Süddeutsche Zeitung

Integration an deutschen Schulen:"Ich bin gewonnen!"

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In Willkommensklassen sollen die Kinder Geflüchteter Deutsch lernen. Doch das Lehrpersonal ist ebenso knapp wie das Geld. Ein täglicher Kraftakt - der oft belohnt wird.

Von Matthias Kohlmaier

Italien, Kosovo, Mazedonien, Kroatien, Rumänien, Bulgarien, Polen, Griechenland, Slowenien, Kenia, Marokko, Irak - alles auf ein paar Quadratmetern über der Tafel. Kinder haben dort auf Plakaten ihre Herkunftsländer vorgestellt, die Flagge oft stolz in der Mitte, drumherum aufgeklebte Zeitungsausschnitte und Sätze in der Landessprache. Einer Sprache, die für das jeweilige Kind nicht nur Mutter-, sondern auch Heimatsprache ist. Nur ist die Heimat für die 17 Schüler, die sich in diesem Klassenzimmer der Mittelschule in Puchheim bei München versammelt haben, weit weg. Und ihre Muttersprache ist in den Stunden mit Lehrerin Christine Fuchs-Hager auch tabu. Die Kinder sollen Deutsch lernen, damit sie bald in eine Regelklasse wechseln können.

Aber bis dahin ist es ein paar Wochen nach Schuljahresanfang noch ein weiter Weg. Damit die Schüler ihn schaffen, beginnt die Stunde nicht mit Konjugieren, sondern mit einer Partie Vier gewinnt. "Im Spiel müssen die Kinder Deutsch miteinander sprechen. Wegen der vielen Nationalitäten ist das die einzige Sprache, in der jeder jeden versteht", sagt Lehrerin Fuchs-Hager. Sie hält sich zurück und greift nur ein, als Mohammed jubelt: "Ich bin gewonnen!" - "Nein, ich habe gewonnen." "Ah, ok", sagt der Junge aus dem Irak und lächelt.

325 000 zusätzliche Schüler

"Sprache und Bildung sind der Schlüssel zur Integration", hat die Kultusministerkonferenz (KMK) kürzlich festgehalten. Dieser Teil der Integration von Flüchtlingskindern beginnt genau hier, in einer der Tausenden Übergangsklassen oder Willkommensklassen, deren Anzahl sich deutschlandweit in den letzten Jahren vervielfacht hat. In Bayern hat sich die Zahl binnen eines Jahres von 300 auf mehr als 470 erhöht. Niedersachsen hatte noch 2013 gerade einmal elf Klassen speziell für Neuankömmlinge aus fremden Ländern, inzwischen sind es etwa 260. Es werden in den kommenden Jahren noch mehr werden müssen. Die KMK geht von 325 000 zusätzlichen Schülern aus.

Die Mammutaufgabe Integration beginnt an vielen Schulen unnötig spät. Nur in Berlin und dem Saarland dürfen Flüchtlingskinder sofort nach ihrer Ankunft zur Schule gehen, haben Sprachforscher der Universität Köln herausgefunden. In den anderen Bundesländern verzögern die Regelungen des Asylrechts die Integration, in Bayern dürfen Kinder nach drei Monaten mit dem Lernen beginnen. Christine Fuchs-Hager findet das schade. Sie unterrichtet seit vier Jahren Übergangsklassen und weiß, wie viel Lust die Kinder haben, mit dem Deutschlernen anzufangen. "In den Ü-Klassen gibt es auf keinen Fall mehr schwierige Schüler als in den Regelklassen. Im Gegenteil: Hier wird meist engagierter mitgearbeitet."

Dass dabei jedes Kind mit anderen Voraussetzungen an die Schule kommt, ist für die Lehrkräfte eine große Herausforderung und erfordert im Unterricht viel Flexibilität. Bei der Wiederholung der Grundlagen zeigt sich das deutlich. Eine Schülerin kann Christine Fuchs-Hager nicht nur die Frage nach ihrem Namen, Heimatland und Lieblingstier in korrektem Deutsch beantworten, sie kann nach wenigen Wochen in der Schule auch sagen: "Ich bin seit fünf Monaten in Deutschland und will Friseurin werden."

Dass noch nicht alle so weit sind, zeigt Fuchs-Hagers Frage "Was ist heute?" an einen schmalen Jungen aus Mazedonien. Er schaut zu Boden, verlegen. "Heute ist . . . Winter?", sagt er fragend. "Nein", lacht die Lehrerin, "du hast noch keinen deutschen Winter erlebt. Heute ist Dienstag." Völlig andere Anforderungen als in einer Regelklasse seien das an sie als Lehrkraft, sagt Fuchs-Hager später. Differenzierung ist immens wichtig. Jeder soll das leisten und bearbeiten, was er kann. In der Ü5-7 in Puchheim hat dafür jeder Schüler sein eigenes Fach mit Arbeitsmaterialien. In Stillarbeit formulieren die einen ganze Sätze, während andere erst einmal die Buchstaben lernen müssen oder einfache Rechenaufgaben bewältigen. "In Mathe haben wir vom Stoff der ersten bis zur siebten Klasse alles da", sagt Fuchs-Hager.

