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Israel:Die Regeln des Rabbiners

Ministerpräsident Benjamin Netanyahu begrüßt zum Start des Schuljahres am ersten September jüdische Schüler im besetzten Westjordanland.

(Foto: AFP)

Erziehungsminister Rafi Peretz will die Schüler in seinem Sinne bilden - mit Bibelstunden und Nationalstaatskunde.

Erst seit der letzten Juniwoche sitzt der orthodoxe Rabbiner Rafi Peretz als Bildungsminister in der Knesset - Zeit genug, über Israel hinaus eine Menge Menschen zu verärgern. Zunächst bezeichnete der Politiker der neuen Rechten Eheschließungen zwischen Juden und Nichtjuden als "zweiten Holocaust" und düpierte damit insbesondere das liberale amerikanische Judentum. Dann stieß Peretz Lesben und Schwule vor den Kopf, indem er Konversionstherapien gegen Homosexualität lobte. Und jetzt hat er dafür gesorgt, dass das auch neue Schuljahr in Israel mit Auseinandersetzungen beginnt. Obwohl nur Interimsminister, erklärte der frühere Militärseelsorger das Nationalstaatsgesetz kurzerhand zum Unterrichtsstoff an öffentlichen Schulen. Es soll in der elften Jahrgangsstufe durchgenommen werden und ein mögliches Thema in Abschlussprüfungen sein. "Es ist sehr wichtig, den Schülern unsere historischen Rechte auf einen jüdischen Staat beizubringen", sagte Peretz.

Der Protest gegen den Schritt ist programmiert, hat doch das Nationalstaatsgesetz zu jahrelangen, heftigen Kontroversen geführt, bevor es im Sommer 2018 verabschiedet wurde. Vor allem die Liste der arabischen Parteien empört der Eingriff in den Lehrplan, denn das Gesetz beschreibt Israel als jüdischen Staat, obwohl rund 20 Prozent der Bevölkerung arabische Israelis sind. "Peretz infiltriert mit seiner rassistischen Ideologie den Lehrplan", kritisierte der Abgeordnete Jusef Jabareen.

Peretz hat außerdem mehr jüdische Studien in den ersten beiden Schulstufen angeordnet. Als Bildungsminister darf er solche Eingriffe zwar vornehmen, bei der Umsetzung bleibt den Grundschulen aber ein gewisser Freiraum. Einige Schulleiter haben bereits Widerstand angekündigt. Höhere Schulen müssen den Ministerialvorgaben allerdings folgen.

Bibelstudien nehmen in Israels Grundschulen dreimal so viele Stunden ein wie der Religionsunterricht in europäischen Schulen. Das geht aus einer Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hervor. Bezogen auf die ganze Schulzeit, sind 14 Prozent des Unterrichts religiösen Themen gewidmet, in Europa lediglich vier Prozent. Zusätzlich bieten israelische Schulen freiwillige religiöse Unterweisungen an. Neu ist auch, dass Schüler jüdische Stätten wie das Josefsgrab in Nablus im besetzten Westjordanland besuchen sollen können.

Im säkular geprägten Tel Aviv gab es zu Beginn des Schuljahrs Streit um ein Buch, das alle Erstklässler erhalten sollten. Die Autorin Hila Tov beschreibt darin die Erfahrungen einer Mutter und ihrer Tochter mit der Demokratie. Unter anderem geht es darum, dass Menschen am jüdischen Ruhetag, dem Sabbat, reisen können. Das erregte den Argwohn der Inspektorin für religiöse Bildung in Peretz' Ministerium. Sie kam zu dem Schluss, das Buch verleite seine Leser dazu, gegen religiöse Vorschriften zu verstoßen. Das Ministerium forderte die Schuldirektoren auf, das Werk noch vor dem Schulbeginn am 1. September an die Stadtverwaltung von Tel Aviv zurückzuschicken. Es sei eine Beleidigung der "religiös-zionistischen Öffentlichkeit", die eine "Bildung in Übereinstimmung mit der Tora und im Geist des staatlich-religiösen Schulsystems" erwarte.

Das sind Töne, die in Tel Aviv nicht unwidersprochen bleiben. Wenn man in religiösen Schulen keine Toleranz gegenüber anderen Lebensweisen lernen dürfe, dann sei das antidemokratisch, rügte Bürgermeister Ron Huldai von der Arbeitspartei. So werde "eine Demokratie in eine Autokratie verwandelt". Zumindest in den staatlichen Schulen der Stadt wird das Buch nun doch verteilt.