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Homosexualität in der Schule:Infame Behauptungen

Diese Akzeptanz folgt einem Verständnis von Vielfalt, das in unserer Gesellschaft selbstverständlich sein sollte, das auch Menschen mit Behinderungen, Migrantinnen und Migranten oder Menschen verschiedener Religionen einschließen sollte - und dessen Schutzgedanke auch gesetzlich im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz verankert ist.

Dahinter eine "pädagogische, moralische und ideologische Umerziehung" zu vermuten, wie es die Initiatoren der Petition in Baden-Württemberg tun, und auf die angeblich "negativen Begleiterscheinungen" eines beispielsweise homosexuellen "Lebensstils", "wie die höhere Suizidgefährdung ... und die deutlich geringere Lebenserfahrung" zu verweisen, das ist gegenüber den Betroffenen nicht nur ignorant, sondern infam.

Sexuelle Orientierung frei leben zu können, ist keine Frage des "Lebensstils", sondern ein Menschenrecht. Schülerinnen und Schüler aller Geschlechter und aller sexueller Orientierungen brauchen statt Belehrungen mehr Ermutigung - und Ansprechpartner vor Ort. Wegweisende Signale in diese Richtung gibt es aus einem weiteren Bundesland.

Diskriminierung führt zu Leistungsabfall

Seit 2011 arbeitet in Niedersachsen eine Anlaufstelle des Landes, die Schülern Beratung gegen Diskriminierungen und sexuelle Gewalt anbietet. Seit ihrem Bestehen hat sie mehr als 700 Anfragen bearbeitet und nimmt sich in vorbildlicher Weise Benachteiligungserfahrungen von Schülerinnen und Schülern an. Dabei arbeitet sie eng mit Schulämtern zusammen und kann im Ernstfall auch auf Sanktionen gegen betroffene Schulen hinarbeiten - dann etwa, wenn sich Diskriminierungen von einem bestimmten Lehrer wiederholen.

Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes setzt sich in ihrem aktuellen Bericht an den Bundestag für Beratungsstellen wie diese in allen Bundesländern ein. Denn die Erfahrung mit Opfern von Benachteiligungen zeigt: Wenn Jugendliche erleben müssen, dass ihre sexuelle Orientierung nicht geduldet wird, erleben wir immer wieder massive psychische Probleme, massiven Leistungsabfall und damit verbundene Schwierigkeiten im weiteren Berufsleben. Wichtig ist deshalb ein möglichst engmaschiges Netz von Anlaufstellen.

Diskriminierungen muss umgehend Einhalt geboten werden - dort, wo sie entstehen. Wer das verharmlost, der öffnet Diskriminierung Tür und Tor, sei es durch Unwissenheit, sei es durch Vorurteile. Deutschland kann es sich langfristig nicht leisten, ganze Gruppen von Schülerinnen und Schülern am Bildungserfolg nicht chancengerecht teilhaben zu lassen. Gerade im Hinblick auf die demografische Entwicklung braucht Deutschland jeden qualifizierten Menschen, unabhängig von Hautfarbe, Herkunft, Religion, sexueller Orientierung, Geschlecht und Behinderung.

Thomas Hitzlsperger ist kein Baden-Württemberger. Ich bin mir aber ganz sicher: Hätte er sich schon in der Schule vor Diskriminierungen sicher gefühlt und wäre er in einem Klima der Vielfalt und der Ächtung jeglicher Benachteiligungen aufgewachsen, dann hätte er auch als Aktiver weniger Angst vor einem Outing im Fußball gehabt.

Christine Lüders, 60, ist Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Zuvor arbeitete die studierte Pädagogin unter anderem als Referatsleiterin in Ministerien in Nordrhein-Westfalen und Hessen.

© SZ vom 11.01.2014/jobr
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