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Bernd Lucke:Freiheit des Lehrers

Der Mitgründer der Alternative für Deutschland hat politisch vieles falsch gemacht. Doch er steht auf dem Boden der Verfassung. Es gibt keinen Grund, ihm nun die Rückkehr an die Uni zu verweigern.

Der Professor für Makroökonomie Bernd Lucke hat es vor sechs Jahren für eine gute Idee gehalten, seine Einsichten nicht nur im Hörsaal und in wissenschaftlichen Aufsätzen zu verbreiten, sondern mit ihnen Politik zu machen. Deshalb gründete er eine Partei, die den Euro für einen historischen Fehler hielt und den in Not geratenen EU-Ländern die Solidarität aufkündigen wollte.

Das war schon damals eine befremdliche Idee, aber die freiheitlich-demokratische Grundordnung ist nun mal eine Veranstaltung, die dem Prinzip "Versuch und Irrtum" folgt. Sie lebt auch von der diskursiven Auseinandersetzung der Solidarischen und der Befremdlichen, der Naiven und der Abgeklärten, der Fragenden und der Rechthaberischen.

"Diskursive Auseinandersetzung" klingt sperrig, aber genau diesen Begriff haben nun der Hamburger Uni-Präsident Dieter Lenzen und Wissenschaftssenatorin Katharina Fegebank (Grüne) gewählt, um zu qualifizieren, was sich am Mittwoch in der Universität ereignete: Mehrere Hundert Studierende haben Lucke niedergebrüllt, als er nach fünf Jahren im Europaparlament zurückgekehrt war und wieder eine Vorlesung halten wollte.

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Seine erste Vorlesung konnte AfD-Mitgründer Bernd Lucke nicht halten, den Hörsaal verließ er unter Polizeischutz. Studierendenvertreter distanzieren sich nun von den Störungen und auch die bisher schweigende Uni-Leitung meldet sich zu Wort - auf eine verdruckste Weise.   Von Bernd Kramer

Eines kann man Lucke keinesfalls vorwerfen

Man kann Lucke vieles vorwerfen: Dass er in der Alternative für Deutschland (AfD) eine Partei gründete, die schon zu Beginn bestenfalls engherzig, rechthaberisch und muffig war. Dass er naiv war, indem er nicht erkannte, was für Figuren eine rechts von der Union angesiedelte Partei anziehen würde. Dass er zu schwach war, diese Figuren aus der Partei herauszuhalten oder sie wieder zu entfernen.

Aber eines kann man Lucke keinesfalls vorwerfen: dass er ein Rassist oder Rechtsextremist wäre, einer, der nicht auf dem Boden des Grundgesetzes stünde. Es gibt in dieser Hinsicht von ihm keinen einzigen falschen Ton, keine einzige kalkulierte Zweideutigkeit. Im Gegenteil, er hat die AfD in dem Moment und aus dem Grund verlassen, da er erkannte: Der Kampf gegen die Rechtsradikalen und -extremisten ist für ihn nicht zu gewinnen.

Einer seiner Mitstreiter, die mit ihm gingen, sagte damals, sie hätten geholfen, ein Monster zu schaffen. Darf also Lucke nach seiner unglücklichen bis verheerenden Politiker-Karriere zurück an die Uni? Unbedingt.

Wo, wenn nicht an der Universität, muss Raum sein für unterschiedlichste Auffassungen? An welchem Ort ist man stärker gezwungen als an einer Universität, nicht nur eine Meinung zu vertreten, sondern diese auch zu entwickeln auf der Grundlage von Theorie und Methodik?

Die Studierenden, der Uni-Präsident und die Senatorin wollten von diesem Wert einer Universität zumindest am Mittwoch nichts mehr wissen, als die einen Luckes Vorlesung mit Gebrüll blockierten und die anderen dies in einer schwammigen Erklärung im Grunde guthießen. Das soll eine "diskursive Auseinandersetzung" gewesen sein, welche eine Uni aushalten müsse?

Wer auf dem Boden des Grundgesetzes steht, wer nie die Meinungsfreiheit in Frage gestellt hat, wer also nicht nur die Instrumente der Demokratie nutzt, sondern auch deren Werte teilt, der muss seine Lehr-Tätigkeit fortsetzen dürfen. Im besten Fall erweist er (oder sie) allen Andersdenkenden sogar einen Dienst: Indem sie an ihm ihr Urteil überprüfen und vielleicht schärfen können. Mit Blockaden sollte man warten, bis vielleicht eines fernen Tages der Geschichtslehrer Björn Höcke wieder an einer Schule einrücken will.

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