bedeckt München
vgwortpixel

United World College:Schüler aller Länder, kommt nach Freiburg

200 Schüler besuchen das UWC in Freiburg, 54 Erwachsene kümmern sich um sie, unter ihnen zwei Psychologinnen und zwei Sozialpädagogen. Das Zwischenmenschliche wird ständig reflektiert und besprochen.

(Foto: UWC Robert Bosch College)

100 Nationalität, 64 Sprachen, ein Internat: Jugendliche aus allen Ecken der Welt lernen in einem ehemaligen Kloster in Freiburg. Das Ziel der Schule: eine bessere Welt. Kann das gelingen?

Es klingt ein bisschen zu gut, um wahr zu sein: "Junge Menschen aus aller Welt und allen sozialen Schichten leben und lernen gemeinsam zwei Jahre lang an dieser Schule und setzen sich mit zentralen Themen der Menschheit auseinander: Völkerverständigung, Frieden und nachhaltige Entwicklung." So lautet die Selbstbeschreibung eines Internats, das vor fünf Jahren in Freiburg eröffnet hat und das nicht nur als Bildungseinrichtung, sondern auch als ungewöhnliches Sozialexperiment gelten kann.

Das Internat ist auf dem Gelände eines ehemaligen Klosters untergebracht, ein barocker Bau, der recht malerisch auf einem Hügel außerhalb der Stadt liegt. Neben dem schlossartigen Schulgebäude bilden ein Dutzend würfelförmige Häuser ein kleines Dorf. In vier von ihnen befinden sich Wohnungen für Lehrer, in acht Würfeln wohnen die 200 Schüler, die hier in zwei Schuljahren nicht weniger als eine "lebensverändernde Erfahrung" machen sollen. Sie sind zwischen 16 und 19 Jahre alt und kommen aus aller Welt. Jeder Jahrgang hat 100 Schüler, darunter 25 aus Deutschland. In den Klassenzimmern und auf dem Campus wird Englisch gesprochen.

"Die ganze Situation kann overwhelming sein"

Helen wohnt seit August in einem der Würfelhäuser. Die 17-Jährige ist in einer kleinen Stadt in der Nähe von Frankfurt aufgewachsen und nach den ersten Monaten in Freiburg noch etwas überwältigt von der neuen Situation, auf positive Art, wie sie betont. Der Wechsel ins englischsprachige Umfeld macht sich bei ihr bereits bemerkbar. Wenn Helen über ihre neue Schule spricht, sagt sie: "Die ganze Situation kann overwhelming sein." Die Umstellung auf die neue Umgebung und ein anderes Unterrichtssystem, die vielen zusätzlichen Angebote und die Angst, etwas zu verpassen, vor allem aber die Kontakte zu so vielen spannenden Leuten. "Es ist superinteressant, was man aus bestimmten Heimatländern hört." Helen hatte schon in der neunten Klasse die Idee, irgendwann ein Jahr woanders zu verbringen. Dann aber stieß sie auf einen Zeitungsartikel über das Freiburger Internat und beschloss, sich zu bewerben. Prompt hat es geklappt. "Manchmal denke ich schon, das ist ein Wunder, dass das hier passiert."

Schule Wundertüte Abitur
Schulnoten

Wundertüte Abitur

Nicht nur zwischen den Bundesländern sind Abinoten kaum zu vergleichen. Schon zwischen Schulen und Klassen gibt es gravierende Unterschiede. Über eine Ungerechtigkeit, die keiner beseitigen will.   Von Bernd Kramer

Das Internat ist die jüngste von insgesamt 18 Schulen, die zum Netz der weltweit tätigen Organisation United World Colleges (UWC) International gehören. Weil es in Deutschland mit Unterstützung der Robert-Bosch-Stiftung gegründet wurde, heißt es "UWC Robert Bosch College".

Während andere internationale Schulen hauptsächlich von Kindern besucht werden, deren Eltern es aus beruflichen Gründen nach Deutschland verschlagen hat, ist das Freiburger Internat nicht jedem zugänglich. Die Jugendlichen müssen sich bei einem UWC-Auswahlkomitee in ihrem Heimatland bewerben. 155 solcher ehrenamtlich arbeitenden Nationalkomitees gibt es. Gesucht werden "motivierte und engagierte Jugendliche, die die Welt mitgestalten" wollen. Die formalen akademischen Hürden sind überschaubar: Bewerber dürfen keine Fünfer im letzten Zeugnis haben. Es geht mehr darum, welche Fähigkeiten und Potenziale die Jugendlichen auszeichnen. Wer genommen wird, darf in einem der 18 Länder, in denen es ein UWC College gibt, seine letzten beiden Schuljahre verbringen und einen international anerkannten Abschluss ablegen, das International Baccalaureate Diploma, kurz IB.

