Inklusion an deutschen Schulen:"Diese Unsicherheit schürt Ängste"

Lehrer ächzen, Eltern stöhnen unter dem Druck, zusätzlich zu den Leistungs- und Migrationsproblemen in einem ohnehin schwierigen Schulsystem jetzt auch noch eine weitere Reform mittragen zu sollen: das Einbeziehen Behinderter in den Unterricht. Dabei ist die Inklusion für alle da. Und für alle nützlich - wenn sie richtig gemacht wird.

Von Ruth Schneeberger

Inklusion an deutschen Schulen: Ein Schülerin sitzt in einer integrierten Gesamtschule in ihrem Rollstuhl

Ein Schülerin sitzt in einer integrierten Gesamtschule in ihrem Rollstuhl

(Foto: dpa)

Es ist eine Zumutung. Mit einem Rollstuhl an einem Samstag gut gelaunt durch die volle Münchner Fußgängerzone zu fahren, ist fast ein Ding der Unmöglichkeit. Ständig laufen Passanten in die kranken Füße, sehen unmittelbar vor dem Rollstuhl die beste Gelegenheit, noch schnell den Gehweg zu kreuzen - nicht ahnend, dass Fahrer oder Lenker schon zum zehnten Mal an diesem Tag eine Vollbremsung hinlegen müssen. Was, je nach Schwere und Rollstuhlbeschaffenheit, keine leichte Aufgabe ist.

Recherche

"Welche Bildung brauchen unsere Kinder wirklich?" Diese Frage hat unsere Leser in der zweiten Abstimmungsrunde unseres Projekts Die Recherche am meisten interessiert. Dieser Text ist einer von zahlreichen Beiträgen, die sie beantworten sollen. Alles zur Bildungsrecherche finden Sie hier, alles zum Projekt hier.

Einen Platz ergattern im Aufzug eines Kaufhauses? Schwierig. Diejenigen, die genauso eine Roll- oder normale Treppe benutzen könnten, sind einfach schneller. Platz machen auf einem extra für den Rollstuhlfahrer ausgewiesenen Platz in der Straßenbahn? Geht oft nur unter lautstarken Unmutsbekundungen mit Hinweisen auf die eigene Krankheitsgeschichte. Und der Tramfahrer verdreht die Augen, wenn er die Rollstuhlrampe runterfahren muss, weil das seinen Zeitplan durcheinanderbringt.

Intoleranz, Beleidigungen, Anfeindungen

Rollstuhlfahrer - und ihre Begleiter - brauchen in München starke Nerven. Und viel Zeit. Schlimmer als fehlende behindertengerechte Infrastrukturen sind, so weiß Michael Holm zu berichten, der als Pflegehelfer schon Behindertengruppen und zuletzt eine Schlaganfallpatientin betreut hat, die Blicke. Nicht nur die des Tramfahrers, sondern auch die vieler Passanten. Und es sind nicht nur Blicke, sondern oft genug auch Sprüche. Bis hin zu derben Beleidigungen.

Der 28-jährige Münchner setzt deshalb darauf, den ganzen Schwierigkeiten und der Ausgrenzung durch andere möglichst viel Normalität im Umgang mit Behinderten entgegenzusetzen. Nimmt sie mit in die Kneipe, stellt sie seinen Freunden vor, entführt sie ins Nachtleben, organisiert Urlaub. "Ich will den Leuten die Möglichkeiten geben, die sie sonst nicht haben: am ganz normalen Leben teilzunehmen." Das scheitert oft an der Intoleranz der anderen.

Egal, wo er hinkommt, die Leute fühlen sich in der Öffentlichkeit durch die bloße Anwesenheit von Behinderten beeinträchtigt. Sei es durch einen Rollstuhl mit Übermaßen oder weil sie gerade nicht so schnell die Straße kreuzen können, wie sie es gerne hätten. Anfeindungen sind an der Tagesordnung.

Damit es so weit nicht mehr kommt, dass sowohl Behinderte als auch deren Betreuer, Pfleger und Familien sozial ausgegrenzt werden, haben die Vereinten Nationen 2006 die Inklusion beschlossen. 2009 trat das Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderung in Deutschland in Kraft.

"Wir wissen zu wenig voneinander"

Inklusion ist weitreichender als Integration, sie geht nicht nach davon aus, dass jemand mit Nachteilen in eine Gesellschaft vermeintlich Nicht-Benachteiligter integriert werden soll. Sondern dass alle einzigartig sind, es keine besseren oder schlechteren Menschen gibt und dass alle zusammen im selben Lernumfeld aufwachsen und gefördert werden sollten.

