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Tafeln:"Ich kann mir nur das Bier nicht leisten"

Scham ist ein Gefühl, das auch Thomas Lindt nur zu gut kennt. "Ich habe bei jedem Besuch der Tafel das Gefühl, dass mich das ein Stück unmündig macht", sagt Lindt. Er könne nicht kaufen, was er wolle, sondern müsse nehmen, was angeboten wird. "Das läuft häufig auf Kartoffeln und Kohl raus. Und Joghurt, jede Menge Joghurt." Ein Studentenleben wie viele seiner Kommilitonen hat er nicht. Oft geht er früher nach Hause, wenn er mit Freunden unterwegs ist. "Ich sage dann, ich müsse lernen, dabei kann ich mir nur das nächste Bier nicht leisten." Auch Konzertbesuche seien für ihn nicht drin.

Studenten, die zur Tafel gehen, sind bei vielen Ausgabestellen in deutschen Universitätsstädten ein Thema. "Vor neun Jahren, als ich hier angefangen habe, kamen noch gar keine Studenten", sagt etwa Christine Meier von der Tafel in Augsburg. Heute seien es bis zu zehn, die regelmäßig kämen. Auch in Karlsruhe, Berlin und Kiel kennt man das Phänomen.

Thomas Lindt war sich stets bewusst, dass er sein Studium selbst finanzieren muss. Er hat lange gezögert und sich dann doch dafür entschieden. "Als Erzieher verdient man so wenig, damit hätte ich später niemals eine Familie gründen können", sagt er. Dass er kein Bafög bekommen würde, war ihm nicht klar. "Das habe ich erst auf dem zuständigen Amt erfahren."

"Bezahle ich Miete oder Krankenkassenbeitrag?"

Bei den fürs Bafög zuständigen Studentenwerken ist das Phänomen bislang nur durch Medienberichte bekannt. "Wir können aber nicht sagen, ob es hier eine Tendenz gibt", sagt Stefan Grob vom Deutschen Studentenwerk. Tatsache sei aber auch, dass laut einer aktuellen Umfrage fast ein Viertel der Studierenden im Monat mit weniger als dem Bafög-Höchstsatz von 670 Euro auskommen müssten. "Trotzdem leben Studenten relativ billig, sie bekommen viele Vergünstigungen, etwa bei Kulturangeboten, und stark subventioniertes Mensaessen", sagt Grob. Auch er könne sich vorstellen, dass die Fälle von Studenten, die zur Tafel müssen, mit hohen Mieten zu tun haben könnten.

Zwar müsse man seiner Ansicht nach das Bafög durchaus weniger bürokratisch gestalten. "Wir fordern seit Längerem eine Erhöhung des Elternfreibetrages um zehn Prozent", sagt Grob. Trotzdem warnt er davor, die Schuld beim Bafög zu suchen. "Vom Gedanken her ist es eine der wichtigsten staatlichen Hilfen", sagt er. Studenten sollten sich einfach nicht abschrecken lassen von all den Formularen - denn wer Bafög-berechtigt sei, bekomme am Ende, was ihm zusteht.

Thomas Lindt gehört nicht dazu. Er steht am Anfang eines jeden Monats vor der Frage: "Bezahle ich Miete oder Krankenkassenbeitrag?" Glücklicherweise gewähre ihm sein Vermieter einen kleinen Spielraum bei der Miete. Früher hat Lindt häufiger in den Mülltonnen der Lebensmittelmärkte nach Essbarem gesucht. "Das ist aber richtig, richtig ekelhaft", sagt er.

© SZ vom 17.03.2014/jobr
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