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Kreuze in Schulen:"Sogar der Gemeinderat hat mich öffentlich verurteilt"

Gegen die Kreuze im Klassenzimmer haben Sie schlussendlich trotzdem nichts machen können. In einem anderen religiösen Disput haben Sie sich Jahre zuvor aber gegen die Schule durchgesetzt.

Mitte der Neunzigerjahre habe ich mich geweigert, meine Klasse zum Ende des Schuljahres in den Abschlussgottesdienst zu begleiten. Es kann doch nicht Aufgabe eines bayerischen Beamten sein, in die Kirche zu gehen, habe ich meinem damaligen Schulleiter gesagt. Da er anderer Meinung war, habe ich das Augsburger Verwaltungsgericht um eine Eilentscheidung gebeten und der Richter rief zwei Stunden später zurück und meinte: "Sie brauchen nicht in die Kirche gehen."

Ihre Weigerung dürfte trotzdem nicht ohne Konsequenzen geblieben sein.

Das war tatsächlich ein Riesending damals, sogar der Gemeinderat hat mich öffentlich verurteilt. Schließlich hat die Regierung von Schwaben einen Erlass formuliert, der besagt, dass der Lehrer seine Schüler in so einem Fall bis zur Kirchentür zu begleiten hat. Dort darf er dann warten, bis der Gottesdienst vorbei ist und dann soll er die Schüler wieder zurück zur Schule bringen. Dagegen habe ich erneut geklagt, diesmal auch mit Folgen für mich.

Welche?

Kurze Zeit später wurde ich aus dienstlichen Gründen an eine andere Schule versetzt. Als zwei Jahre später endlich der Prozess hätte stattfinden sollen, hat mir mein neuer Schulleiter plötzlich mitgeteilt, er brauche mich gar nicht mehr als Aufsichtsperson für den Fußweg zur Kirche am Tag des Schlussgottesdienstes. Ich solle stattdessen in der Schule bleiben und auf muslimische Kinder aufpassen. Einen Gerichtsentscheid hat es dann leider keinen mehr gegeben, obwohl ich mir ja genau den gewünscht hätte: Damit kein bayerischer Lehrer in Zukunft mehr dazu verpflichtet werden kann, in die Kirche zu gehen.

Immerhin mussten Sie selbst keine Kirchenbesuche mehr ableisten.

Großen Ärger hat es trotzdem noch einmal gegeben. Ich hatte an meiner letzten Schule eine Abschlussklasse und am Tag des Gottesdienstes habe ich den Schülern gesagt: Wer hingehen will, kann gehen; wer hierbleiben will, darf bleiben, ich zwinge niemanden. Zwei Drittel der Schüler sind mit mir im Klassenzimmer geblieben - wir haben ein Video angesehen, während die anderen im Gottesdienst waren. Anschließend wurde ich bestimmt eine Stunde lang von Kolleginnen niedergemacht: Was mir denn einfiele, den Schulfrieden zu stören!? Sogar die vom Kollegenkreis eingeschaltete Rechtsabteilung der Regierung von Schwaben hat gegen mich umfangreich ermittelt. Die Namen der Denunzianten wurden mir nicht einmal mitgeteilt. Letztendlich wurde das Verfahren aber eingestellt. Das war es mir im Kampf für eine weltanschaulich neutrale Schule wert.

Als quasineutral bezeichnet Ministerpräsident Söder nun auch die Kreuze, die in allen bayerischen Behörden hängen sollen. Das sei nicht religiös zu verstehen, sondern "Symbol der kulturellen Identität christlich-abendländischer Prägung". Was halten Sie davon?

Ich empfinde das als Verletzung des Neutralitätsgebots und denke, dass diese Entscheidung vor dem Bundesverfassungsgericht kaum Bestand haben dürfte. Aber Söder weiß natürlich genau, dass er nur mit solchen Formulierungen das Grundgesetz sozusagen aushebeln kann. Weltanschauliche Betätigung und Beeinflussung durch den Staat ist schließlich verboten. Also spricht er dem Kreuz indirekt die religiöse Bedeutung ab, damit es in allen Ämtern hängen darf. Den Bürgern soll suggeriert werden: Der Freistaat Bayern und die Kirche sind engstens miteinander verbunden. Schließlich ist bald Landtagswahl und die CSU muss eine bestimmte Wählerklientel bedienen.

© SZ.de/sks
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