Der Unterricht findet in relativ kleinen Gruppen statt. So klein wie die diesjährige Französischklasse sind die Kurse aber normalerweise nicht, sagt Lehrerin Pascale Chretien. Helen sitzt mit fünf Mitschülern in einem hellen Raum an weißen Tischen. Für die Jugendlichen ist es das erste Schuljahr in Freiburg, sie haben Französisch als Fremdsprache gewählt. Es ist acht Uhr morgens, doch trotz der frühen Stunde stoffelt niemand vor sich hin, die Schüler melden sich freiwillig, beteiligen sich aktiv am Gespräch. Einige hatten vorher erst ein Jahr Französischunterricht, andere schon fünf. Trotzdem werden sie zusammen unterrichtet. Wie das geht? Es sei eine Herausforderung, sagt die Kanadierin Chretien, "but it works". Es funktioniere, weil die Schüler hier hungrig nach Bildung seien.

Wissenstheorie als Unterrichtsfach

Christian Bock ist als akademischer Leiter für den Unterricht am Internat zuständig. Im ersten halben Jahr gehe es darum, die Jugendlichen auf ein gemeinsames Niveau zu bringen, erklärt er. "Dann kann man loslegen und mit ihnen arbeiten." Neben drei Leistungs- und drei Grundkursen haben alle das Fach theory of knowledge. Außerdem ist jeder Schüler verpflichtet, sich jeweils ein Projekt mit kreativem, sportlichem und sozialem Inhalt zu suchen.

Für Schüler aus armen Verhältnissen sind die UWC-Colleges eine Chance auf einen sozialen Aufstieg. Die Freiburger Schule ist stolz darauf, dass sie schon mehrere ehemalige Straßenkinder aufnehmen konnte - Jugendliche, die in Heimatländern wie Manila über Sozialprojekte den Weg zur Bildung finden und dann noch mehr wollen. Auch bei deutschen Bewerbern spielt es laut UWC keine Rolle, ob die Eltern arm sind oder in einer stattlichen Villa leben. Eine Mischung ist erwünscht.

Zwei Urenkel von Robert Bosch haben UWC-Schulen in Norwegen und in Bosnien besucht. Dass sie dort gute Erfahrungen gemacht haben, war einer der Gründe, warum sich die Stiftung für das Freiburger Internat eingesetzt hat. Helen hat die Geschichte eines deutschen Schülers beeindruckt, der zu Hause vernachlässigt wurde und es aus ärmsten Verhältnissen heraus erst an das Freiburger Internat und inzwischen an die Universität geschafft hat.

Schulgebühren von 31 000 Euro im Jahr - eigentlich

Erst würden die Kinder ausgewählt, dann werde geschaut, wie weit sich die Eltern finanziell beteiligen können, betont das UWC. Laut Laurence Nodder, dem südafrikanischen Direktor des Freiburger Internats, zahlt dort so gut wie niemand die volle Schulgebühr, die das UWC mit 31 000 Euro pro Jahr beziffert. Mehr als 90 Prozent der Schüler bezögen ein Stipendium, zwei Drittel davon ein Vollstipendium - und von denen bekomme wiederum ein Drittel zusätzlich Geld für Flüge, Krankenversicherung und das tägliche Leben.

Das ist möglich, weil der Betrieb der Schule im Wesentlichen vom Bundesland Baden-Württemberg finanziert wird. 2,5 Millionen Euro werden dem UWC College in Freiburg pro Jahr aus dem Haushalt zur Verfügung gestellt. Das ist deutlich mehr als andere internationale Privatschulen bekommen. Die Landespolitik würdigt damit das auf Völkerverständigung zielende Konzept des Internats. Mitgesellschafter der Schule ist die Robert-Bosch-Stiftung. Sie hat mehr als 40 Millionen Euro in den Aufbau der Schule investiert und gleicht nun das jährliche Defizit aus. Hinzu kommt eine Reihe weiterer Sponsoren.

In der Theorie klingt das UWC-Konzept beeindruckend. In der Praxis kann es aber auch anstrengend werden. Man müsse schon bereit sein, aus seiner Komfortzone rauszukommen, sagt Helen. Die Jugendlichen praktizieren den kulturellen Austausch 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Sie sind in Vier-Bett-Zimmern untergebracht - immer zwei aus dem ersten Jahr zusammen mit zwei aus dem zweiten, immer ein Deutscher mit drei Schülern aus anderen Ländern. Privatsphäre gibt es wenig, nachmittags zieht sich mancher zum Nickerchen in den Yogaraum oder ein anderes Zimmer des Schulgebäudes zurück, das gerade nicht benutzt wird.

