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Hochschulen und Corona:Schluss mit dem Digitalgejammer!

Hochschulen in Bremen

So sah er häufig aus, der lebendige Austausch zwischen Lehrenden und Studierenden. Ihm weinen vor allem arrivierte Professoren derzeit nach

(Foto: dpa)

In der Debatte um digitale Lehre beschwören viele Professoren das Ende der Bildung, wie wir sie kennen. Vielleicht geht da aber auch einiges aus guten Gründen zu Ende? Zeit für eine Abrechnung mit einem teilweise überholten System - und für die Aufwertung neuer Methoden.

Gastkommentar von Christian Dries

Die Klagegesänge wollen nicht abreißen, so wenig wie ihre Repliken: "Rettet die Präsenzlehre!", rufen die einen; "Verteufelt die E-Lehre nicht!", schallt es zurück. 5860 Dozierende haben inzwischen den offenen Brief "Zur Verteidigung der Präsenzlehre" (www.praesenzlehre.com) unterschrieben, mich selbst eingeschlossen. Nun ist es Zeit für eine nüchterne Zwischenbilanz.

Liest man die besorgten Stellungnahmen der im Home-Office kasernierten Hochschullehrerinnen und -lehrer, fällt zunächst einmal ins Auge, dass hier meistens Arrivierte sprechen. Der akademische Mittelbau, der die Hauptlast des Lehrbetriebs trägt und häufig innovative(re) Lehrformate anbietet, bleibt in der Debatte unterrepräsentiert. Bände spricht aber vor allem das Bild, das vehemente Digitalkritiker von alter und neuer Universität vermitteln. So schrieb etwa die Freiburger Kunsthistorikerin Angeli Janhsen in der Badischen Zeitung: "Den Lehrenden fehlen die Studierenden, den Studierenden die Lehrenden. Jeder sitzt allein vor dem eigenen PC und hat es bestenfalls mit Mails und kleinen Bildchen zu tun. Die Kommunikation richtet sich aus dem engen Zuhause irgendwie ins Offene. Universitäten sind normalerweise lebendige Orte der Bildung, der Begegnung und der Selbstversicherung. Studierende lernen hier bei Spezialistinnen und Spezialisten, was sie sonst nirgends lernen können. Man trifft sich, tauscht sich aus, vergleicht sich, lernt miteinander, bildet Netzwerke, ohne die man nicht weiterkäme. Studierende vergleichen Lehrende, kritisieren sie, wägen Positives und Negatives ab. Sie nehmen Maß bei den Lehrenden. Dabei verstehen sie sich selbst neu. Lehrende vergleichen sich auch, beurteilen einander, beurteilen Studierende und überprüfen immer wieder sich selbst und ihre Maßstäbe."

So sieht sie aus, die schöne Welt der Dozierenden. Immer trifft man auf den Topos der Universität als Lebens- und Lernraum, in den alle Beteiligten gleichermaßen kontaktfreudig wie wissbegierig strömen, in dem sie sich auf Augenhöhe begegnen und kollektiv ihren Horizont erweitern, am besten natürlich "lebendig". Für viele Studierende und nicht wenige Dozierende ist die Universität aber oft das Gegenteil: ein Ort der Frustration angesichts heillos überfüllter, schlecht organisierter und nicht selten sterbenslangweiliger Seminare; ein Ort der Demütigung und der Selbstverunsicherung, der Angst davor, sich zu äußern und dumm aufzufallen, geschweige denn die gestressten Dozierenden außerhalb des Seminarraums anzusprechen; ein Ort, an dem krasse Hierarchien herrschen und ein kompetitives Klima der permanenten Prüfung, an dem Bürotüren meist geschlossen und Lehrende Wesen sind, denen man sich nur mit vorauseilender Entschuldigung für die vermeintliche Störung nähert.

Was hinter den romantisierenden Elogen steckt, erschließt sich auf den zweiten Blick. Im Präsenzbetrieb lernen Studierende angeblich "bei Spezialistinnen und Spezialisten, was sie sonst nirgends lernen können". Da ist etwas Wahres dran! Bisher hat auch niemand Sinn, Zweck und Wert des Humboldt'schen Prinzips der Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden grundsätzlich bestritten. Vor allem aber spricht hier die Angst der Expertin vor dem Bedeutungsverlust angesichts einer Welt, in der immer mehr Menschen insbesondere geisteswissenschaftliche Expertise über außeruniversitäre Kanäle, sprich digital einholen und längst nicht mehr nur von verbeamteten Professorinnen und Professoren in schlecht belüfteten Seminarräumen.

Nun also ist der Katzenjammer groß. Der Versuch, so Ministerialbürokratien präventiv davon abzuhalten, mit Verweis auf Corona Mittel für die gute alte Präsenzlehre zu streichen, ist wenig zielführend. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Es lässt sich kaum mehr bestreiten, dass der nicht intendierte Lerneffekt der Corona-Krise einen durchaus positiven Schub in puncto universitärer Digitallehre ausgelöst hat. Und obwohl viele Studierende den vorpandemischen Seminarbetrieb tatsächlich vermissen (vermutlich aber längst nicht nur aus Gründen, die Lehrende sich einbilden), fallen erste Evaluationen erstaunlich positiv aus. Während der Lockdown für viele junge Universitätsbewohner vor allem ökonomische Katastrophen ausgelöst hat, schätzt man die Flexibilität der Onlinelehre, in die man sich jetzt auch aus dem alten Kinderzimmer bei den Eltern einklinken kann. Und es sind nicht nur die im Seminar meist Schweigsamen, die unter Digitalbedingungen aufblühen. Audio- oder Videovorlesungen lassen sich dem eigenen Biorhythmus anpassen und beliebig oft nachhören oder -sehen, wobei Altbekanntes übersprungen und Lücken durch Zusatzaufgaben und weiterführende Materialien selbständig geschlossen werden können.

Statt zu lamentieren, empfiehlt sich also eine andere Strategie. Wer Mittelkürzungen fürchtet, muss in die Offensive gehen. Und das bedeutet in diesem Fall, dass die Präsenzlehre eines fachgerechten, den jeweiligen Fächer- und Lehrkulturen wie den Inhalten angemessenen Ausbaus digitaler Infrastrukturen und Kompetenzen bedarf und daher frischer Geldmittel, die man mit Verweis auf Corona und die praktischen Erfahrungen der letzten Monate nun selbstbewusst einfordern sollte.

Die Zukunft der Lehre liegt im 21. Jahrhundert nicht in der Abschaffung der Präsenzlehre. Die Uni ist kein Modegeschäft, ihre Stärke rührt auch aus ihrer langen Tradition. Doch in abgewandelter Form gilt für sie, was Karl Lagerfeld seiner Branche ins Stammbuch schrieb: Man benötigt eine Basis, muss aber auch mit der Zeit gehen. Und so wäre es jetzt an der Zeit, mit Augenmaß und unverzagt das Beste aus zwei Welten zu kombinieren und mit blended learning Ernst zu machen: die Präsenzlehre für das zu reservieren, was sie ausmacht, den Austausch, das intensive Gespräch (im Idealfall in kleineren Gruppen als bisher); und einen großen Teil der Inhalte dafür effizienter und womöglich auch besser digital zu vermitteln.

Christian Dries, 44, lehrt am Institut für Soziologie der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.

© SZ vom 01.08.2020

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