Den Lehrern verlangt der Unterricht in den Ü-Klassen eine Menge Geduld, Arbeit und Einfühlungsvermögen ab. Und weil es immer mehr Kinder werden, braucht es auch immer mehr Pädagogen, die ihnen Deutsch beibringen wollen - die Ressourcen dafür sind aber begrenzt. In Bayern etwa haben sämtliche Lehramtsanwärter für Grund- und Mittelschulen im vergangenen Jahr eine Planstelle beim Staat bekommen. Trotzdem sagt Christine Fuchs-Hager: "Wir haben nicht mal für den normalen Schulalltag genügend Leute. Wir hätten die Mittel und die Erlaubnis für neue Klassen, aber es fehlen Lehrkräfte."

Wegen der hohen Nachfrage gibt es in Puchheim seit diesem Schuljahr eine zweite Ü-Klasse. Nach einer geeigneten Lehrkraft hat man jedoch lange suchen müssen. Nun unterrichtet Sabrina Landthaler in Puchheim, obwohl sie eigentlich Gymnasiallehrerin für Englisch und Französisch ist. "Wir waren unglaublich dankbar, als sie sich für die ausgeschriebene Stelle gemeldet hat", sagt Rektorin Eva Hilzinger. So war es möglich, an der Schule eine Übergangsklasse zu bilden mit Kindern, die noch kaum Deutsch können, und eine mit fortgeschrittenen Schülern.

Mit denen arbeitet sich Sabrina Landthaler gerade durch die Tierwelt. "Mit Artikel", mahnt sie, wenn Muharrem zwar den grauen Hasen an der Tafel korrekt erkennt, aber das zugehörige "der" vergisst. Die Klasse ist lebhafter als die von Fuchs-Hager, einige Kinder haben sich schon an Schule und Sprache gewöhnt. "Man muss ständig präsent sein, weil die Schüler sehr viele Fragen haben", sagt Landthaler. Dafür machten die Kinder sehr schnell sehr große Fortschritte. "Für mich ist das eine schöne Belohnung für meine Arbeit."

Eine Arbeit, die nicht im Klassenzimmer aufhören darf, findet Petra Stanat. Die Erziehungswissenschaftlerin und Leiterin des Instituts für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) beschäftigt sich seit Jahren mit den Themen Bildung und Integration. "Es ist wichtig, dass die Schüler intensiv sprachlich gefördert werden, aber auch schnell Kontakt zu deutschsprachigen Kindern bekommen," sagt sie. "Warum sollen Flüchtlingskinder nicht am regulären Sport- oder Kunstunterricht teilnehmen?" Mit der Herausforderung, Deutsch zu lehren und die Kinder an eine fremde Kultur heranzuführen, geht jede Schule anders um. In Puchheim machen sie mit den Flüchtlingskindern Ausflüge in den Ort, kaufen am Bahnhof eine Fahrkarte oder beim Bäcker Brot. Andere Schulen haben Patensysteme etabliert: Langjährige Schüler unterstützen Neulinge.

Wie wichtig die Integration der Kinder ist, erklärt Stanat anhand eines historischen Beispiels. "Als die sogenannten Gastarbeiter nach Deutschland kamen, haben wir es versäumt, sie beim Erlernen der deutschen Sprache zu unterstützen. Das darf nicht noch einmal passieren." Die Kinder der dringend benötigten Arbeitskräfte aus dem Ausland wurden in den 50er- und 60er-Jahren nach dem "Sink-or-Swim-Ansatz" unterrichtet. Ohne Deutschkenntnisse setzte man sie in Regelklassen, in der Annahme, das würde schon klappen. Dass dem nicht so war, ist Bildungsforschern längst klar. Deshalb wird jetzt erst die Sprache gepaukt. Erst nach einem Jahr in der Übergangsklasse versucht man in Puchheim, die Kinder in den Regelunterricht zu integrieren.

Vor einem weiteren Fehler warnt Erziehungswissenschaftlerin Stanat. Man dürfe nicht annehmen, "die Flüchtlingskinder wären prinzipiell Mittelschulklientel. Da sitzen viele Schüler, die in Syrien oder wo auch immer das Äquivalent eines Gymnasiums besucht haben." In Puchheim wissen sie das - und sind stolz auf das bisher Erreichte. "Ich habe nach einem Jahr Ü-Klasse fast immer Kinder ans Gymnasium geschickt. Bisher haben es alle dort geschafft", sagt Lehrerin Fuchs-Hager. Vielleicht ist Vier-gewinnt-Champion Mohammed der Nächste.

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SZ vom 09.11.2015
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