"Man darf nicht Utopia erwarten"

25 Schüler leben in einem Wohnhaus zusammen. Naturgemäß kommt es da immer wieder zu Reibereien. Auch bei den sozialen Projekten, die Teil des Stundenplans sind, kann es knirschen. Helen und ein paar ihrer Mitschüler besuchen zum Beispiel einmal pro Woche einen Kindergarten in Freiburg, um Kinder spielerisch zu fördern. Helen erzählt, dass sie erst einmal damit klarkommen musste, dass nicht jeder im Team dieselben Vorstellung davon hat, wie intensiv man diese wöchentlichen Termine vorbereiten sollte. Und Schulleiter Laurence Nodder hat bereits etliche Streits rund um das Thema Sauberkeit in den Häusern miterlebt - solche Konflikte seien durchaus gewollt, sagt er. Sie eröffneten die Möglichkeit, etwas zu lernen.

18 "United World Colleges" weltweit

Die Idee, ein "United World College" zu schaffen, ist vor mehr als 50 Jahre entstanden. Sie geht auf einen Deutschen zurück, der im Südwesten gut bekannt ist: auf Kurt Hahn, der 1920 das Internat Schloss Salem in Überlingen am Bodensee mitkonzipiert hat. Die "United World Colleges" mit ihrem gemeinnützigen und weltverbessernden Anspruch sind das Spätwerk des Reformpädagogen. 1962 hat er ein erstes Oberstufeninternat nach diesem Konzept in Wales eröffnet - getrieben von dem Wunsch, dem Kalten Krieg etwas entgegenzusetzen. Hahn hatte die Hoffnung, dass sich junge Menschen aus verfeindeten Ländern für den Frieden engagieren, wenn sie sich erst einmal kennengelernt haben. Der Gedanke fand schnell namhafte Unterstützung. Erster Präsident der UWC International war der britische Lord Louis Mountbatten, Onkel von Prinz Philip. Heute gibt es weltweit 18 solcher Schulen, die Jugendliche aus aller Welt unabhängig von ihren finanziellen Möglichkeiten besuchen können. Claudia Henzler

Die Abbrecherquote ist dennoch gering. In fünf Jahren hätten vielleicht zwei oder drei Schüler Freiburg vorzeitig verlassen, sagt Christian Bock. Das liegt wohl zum einen daran, dass die Neugier auf andere Menschen eine Zugangsvoraussetzung ist und alle wissen, auf welches Experiment sie sich einlassen. Zum anderen wird das Zwischenmenschliche ständig reflektiert und besprochen. Es gibt zwei Psychologinnen und zwei Sozialpädagogen. Insgesamt 54 Erwachsene kümmern sich um die 200 Schüler, vom Hausmeister über die Sekretärin bis zu den 32 Lehrern. Jeder von ihnen begleitet eine Gruppe Jugendlicher zwei Jahre lang als Tutor. Und auch die Hausgemeinschaften werden von Lehrern betreut. Jeden Sonntag treffen sie sich zur Besprechung, dann wird aufgeräumt.

Es sei halt letztlich auch nur eine Schule mit all ihren Problemen, sagt ein Schüler aus dem zweiten Jahr. "Man darf nicht Utopia erwarten." Weiterempfehlen würde er sie aber auf jeden Fall. "Es ist spannend, so viele verschiedene Leute zu treffen und meine eigenen Werte zu hinterfragen."

Und was ist dran am selbstgestellten Anspruch, "Kräfte des positiven Wandels" zu formen? Nach fünf Jahren hat Freiburg zwar noch keine Friedensnobelpreisträger vorzuweisen, aber doch schon eine recht prominente Absolventin: Selina Leem aus der Republik Marshallinseln, eine Schülerin aus dem ersten Jahrgang, ist 2015 bei der Weltklimakonferenz in Paris aufgetreten, und hat vor den versammelten Staatschefs über die Folgen der Klimaerwärmung für ihre Heimat gesprochen.

Schule Privatschulen werden beliebter - und immer elitärer

Bildung

Privatschulen werden beliebter - und immer elitärer

Schüler der nichtöffentlichen Lehranstalten kommen zunehmend aus besser verdienenden und gebildeten Familien. Für die Privatschulen ist diese Entwicklung heikel.   Von Paul Munzinger