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Italien:Wo die Fingerabdrücke von Schülern registriert werden

Zu viele verspätete Schüler? Eine Schule im apulischen Bari ergreift radikale Maßnahmen.

In diesen hochtechnologischen Zeiten haben Eltern verlockend viele Möglichkeiten, um am sozialen Leben ihres ständig chattenden und postenden Nachwuchses teilzuhaben - mehr noch, als diesem lieb ist. Eine Schule im süditalienischen Bari schickt sich nun an, ein neues Format der Fernkontrolle einzuführen. Die Scuola Eleonora Duse wird bald die Fingerabdrücke ihrer 400 Sekundarschüler registrieren, um deren Disziplin zu schärfen.

Im Sommerurlaub soll am Eingang ein Fingerscanner installiert werden, der dann im neuen Schuljahr bei Berührung ein Signal an einen Rechner senden wird. Alles wunderbar, wenn die minderjährigen Herrschaften die Bildungspforte rechtzeitig passieren. Kommen sie jedoch zu spät, schickt das System eine Nachricht auf das Handy der Eltern. Und zwar sofort. Die Eltern sollen ebenso sofort antworten und, sollten sie dazu in der Lage sein, das verspätete Erscheinen rechtfertigen.

Die Idee für diese Neuerung hatte der Vorsteher der Schule, Gerardo Marchitelli, ein stadtbekannter und gefeierter Erzieher mit einer Schwäche für Hightech. Er war schon der erste Schuldirektor Italiens gewesen, der ein Online-Programm einführte, über das sich die Eltern jederzeit ein Bild machen können, wie sich die Zensuren der Kinder entwickeln, ohne dass sie sich dabei ausschließlich auf die Angaben ihrer vielleicht auch mal flunkernden Kinder verlassen müssen. Die Informationen werden in Echtzeit aktualisiert.

Teuer soll das neue System mit den Fingerabdrücken nicht werden, sagte Marchitelli der Zeitung La Repubblica, höchstens 6000 Euro. Die passten gut ins Budget. "Und alle Eltern werden einverstanden sein", ist er überzeugt, "denn welche Mutter, welcher Vater will schon nicht wissen, was das Kind so macht - in einem Viertel wie unserem?"

Kampf den kleinen Liebeleien

Das Viertel heißt San Girolamo, liegt zwischen dem alten Stadtkern von Bari und dem Flughafen, an der Peripherie, und ist trotz Meernähe keine wirtliche Gegend. Die Stadtverwaltung versucht gerade, die Zone aufzuwerten. Die Promenade wird saniert, die alten Sozialbauten abgerissen, damit neue gebaut werden können. Die Scuola Duse aber galt immer schon als Lichtblick mit ihrem gepflegten Ambiente, dem Livestreaming von Lektionen - sie bot eine Chance für den sozialen Aufstieg. Unlängst lud der italienische Senat eine Gesandtschaft der Schule nach Rom ein, um sie für ihre Verdienste zu ehren.

Nun also die Fingerabdrücke. Die größte Sorge des Schulmeisters betrifft die Mädchen der Sekundarstufe. "Rund um die Schule", erzählt Marchitelli, "lungern ehemalige Schüler herum, die ihre Schulzeit frühzeitig beendet haben." Da ergäben sich erste kleine Liebeleien, die auch schon mal zu verspätetem Erscheinen der "ragazzine" im Unterricht führten. "Ich kann mir deshalb nicht vorstellen", sagt Marchitelli, "dass Eltern den Schutz der Privatsphäre einfordern gegen meine Initiative." Das ist tatsächlich unwahrscheinlich, obschon diese Eltern ja in weniger technologischen, vielleicht auch etwas freieren Zeiten aufgewachsen sind, als sich solche Liebeleien noch recht privat erleben ließen. Geahndet wurden sie jedenfalls nicht. Fingerabdrücke nahm man früher nur von erwachsenen Menschen.

© SZ vom 04.05.2016/mkoh

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