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Inklusion am Gymnasium:"So eine Behinderung kann man nicht ausgleichen"

Ein Donnerstag Ende November 2015, Mathe-Doppelstunde, Stochastik. Von der Fortbewegung abgesehen, ist Amelie eine Schülerin wie alle anderen auch, arbeitet mal mit, langweilt sich zwischendurch. "Hatten wir in Deutsch eine Hausaufgabe?", fragt eine Mitschülerin. Amelie antwortet mit dem Mantra des gemeinen Oberstufenschülers: "Keine Ahnung."

Neben ihr sitzt Schulwegbegleiter Magnus und macht Notizen. "Das brauchst du nicht mitzuschreiben", sagt Amelie, sie hat den Stoff ohnehin drauf. Wann immer es geht, schreibt sie selbst, obwohl sie in den Fingern keinerlei Gefühl hat. Sie steckt den Stift dafür zwischen Zeige- und Mittelfinger, die Handfläche zeigt nach unten, die Schreibbewegung kommt großteils aus der Schulter. Das Schriftbild ist überraschend gleichmäßig, dafür hat Amelie hart trainiert. Auf dem Weg zum Abitur ist das Schreiben trotzdem ihr größtes Problem.

Im Deutsch-Abitur müssen die Schüler fünf Stunden am Stück mit der Hand schreiben. Als Nachteilsausgleich bekommt Amelie zwar 50 Prozent Zeitaufschlag - trotzdem ist es für sie fast unmöglich, knapp acht Stunden am Stück konzentriert zu arbeiten. "So eine Behinderung kann man nicht ausgleichen", sagt Schulleiter Vogl. Dennoch versuche man, für das Deutsch-Abi eine unkonventionelle Lösung zu finden. Amelie könnte den Text zum Beispiel einem Deutsch-Lehrer diktieren, der ihn dann kommentarlos niederschreibt. Sie experimentieren in Neufahrn eine Menge, auch in den zusätzlichen Einzelstunden, die das Ministerium wegen Amelies Behinderung genehmigt hat. "Es müssen beim Nachteilsausgleich immer Einzelfallregelungen gefunden werden, Schablonen gibt es keine", sagt auch Georg Suttner, Referent für Inklusion am Gymnasium beim bayerischen Kultusministerium.

Amelie Ebner, 22. November 2015

"Wir wissen nicht, was morgen ist. Man denkt immer, es trifft einen eh nicht. Und dann steht man da. Oder steht eben nicht mehr."

Aber egal, welche Variante sich am Ende als die beste erweist: Die gleichen Bedingungen wie ihre Klassenkameraden wird Amelie nie haben. Die vielen Therapien, Ärger mit den Krankenkassen, dazu Hausaufgaben und Vorbereitung, da bleibt kaum Zeit für Hobbys oder Erholung. "Bei mir dauert einfach alles viel länger, zu Hause habe ich ja keinen Schulwegbegleiter, der mir die Sachen auf den Schreibtisch legt", sagt Amelie, und streicht sich mit dem Handrücken eine Haarsträhne aus dem Gesicht. "Um einen Ordner aus dem Schulranzen zu kriegen, brauche ich dann schon mal fünf oder zehn Minuten." Dennoch will sie alltägliche Dinge selbst erledigen, wenn es nur irgendwie geht.

Und auch wenn die Schule in Sachen Inklusion vieles unternimmt, läuft nicht alles perfekt. Wie das in einer zwanzigminütigen Pause aussehen kann, beschreibt Amelie in einem Blogeintrag aus dem Oktober 2014: Sie muss zur Toilette, leider ist diese dort, wo sie gerade Unterricht hat, nicht behindertengerecht. Sie muss ins Erdgeschoss, rüber ins andere Gebäude, zum Aufzug, rauf in den ersten Stock, denn auf der Toilette im Erdgeschoss ist das Licht kaputt. Später muss sie zurück zum Aufzug. Hier heißt es noch einmal warten. Dann wieder runter ins Erdgeschoss, rüber ins andere Gebäude, rauf in den zweiten Stock, da hat sie Mathe. "Wenn ich Glück hab, schaff ich das in 20 Minuten. Essen geht schlecht, während ich fahre oder geschoben werde. So verbring ich jede Minute, die nicht zum Unterricht zählt, mit hin und her hetzen . . .", schreibt Amelie.

Einen Behindertenbonus gibt es für Inklusionsschüler wie Amelie also gewiss nicht. Vielleicht hat ihr auch deshalb nach ihrer Rückkehr an die Schule ein Lehrer indirekt empfohlen, es doch an einer für sie passenderen Bildungseinrichtung zu versuchen. Sie hat das sehr deutlich abgelehnt, wollte es am Gymnasium schaffen. "Bei entsprechenden Voraussetzungen soll jedes Kind - unabhängig von einer Behinderung - die Möglichkeit haben, an jede Schule zu gehen", sagt Georg Suttner vom Kultusministerium. Amelie strebt ein Abitur mit der Note 1,9 an. Danach will sie Jura studieren.

© SZ vom 11.01.2016/mkoh
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