Kritik am Uni-Betrieb:"Unsere Studenten wirken fremdgesteuert"

Lesezeit: 6 min

Ihr Essay ist also auch das Eingeständnis einer Teilschuld?

Ja, wir - und damit meine ich alle Lehrenden und Verantwortlichen an den Unis - halten dem Druck von Seiten der Wirtschaft zu wenig entgegen. Wir sind es ja, die unsere Studenten marktkonform machen.

Wie meinen Sie das?

Studenten und Uni-Betrieb haben sich dem angepasst, was der Arbeitsmarkt von ihnen fordert. Die Studenten heute sind selbstbewusst, haben Auslandserfahrung und Praktika gesammelt, viele schichten eine Zusatzqualifikation auf die andere, damit sie bei der Bewerbung unverwechselbare Lebensläufe vorlegen können und authentisch rüberkommen. Aber sie wirken fremdgesteuert, wie Authentizitäts-Darsteller. Und die Uni reagiert darauf, indem sie das nächste Career-Center eröffnet.

Sie schreiben, Ihr Ziel als Studentin war ein unbefristeter Redakteursvertrag mit Betriebsrente und 14. Monatsgehalt. Davon können viele Geisteswissenschaftler heute nicht einmal mehr träumen. Macht Existenzangst sie stromlinienförmig?

Das ist natürlich karikierend, schon vor 25 Jahren haben einen Berufsberater vor einem geisteswissenschaftlichen Studium gewarnt. Ich frage mich nur: Woher kommt diese Existenzangst, die ich bei den Studenten bemerke? Ist sie berechtigt? Wir definieren heute auf sehr hohem Level, ab wann ein Leben erfüllt ist: Job, Partnerschaft, Konsumverhalten, Körperfettanteil - alles muss stimmen. Wir sind unglaublich anspruchsvoll. Es ist nicht die Angst, zu verhungern, die Studenten umtreibt, eher das Gefühl, diffusen Perfektionsansprüchen nicht zu genügen. Der Druck ist also da, aber es gibt eben auch die Bereitschaft, sich ihm mit gut gelaunter Resignation zu fügen.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass viele Studenten der Politikwissenschaft wichtige Kanontexte wie Max Webers "Politik als Beruf" nicht mehr kennen. Könnte eine Konsequenz aus Ihren Beobachtungen nicht auch sein, dass der alte Kanon an Pflichttexten hinterfragt werden muss?

Natürlich, ein Kanon ist nichts für die Ewigkeit. An den Punkt, ihn zu hinterfragen, kommen wir in den meisten Seminaren allerdings gar nicht, denn man müsste die Texte ja erst einmal kennen, um sie abzulehnen. Statt auf zentrale Texte verweisen wir die Studenten lieber auf Lehrbücher, in denen alles in Schnipseln und Infokästen aufbereitet ist. Wir liefern das Futter für das bulimische Lernen, das wir anschließend beklagen.

Eine Wissenslücke empört Sie besonders: Was ist so wichtig daran, die Bundeskanzler in der richtigen Reihenfolge herunterbeten zu können?

Sie ins Gebet einzuschließen, das verlange ich nun nicht. Aber sie zu kennen, auch ohne Hilfe von Google, ist ein Indiz für politisches Interesse. Wenn jemand Politikwissenschaft studiert, dann muss er doch wissen, dass es schon ein politisches Leben vor Gerhard Schröder und Angela Merkel gab.

Was fehlt der jungen Generation? Ist es die Haltung? Oder nur der Gegner?

Über "die junge Generation" zu sprechen, wäre vermessen. Aus meinen Uni-Erfahrungen kann ich sagen: Es fehlt nicht ein Gegner, es fehlt ein Gegenüber. Ein ernstzunehmender Visionär in den Geisteswissenschaften zum Beispiel. Als Avantgarde gelten heute Stars aus dem technischen Bereich wie Julian Assange. Geisteswissenschaftler tragen sich dagegen mit dem Gefühl 'Ich denke, also bin ich nichts wert'.

Ihr Buch ist auch eine Replik auf die hohen Wellen, die Ihr Meinungsartikel in der Zeit 2012 schlug. Darin geht es um eine Generation von wassernuckelnden Politik-Ignoranten. Hilft es, die Studierenden zu provozieren?

Der Artikel war ja nicht pure Provokation, die bringt auch in den Seminarrunden nicht viel. Ich habe etwas beschrieben, über das man normalerweise als Lehrende schweigt: die eigene Ratlosigkeit, die Tatsache, dass man auf das Wichtigste nicht vorbereitet ist, nämlich auf die Studenten. Die Wut, die mir nach der Veröffentlichung vor zwei Jahren in E-Mails von Studenten entgegenschlug, zeigt mir allerdings, dass viele nicht so einverstanden sind, wie sie im Seminar oft aussehen. Ich würde mir aber wünschen, dass man sich wieder ins Gesicht sieht, wenn man einander die Meinung sagt und sich nicht nur bei Facebook oder in den Kommentarspalten der Online-Medien abreagiert. Das könnte man in einem Seminarraum lernen.

Welchen Rat haben Sie an heutige Studenten?

Eigentlich nur einen: Ignorieren Sie all die Ratgeber, die uns umgeben. Machen Sie sich Ihre eigenen Gedanken!

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