persönlichen Entwicklungen und Begegnungen ab. Für die angehende Landärztin bleibt deshalb zu hoffen, dass sie sich in einen Förster verliebt. Oder in einen Gastwirt. Oder noch besser: in einen Allgemeinarzt, der nicht nur eine Familie, sondern auch eine Praxis im Harz mit ihr gründen möchte. Gegen 50 000 Euro kann sie sich aus ihrer Verpflichtung notfalls freikaufen.

© SZ.de/fehu/dd
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