Homosexualität als Schulthema:Vorurteile, die verbinden

Demonstration Bildungsplan 2015

Hunderte Teilnehmer demonstrieren gegen die Aufwertung des Themas Homosexualität im Schulunterricht in Baden-Württemberg.

(Foto: dpa)

Die Ressentiments der Demonstranten in Baden-Württemberg wirken irrational: Sie wollen nicht, dass sexuelle Toleranz in der Schule behandelt wird, weil sie hoffen, dass Dinge verschwinden, vor denen man die Augen verschließt. Diesen Sorgen muss die Politik mit Argumenten begegnen.

Ein Kommentar von Roman Deininger, Stuttgart

Wenn in Stuttgart eine Demonstration fließend in eine Straßenschlacht hinübergleitet, hat das für gewöhnlich mit der Tieferlegung des örtlichen Hauptbahnhofs zu tun. Am Samstag gab es wieder mal wilde Szenen am Schlossplatz, fliegende Farbbeutel, brennende Pappschilder. Es ging aber um viel mehr als um einen Bahnhof.

Baden-Württemberg erlebt gerade einen Kulturkampf, der sich an einem eigentlich noch unfertigen Arbeitspapier der grün-roten Landesregierung entzündet hat. Das Papier lässt den eher unaufregenden Plan erkennen, genau wie im Rest der Republik Schülern zu vermitteln, dass es neben Heterosexualität auch Homosexualität und ein paar andere Dinge gibt - und dass das okay so ist. 192 000 Menschen finden das jedoch nicht okay, sie haben eine Online-Petition dagegen unterschrieben.

Ihre ganz eigene Exegese des Papiers legt offenbar nahe, dass Kindern künftig gleichgeschlechtliche Liebe mit Pornos schmackhaft gemacht werden soll. Es ist ein Kulturkampf, der auch anderswo tobt, viel schlimmer als im Südwesten. Nicht nur in Russland, wo der homophobe Hass Gesetz oder zumindest Politik ist. Sondern auch in Westeuropa, wo die rechtliche Gleichstellung von Schwulen und Lesben stetig Form annimmt. In Frankreich marschierten Hunderttausende gegen die "Ehe für alle".

Die Demonstranten fürchten um die Familie

All das wirkt, egal ob in Paris oder in Stuttgart, erst mal irrational: Niemand verliert an Freiheit, wenn Homosexuelle an Freiheit gewinnen. Trotzdem dürften viele Demonstranten von Verlustangst getrieben sein. Sie bangen um ihre kleine, wohlgeordnete Welt, in der Vorurteile noch verbinden und wärmen. Oder freundlicher: Sie befürchten, dass der Individualismus im Namen des Fortschritts die Gemeinschaft zersetzt und irgendwann auch deren letzte Bastion, die Familie. Diese Sorge teilen sie mit den Kirchen.

Es ist kein Zufall, dass solche Gefühle sich nun in Baden-Württemberg Bahn brechen. Manchen schwäbischen Pietistengemeinden gelten Harry-Potter-Bücher als brandgefährliches Hexenwerk. Außerdem ist die vermeintliche Bedrohung politisch sehr anschaulich. Haben die Grünen nicht gelobt, das schwarze Land gründlich umzupflügen? Tatsächlich machen sie immerhin Symbolpolitik.

Stefan Mappus ereiferte sich vor gar nicht langer Zeit anlässlich des Christopher Street Days (CSD) über "das frivole, karnevaleske Zurschaustellen sexueller Neigungen". Grün-Rot hisste nun am CSD die Regenbogenfahne über dem Neuen Schloss.

Ressentiments muss die Politik mit Argumenten begegnen

Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat in Baden-Württemberg bekanntlich die Politik des Gehörtwerdens ausgerufen - jetzt tut er gut daran, auch jene zu hören, die sich an der Regenbogenfahne auf dem Schloss stören. Klar, die Politik muss gegen Homophobie konsequent vorgehen und Gleichstellung entschlossen verfolgen. Aber sie darf Menschen, die alte Prägungen nicht so schnell abschütteln können, nicht als rückständige Waldschrate brandmarken.

Ihren Sorgen und auch ihren Ressentiments muss sie mit Argumenten begegnen, nicht mit einer Art Gegen-Empörung. Es würde auch helfen, wenn einige linke Aktivisten einfach mal zur Demo gehen könnten, ohne gleich schwarzer Block zu spielen.

Auf der Straße wird demonstriert, im Internet wird unterschrieben. Aber entschieden wird immer noch im Parlament. Im Stuttgarter Landtag hat nicht umsonst eine Koalition die Mehrheit, die sich sexuelle Toleranz schon im Wahlkampf auf die Fahnen geschrieben hat. Und die CDU sollte sich dieser Tage daran erinnern, dass der erste bekennend schwule CDU-Bundestagsabgeordnete für sie gerade das Stuttgarter Direktmandat gerettet hat.

Eine Inbrunst, die manchmal frösteln lässt

Aufklärung ist ein Generationenprojekt, und sie fängt in der Schule an. Im Südwesten soll es künftig eben nicht um die "ideologische Umerziehung" gehen, vor der die Kritiker zittern. Diese Idee existiert nur in deren Köpfen. Das muss die Politik aber auch glaubhaft machen - man kann es wirklich übertreiben mit gender-theoretischem Formulierungswahnsinn.

Der verdeckt nur, dass es ganz schlicht um die Freiheit von Ideologie geht, um Toleranz und respektvollen Umgang. Denn wer will bestreiten, dass es Aufklärungsbedarf gibt? Dass "schwul" unter vielen Jugendlichen ein Schimpfwort ist? Dass Homosexualität für viele immer noch fremd ist und deshalb unheimlich?

Die radikalen Gegner der Stuttgarter Schulpläne wollen, dass das Fremde unsichtbar bleibt. Sie hoffen, dass Dinge verschwinden, vor denen man die Augen verschließt. Sie verteidigen den Eingang zu ihrer kleinen Welt mit einer Inbrunst, die manchmal frösteln lässt. Und sie liefern so selbst die besten Argumente, warum das Thema sexuelle Toleranz seinen festen Platz im Unterricht braucht.

© SZ vom 04.02.2014/kjan
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