Schon die Kleinsten sollen an den Schulen lernen, dass nicht alle Menschen die gleichen Voraussetzungen haben - und trotzdem alle miteinander auskommen müssen. Dass jeder das Recht auf einen normalen Umgang, eine normale Schulausbildung und einen normalen Beruf hat - soweit eben möglich. Dass davon nicht nur die auf welche Art auch immer behinderten Kinder profitieren, weil sie nicht mehr an Förder und "Sonder"-Schulen vom normalen Leben ausgegrenzt werden, sondern auch die Kinder ohne Lernschwierigkeiten, die ohne Inklusion vielleicht erst im Erwachsenenleben mit Behinderten konfrontiert würden. Wenn überhaupt.

"Wir wissen zu wenig voneinander", sagt Sascha Decker, Pressesprecher der Aktion Mensch. Die Organisation mit Hauptsitz in Bonn hat 2012 eine Umfrage gemacht, um herauszufinden, wie viele Deutsche regelmäßig Kontakt mit Behinderten haben. Das Ergebnis: Ein Drittel hat Kontakt an Schule oder Arbeitsplatz. Zwei Drittel aber haben kaum Berührungspunkte mit Behinderten. "Da ist es auch völlig normal, dass diese Menschen unsicher sind", sagt Decker.

Weniger versöhnlich sieht das Florian Bublys. Der Gymnasiallehrer ist Sprecher der Berliner Lehrer-Initiative für Schulqualität, "Bildet Berlin!". Der finanzielle Aspekt ist für ihn bei der Umsetzung der Inklusion in Schulen hierzulande der entscheidende.

Viele Lehrer sind wütend

"Dass alle Unterschiede letztendlich eine Gemeinsamkeit ausmachen und jeder Mensch einzigartig ist, das ist eine Idealvorstellung. Das Gelingen in der Praxis und in der Schule hängt aber von zwei Säulen ab: Erstens von der finanziellen und materiellen Ausstattung der Schulen und zweitens von der Fortbildung der Lehrer", sagt Bublys. Deutschland leiste sich im OECD-Durchschnitt ein unterfinanziertes Bildungssystem. Auf diese Weise sei die Inklusion an den Schulen kaum zu stemmen.

"Unsere Schule hat sechs Stockwerke und einen Fahrstuhl, andere Schulen haben vier Stockwerke und gar keinen Fahrstuhl. Körperlich eingeschränkte Schüler können sich da gar nicht frei bewegen", sagt Bublys. Hinzu komme die Überforderung von Lehrern im Unterricht, von einer individuellen Förderung der Schüler ganz zu schweigen: "Dieser Forderung kann man gar nicht nachkommen. Wenn ich nur ein autistisches Kind in der Klasse habe, brauche ich schon eine individuelle Betreuung, und die nicht nur im 15-Minuten-Takt, sondern ständig." Das seien völlig neue Ansprüche, für die es bisher nicht die entsprechenden Konzepte, Fortbildungen und Finanzierungsmöglichkeiten gebe.

Unwissenheit auf allen Ebenen

Dass Lehrer das alles in ihrer Freizeit schultern sollen, könne nicht der richtige Ansatz sein. Wer die Inklusion umsetzen wolle, müsse auch die entsprechenden Kosten tragen und Konzepte entwickeln. Ansonsten bleibe das Stichwort Inklusion eine Floskel ohne Inhalt. "Weil die Gelder im Haushalt nach politischen Prioritäten verteilt werden, steht Bildung da traditionell hinten an. Da gibt es Milliarden von Euro für Drohnen und Großprojekte wie Flughäfen. Aber für Bildung und Inklusion ist nicht genug da", so Bublys.

Es sei zwar möglich und auch theoretisch begrüßenswert, die Inklusion an deutschen Schulen umzusetzen. "Lehrer sind lernfähig und anpassungsfähig, ich würde das Projekt deshalb nicht von vornherein zum Scheitern verurteilen." Aber die Lehrer hätten schon so viele Reformen mitgemacht und immer das Gefühl gehabt, damit alleine gelassen zu werden. "Das spielt eine maßgebliche Rolle dabei, dass viele Lehrkräfte auch Angst davor haben und das nicht wollen."

