Interview zu Gewalt an Schulen "Aggression ist ein Mittel zur Selbstbehauptung"

Ein Junge sitzt in einer Schule auf dem Boden (Symbolfoto).

(Foto: imago/Bildbyran)

Nimmt die Gewalt an Schulen zu? Nein, sagt Psychologe Matthias Siebert. Und spricht über die Wirkung von Raufen nach Regeln, Helikopter-Eltern und die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler.

Interview von Hannah Beitzer, Berlin

Eine Grundschule, die einen privaten Wachschutz organisieren muss, Lehrer, die die Polizei alarmieren, um Schüler zu bändigen: Berlin verzeichnet einen Anstieg bei der Gewalt an Schulen - ebenso andere Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. Doch nackte Zahlen und spektakuläre Einzelfälle sagen wenig über die tatsächlichen Verhältnisse an den Schulen, sagt der Berliner Schulpsychologe Matthias Siebert.

SZ: Wenn Grundschulen auf einmal einen Wachschutz brauchen, kann das wohl nur eines bedeuten: Die Gewalt an Schulen hat dramatisch zugenommen. Oder erleben Sie das als Schulpsychologe anders, Herr Siebert?

Matthias Siebert: Ich erlebe nicht, dass Schüler heute gewalttätiger sind als früher. Gewalt ist schon seit Menschengedenken Teil unserer Gesellschaft, also auch die Gewalt unter Jugendlichen. Denken Sie an das Musical Westside Story! Das hat genau dieses Thema und ist aus den fünfziger Jahren. Jahrzehntelang war Gewalt an der Schule auch aus einer anderen Richtung alltäglich, Lehrer durften Kinder bestrafen und schlagen. Von dieser schwarzen Pädagogik haben wir uns inzwischen zum Glück verabschiedet.

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Woher kommen dann die steigenden Zahlen?

Früher gab es nicht weniger Gewalt, sie wurde nur mehr tabuisiert und auch nicht so wichtig genommen. Heute schauen wir genauer hin, melden auch Beleidigungen und kleinere tätliche Angriffe. Daher kommt der Anstieg der Zahlen. Zur Sensibilisierung beigetragen haben besonders krasse Fälle von Gewalt, die Amokläufe an Schulen um die Jahrtausendwende. Seitdem machen sich Lehrkräfte, Initiativen, Politiker und auch wir Psychologen und Sozialarbeiter viele Gedanken darüber, wie wir Gewalt vermeiden können. Dass es heute Streitschlichter an den Schulen gibt, ist zum Beispiel eine enorm wichtige Maßnahme.

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Wie können Schulen sonst noch Gewalt vorbeugen?

Als erstes müssen wir erkennen, dass Aggression - nicht aggressives Verhalten - normal ist. Aggression ist ein Mittel zur Selbstbehauptung. Für Kinder und Jugendliche ist es besonders schwer, damit umzugehen. Sie haben eine schlechtere Selbststeuerung als Erwachsene, sind noch auf der Suche nach einer Identität. Erzieher und Lehrer müssen das Kind, den Jugendlichen in dieser verletzlichen Phase in seinem Streben nach Autonomie unterstützen, ihm aber auch Grenzen aufzeigen. Das ist ein Balanceakt.

Wie können Schüler Grenzen kennenlernen?

Es gibt zum Beispiel das Konzept des Kampfes nach Regeln. Das kann Ringen sein, Tauziehen oder auch ein Kampf, bei dem man sich gegenseitig aus einem bestimmten Bereich heraus schiebt. Wichtig ist, dass es auf freiwilliger Basis geschieht und dass es nicht das Ziel ist, dem anderen körperlichen Schaden zuzufügen. Um die Jahrtausendwende plädierten viele Pädagogen für sogenannte Rangelzonen an Schulen, weil man erkannt hatte, dass es ein Bedürfnis nach Körperlichkeit und auch körperlicher Auseinandersetzung gibt, dem man nachkommen muss. Das fällt heute noch bei vielen Kindern und Jugendlichen hinten runter, erst recht seit sie sehr viel über Smartphones kommunizieren.

Viele Lehrer klagen über Überlastung, darüber, dass sie gerade einmal Zeit für den reinen Lehrstoff haben...

Von Lehrern und Erziehern wird heute in der Tat sehr viel erwartet. Wir wissen inzwischen, dass zur Schulbildung auch Beziehungsarbeit und -gestaltung gehört. Nur, wo es eine persönliche Beziehung zum Lehrer gibt, werden Schüler motiviert sein zu lernen. Für die individuelle Beziehungsarbeit aber fehlt oft die Zeit. Viele Lehrer sind sehr engagiert und versuchen, den Ansprüchen trotzdem gerecht zu werden. Andere hingegen ziehen eine Front zwischen sich und den Schülern.

Inwiefern?

In dem Moment, wo ein Lehrer Schüler nur noch als bedrohliche Masse wahrnimmt, zum Beispiel als "die schlimme Klasse", läuft schon etwas schief. Da wünsche ich mir sehr, dass Lehrer das merken und sich Hilfe holen - im Kollegium oder auch bei uns Psychologen.

Welche Rolle spielen für die Beziehungsarbeit Akteure außerhalb der Schule, Eltern zum Beispiel?

Damit sie gelingt, müssten Eltern mit der Schule einen Schulterschluss finden. Aber leider ist oft das Gegenteil der Fall: Sie schlagen sich auf die Seite der Kinder und schieben die Verantwortung auf die Schule ab. Das ist verständlich, weil viele Eltern heute nur noch ein oder zwei Kinder haben, da soll alles gut laufen. Es lastet ein großer Druck auf ihnen, den sie an die Schule weitergeben. Die wiederum spielt den Ball gern zurück und gibt den "Helikopter-Eltern" die Schuld für alles, was falsch läuft. Und natürlich gibt es auch Eltern, die in der Erziehung schlicht überfordert sind und selbst Hilfe benötigen.

Wichtig ist mir noch etwas: Wir müssen uns auch als Gesellschaft Gedanken darüber machen, wie die Schule aussehen soll, was sie leisten kann und welche Zeit und Anerkennung Lehrer und Erzieher brauchen. Das pädagogische Personal besser zu unterstützen, ist auf lange Sicht eine große Aufgabe. Mit ihr sollten wir schon heute anfangen.

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