Klischees in Schulbüchern Revolution steht nicht auf der Agenda

Auf diese Weise findet auch so manches Vorurteil den Weg ins Schulbuch. Beispiel Migranten und Religion: Auch wenn eine Figur im Text Erkan statt Stefan heißt - es droht laut Studien die Klischee-Falle bei der Darstellung.Der zugewanderte Italiener? Oft Pizzabäcker. Der Türke? Fabrikarbeiter. Autoren des Georg-Eckert-Instituts für Internationale Schulbuchforschung haben sich dem Islam gewidmet. Muslime kämen meist "als Sondergruppe außerhalb der deutschen Mehrheitsgesellschaft" vor. Vorurteile würden so über Generationen "unreflektiert weitergetragen".

Beispiel Geschlecht und Familie: Dazu prüfte eines Soziologin im Auftrag der Max-Traeger-Stiftung die Figuren in Englischbüchern. Generell sind Männer und Frauen gleich oft vertreten. Auch werden Klischees bei Lieblingsfächern oder Sportarten von Jungen und Mädchen oft bewusst durchbrochen. Allerdings sehe man Frauen viel häufiger im Haushalt, beim Kuchenbacken, bei der Wäsche. Schwule oder lesbische Figuren hat die Autorin nicht gefunden. Die Verlage versäumten, "der gesellschaftlichen Realität Rechnung zu tragen". Bei Familien gebe es nur: Single, verheiratet, geschieden.

"Schulbücher stehen nicht an der Speerspitze des gesellschaftliche Wandels, sind aber auch nicht Bremser", meint Professorin Matthes. Sie hat das Familienbild in Sozialkundebüchern erforscht. Da ist Wandel erkennbar: In den Fünfzigern gab es die "Fixierung auf die von Gott gegebene Ehe mit Kindern", alles lief auf den Vater als Ernährer zu. In den Siebzigerjahren kam in der Sozialkunde "der absolute Bruch", Familie wurde als Ort von Konflikten präsentiert.

Die Digitalisierung könnte den Markt beschleunigen

Später hat sich der Familienbegriff ausgeweitet, heute finden auch homosexuelle Paare Erwähnung. In der beiläufigen Darstellung dagegen, wie im Mathe- oder Deutschbuch, sei das sicher nicht so. Im Großen und Ganzen pendelten sich Schulbücher auf den gesellschaftlichen Konsens ein. Das sei in den Siebzigerjahren im Zuge der Frauenbewegung anders gewesen, ohnehin war damals der öffentliche Raum politisiert.

Eine gesellschaftliche Revolution steht bei den Machern von Schulbüchern also offenkundig nicht auf der Agenda. Dafür eine andere: die des Unterrichts. Die Pisa-Studie hat gezeigt, dass in einem Jahrgang und innerhalb von Klassen die Fähigkeiten stark auseinandergehen. Das Zauberwort der Pädagogik heißt nun "Differenzierung", Frontalunterricht gilt als verpönt. Das sieht man in heutigen Büchern: Basisaufgaben für alle, ein Zusatz für Stärkere, eine Herausforderung für die Allerbesten. "Lehrer müssen auf verschiedene Geschwindigkeiten beim Lernen eingehen können", sagt Körner-Wellershaus.

Und noch etwas treibt Verlage um: Digitalisierung. Viele Schulbücher haben Online-Codes, auf Portalen finden Lehrer Ergänzungen. Dennoch wird das gedruckte Buch vorerst Leitmedium bleiben. Was nicht etwa daran liegt, dass Lehrer Technik-Muffel sind, wie eine Studie des IT-Verbands Bitkom zeigt: Viele Pädagogen fordern mehr elektronische Medien im Unterricht. Weiterführende Schulen sind heute alle online - aber nur jede zweite Schule hat in allen Räumen Netzzugang und Geräte. Für alle Schüler kaum eine.

Der Trend könnte den Markt aber beschleunigen, und damit auch gesellschaftliche Veränderungen schneller in die Bücher bringen. Im Buch verlinktes Material kann man jederzeit ändern, ein digitales Buch wäre sogar komplett im Fluss. Und manche Unachtsamkeit ließe sich nachträglich ausbügeln. Ein Buch aus der Geschlechteranalyse der Traeger-Stiftung etwa gibt sich Mühe mit der Gleichberechtigung, Fußball ist der Lieblingssport eines Mädchens. Doch dann schießt sie den Ball aus Versehen auf einen Baum. Eilig wird ein Junge gerufen: um hinaufzuklettern und den Ball zu holen.