Die Politik sei sich der Tragweite und den Notwendigkeiten für die praxisorientierte Umsetzung nicht bewusst. "Das liegt daran, dass man Politiker selten an Schulen sieht." Die Unwissenheit sei auf allen Ebenen groß, auch bei Eltern, die oft vor allem das Wohl ihrer eigenen Kinder im Blick hätten, und bei Schülern, die auf alles Fremde erst mal skeptisch reagierten. Es gebe zwar einzelne Projekte und auch Schulen, die die Inklusion schon einigermaßen erfolgreich angehen. "Aber das meiste sei "Flickschusterei" und biete kein tragendes Gesamtkonzept für alle, sagt Bublys: "Diese Unsicherheit schürt Ängste."

2009 lebten in Deutschland 9,6 Millionen Menschen mit Behinderungen, davon 7,1 Millionen schwerbehindert. Weltweit haben zehn Prozent eine Behinderung, etwa 650 Millionen Menschen. Diese Zahl wird steigen, durch das Anwachsen der Weltbevölkerung, den medizinischen Fortschritt und die alternde Gesellschaft. Menschen mit Behinderungen leben oft am Rande der Gesellschaft, sie bilden das ärmste Fünftel der Bevölkerung.

Deutschland braucht länger für die Inklusion

Behinderte sind weltweit die größte Minderheit, ihre Menschenrechte sind am meisten gefährdet. In vielen Staaten werden immer noch behinderte Säuglinge getötet, kommt es zu Zwangssterilisation, sexuellem Missbrauch und Medikamentenerprobung. In Deutschland fielen Behinderte während des Nationalsozialismus massenweise der Euthanasie zum Opfer, galten als "unwertes Leben".

"Nach den Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg wollte man es hier besonders gut machen", sagt Sascha Decker. "Das hat dazu geführt, dass fast für jede Behinderung eine eigene Förderschule eingerichtet wurde, von der Schule für geistig Behinderte bis zu der für Blinde. Daraus hat sich eine sehr stark ausgebildete Schullandschaft entwickelt, die ja auch ihre Stärken hat. Bis heute." Allerdings habe dieser Weg auch dazu geführt, dass andere Länder mit der Inklusion heute schon viel weiter seien als Deutschland.

"Deshalb brauchen wir jetzt wohl etwas länger, um unser Schulsystem unter dem wichtigen Gedanken der Inklusion noch mal ganz neu zu denken. Es wird auch künftig noch Fördereinrichtungen neben dem regulären Schulbetrieb geben." Elementar sei aber, so Decker, dass der Gedanke der Inklusion begrüßt, verstanden und umgesetzt, aber nun nicht übers Knie gebrochen werde. "Wir müssen mehr miteinander darüber kommunizieren, und dabei bitte nicht sparen. Damit täten wir dem Inklusionsgedanken keinen Gefallen."

Eine Stadt, in der das große Umdenken schon ganz gut funktioniere, sei Augsburg, sagt Gisela Klaus. Die Schulrätin am staatlichen Schulamt ist unter anderem für Inklusion zuständig. Solange sie noch Schulleiterin war, hat sie das Projekt neun Jahre lang an ihrer eigenen Schule vorangetrieben. Nun entwickelt sie Konzepte, pädagogische Maßnahmen, Hilfen und ein engmaschiges Netz zur Umsetzung der UN-Charta in Augsburg. "Es läuft relativ problemlos", sagt Klaus.

Das große Umdenken

Für insgesamt 14.000 Schüler an Grund- und Mittelschulen gibt es 30 Kooperationsklassen mit und ohne Förderbedarf. Darin sitzen jeweils nicht mehr als fünf Schüler mit Förderbedarf. Pro Klasse wird dem Lehrer an mindestens ein bis zwei Stunden am Tag eine zusätzliche Lehrkraft zur Verfügung gestellt, die ihn unterstützt und prüft, was das einzelne Kind an zusätzlichem Förderbedarf benötigt.

"Wir haben auch viel kleinere Klassen als früher, nur noch 19 bis 20 Schüler. Wir konnten alle Klassen mit einem hohen Migrationsanteil teilen", berichtet die Schulrätin. Der Bedarf, auf jedes Kind individuell einzugehen, sei ohnehin höher als in früheren Generationen: "Wir haben heute Grundschulkinder, die lesen Ihnen alles vor - und wir haben Kinder, die wissen nicht mal, was blau, rot oder grün ist." Die Inklusion, die nicht nur bedeutet, dass Behinderte in den normalen Unterricht integriert werden, sondern dass alle Kinder nach ihrem individuellen Bedarf gefördert werden sollen, so auch Hochbegabte, stehe zwar noch am Anfang.

"Aber wir haben jetzt zwei Jahre lang breite Fortbildungsmaßnahmen hinter uns, mit Fachtagungen und Workshops als Pflicht für alle Lehrer." Man habe zwar nicht die Universallösung gefunden,aber das Beratungssystem systematisiert. Zwar gebe es auch in Augsburg Lehrer, die mit der neuen Situation noch fremdeln würden, aber inzwischen wüssten sie, an wen sie sich bei Problemen wenden könnten, sagt Klaus.

Keine Angst, es funktioniert

Wichtiger als mehr Geld zur Umsetzung der Inklusion sei es, dass man sich überhaupt auf den Weg mache - und das Umdenken einsetze, findet sie. Die Überforderung vieler Lehrer hänge damit zusammen, dass sie nach dem bisherigen Denken noch an dem Ziel gemessen würden, dass jedes Kind auf denselben Lernstand gebracht und eine gute Note haben müsse.

Deshalb seien Lehrer massenweise ausgestiegen - bevor das neue Unterrichtsgesetz von Juli 2012 dahingehend verändert wurde, dass nun in der Pflichtschule lernzieldifferenziert unterrichtet werden kann, wenn die Voraussetzungen zur Förderung gegeben sind. Als Hilfestellung für die praktische Umsetzung wurden deshalb in Augsburg einheitliche Beratungsformulare entwickelt.

"Man kann zeitlich begrenzt auf Noten verzichten. Es gibt einen Nachteilsausgleich für besondere Stresssituationen, damit sich niemand ungerecht behandelt fühlt. Das sieht das Gesetz ja vor", erklärt Klaus. "Auch in der Grundschule kann lernzieldifferent unterrichtet werden. Ich bin kein schlechter Lehrer, wenn der Schüler in der ersten Klasse nur sieben Buchstaben lernt anstelle des gesamten Alphabets." Das ist für die Lehrer vollkommen neu.

Und auch Eltern müssten ertragen, dass der Schulalltag jetzt anders aussehe. "Ihr eigenes Kind lernt womöglich nicht die Schreibschrift wie die anderen, und es bekommt ein anderes Buch." Man frage jetzt nicht mehr: Was machen wir aus diesem Kind? Sondern: Was braucht es? "Das müssen auch die Eltern akzeptieren."

Warum funktioniert nun gerade in Augsburg, was anderswo so hohe Wellen schlägt? "Wir sind in Augsburg gewohnt, mit Heterogenität umzugehen", sagt Gisela Klaus. "Wir sind in Deutschland an vierter Stelle, was Migration angeht: Über 40 Prozent der Bevölkerung hat einen Migrationshintergrund, an Grund- und Mittelschulen sogar 60 bis 80 Prozent der Schüler." Das habe eine lange Historie, die man für die Inklusion genutzt habe.

Bereit sein für das neue Lernen

Auch in Augsburg sei noch längst nicht alles gut. Doch der Weg sei eingeschlagen und habe sich als der richtige erwiesen. Mit Ausnahme von ganz schweren Fällen, etwa Schulverweigerern oder Kindern mit starken Mehrfachbehinderungen, für die Förderzentren immer noch eine "segensreiche Einrichtung" seien. "Unsere Schulen sind immer noch kognitiv ausgerichtet. In den Förderzentren gibt es eine noch individuellere Betreuung, die wir nicht leisten können." In vielen Fällen bestünden Eltern darauf, ihren neuen Rechtsanspruch umzusetzen und ihr Kind auf die normale Schule zu schicken - auch wenn das nicht sinnvoll sei. "Das ist nicht in jedem Fall zu leisten", so die Schulrätin.

Aber Gisela Klaus ist inzwischen zu einer neuen Grundüberzeugung gelangt: "Der größte Gewinn der Inklusion ist der, dass wir Kinder erziehen, die keine Probleme mehr mit behinderten Kindern haben." Durch die Inklusion beobachte sie eine Veränderung des Blickwinkels innerhalb der Klassen. Die Frage, wer anders ist als die anderen, stelle sich immer weniger. Dafür stelle sich ein "enorm hoher Respekt" für Menschen mit Behinderungen ein - bei Schülern und Lehrern.

"Die Kernfrage der Inklusion ist: Wie gehe ich mit etwas um, das ich nicht kenne? Und: Bin ich bereit, mich darauf einzustellen?", sagt Klaus. Die Kinder, die damit aufwachsen, stellen sich diese Fragen irgendwann gar nicht mehr.

Die Recherche zum Schulsystem: Bildung, wie wir sie brauchen

"Welche Bildung brauchen unsere Kinder wirklich?" - das wollten unsere Leser in der zweiten Runde von Die Recherche wissen. Mit einer Reihe von Artikeln versuchen wir diese Frage zu beantworten.

© SZ.de/rus/sebi/lala
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