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Hochschulen in den USA:Forschung und Leere

March 11, 2020, Northridge, California, USA: Students on the campus of California State University Northridge, Wednesday

In den USA zu studieren – im Bild eine Bibliothek der California State University Northridge – ist für junge Menschen auf der ganzen Welt ein Traum. Corona hat ihn für viele zunichte gemacht.

(Foto: Hans Gutknecht/imago images)

Amerikanische Universitäten leben von Studiengebühren. Corona trifft sie deshalb viel härter als deutsche Hochschulen. Die Folgen sind teils dramatisch.

Von Viola Schenz

Die Bilder gleichen sich: zugesperrte Hörsäle, verwaiste Mensen, leere Campus, Studenten, die sich vom Küchentisch in Seminare klicken, Professoren, die am Telefon Sprechstunden abhalten. Im Corona-Zeitalter sieht es an amerikanischen Hochschulen nicht viel anders aus als an deutschen, italienischen, britischen oder australischen. Und doch beeinträchtigt das Virus eine US-Uni sehr viel stärker als etwa eine deutsche.

Da wäre das Sozialleben: In Amerika ähnelt ein Studium einem Internatsaufenthalt. Studenten wohnen auf dem Campus, sie essen dreimal am Tag in der "Cafeteria", sie treffen sich zum Basketball, Schwimmen oder Yoga, haben ihre Kinos und Theater, ihre Kunstworkshops und Debattierclubs. Mit ausufernden Freizeitkatalogen werben US-Colleges um Studenten. Eine deutsche Uni betrachtet sich in erster Linie als Lehr- und Forschungsstätte und überlässt ihre Studenten jenseits der Vorlesungen sich selbst, eine amerikanische Uni bietet ein Rundum-sorglos-Paket. Doch Corona macht die gewohnte Umhegung unmöglich, und so leidet dort neben der Lehre auch das Campus-fixierte Leben.

"Noch nie haben so viele Studenten psychische Probleme erwähnt wie jetzt, bis hin zu Depressionen", sagt Florian Justwan, Associate Professor für Politikwissenschaft an der University of Idaho in Moscow, in einem Skype-Interview. Der Deutsche lehrt seit sechs Jahren dort. Auch einige seiner Kollegen stünden wegen der Corona-Maßnahmen vor dem Burn-out, sagt Justwan. "Die Vorgaben für das Unterrichten sind konfus, sie schwanken dauernd zwischen Online-, Hybrid- und Präsenzunterricht, das setzt uns zu." Seine Uni habe den Anspruch, so viele Live-Veranstaltungen wie möglich zu bieten und gleichzeitig strenge Corona-Vorschriften einzuhalten. Nach Hinweisen zu Covid musste man auf der Webseite der University allerdings noch im November lange suchen.

Justwan erklärt sich das so: Idaho sei ein konservativer Staat mit republikanischer Regierung, einerseits rede man Corona am liebsten klein, andererseits wolle man den Studenten Sicherheit signalisieren. Daher müssen sich alle Studenten täglich testen lassen, jeden Morgen erhalten die Professoren eine Negativ-/Positiv-Liste, entsprechend wird zu Präsenzkursen zugelassen. Die Mensen dürfe man nur durch einen Temperaturscanner betreten, der einem Flughafen-Detektor ähnle.

Mehr als die Hälfte der ausländischen Studenten kam aus Asien

Mehr noch als das Campus-Leben sind an US-Unis die Schatzmeister betroffen. Staatliche wie private Hochschulen finanzieren sich dort über Studiengebühren. Wegen Corona konnten Erstsemester vielerorts ihr Studium nicht antreten, laut Datenerhebungsinstitut National Student Clearinghouse schrumpfte allein ihre Zahl um 16 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Fehlen Studenten, fehlen Gebühren. Das American Council on Education schätzt die Corona-bedingten Kosten für die Hochschulen landesweit auf 120 Milliarden Dollar - weil Studiengebühren, Wohnheimmieten oder Ticketeinnahmen durch Sportveranstaltungen ausbleiben, zugleich aber die Kosten für Beihilfen oder Gesundheitsmaßnahmen wachsen.

Vor allem aber gehen ausländische Studenten ab - und deren Beiträge. Sie nämlich müssen meist die vollen Sätze entrichten, während einheimische Studenten mit Rabatten rechnen dürfen. Die Zahlen sprechen für sich: 2018 waren an den amerikanischen Hochschulen gut eine Million "international students" eingeschrieben. Mehr als die Hälfte von ihnen kam aus China, Taiwan und Indien, im Schnitt zahlten sie knapp 25 000 Dollar Gebühren im Jahr. Dass Amerikas Rektoren also besonders um Ausländer buhlen, liegt weniger an ihrer Weltoffenheit als am Budgetdenken. Allein die Zahl der Chinesen hat sich im vergangenen Jahrzehnt verdreifacht.

Um diese zahlungskräftige wie anspruchsvolle Klientel anzulocken, haben Colleges ihre Ausstattung und Freizeitangebote teuer aufgehübscht - und die Gebühren entsprechend erhöht. Ihr Luxus-Image mit seinen laufenden Kosten könnte den Universitäten nun zum Verhängnis werden, wenn die vermögenden Asiaten wegen Corona ausbleiben. Und: Dieses Jahr halten sich manche chinesische Erstsemester vielleicht auch aus Nationalstolz fern. Die USA und China stecken in einer Beziehungskrise, politisch wie wirtschaftlich, die Rivalität zwischen den selbstherrlichen Präsidenten Donald Trump und Xi Jinping ist eskaliert.

Insofern kam Trumps Drohung in diesem Sommer, Studenten aus dem Ausland müssten die USA verlassen, wenn ihre Universität wegen Corona ausschließlich Online-Kurse anbietet, den Rektoren höchst ungelegen. Nach Protesten von Elite-Hochschulen wie Harvard oder MIT zog die Regierung die geplante Visa-Regelung immerhin zurück, Trumps Fluch wirkt dennoch nach: Tobias Heinrich, Assistant Professor für Politikwissenschaft an der University of South Carolina, berichtet am Telefon, dass an seinem Department eigens ein Präsenz-Doktorandenseminar angesetzt wurde, damit der Aufenthalt der ausländischen Promovenden nicht gefährdet sei. Der Kurs ist die Ausnahme, alle anderen Lehrveranstaltungen der Fakultät finden online statt. "Ich bin seit März nicht mehr auf dem Campus gewesen und unterrichte komplett aus meinem Wohnzimmer", sagt Heinrich. Im Sommer war der 39 Jahre alte Deutsche wochenlang auf Heimatbesuch bei den Eltern - und lehrte von Holzkirchen aus ins ferne Columbia.

Die Wesleyan University in Ohio schaffte 18 Fächer ab

Der Rückgang der Studenten - internationaler wie einheimischer - hat für Colleges dramatische Folgen: Sportprogramme werden gestrichen, Verwaltungspersonal entlassen, die University of Florida will Teile ihres Lehrkörpers beurlauben. Die Hiobsbotschaften treffen vor allem Geistes- und Sozialwissenschaften. Laut New York Times akzeptieren Elite-Unis wie Princeton, Rice oder die University of California in Berkeley keine Doktoranden mehr in Anthropologie, Soziologie und Kunstgeschichte. Die Wesleyan Universität in Ohio schafft gar 18 Fächer ab, verkündete Präsident Rock Jones im Oktober: Komparatistik oder Journalismus werden gestrichen, Religion und Philosophie fusioniert, Schwarzen- und Frauenstudien unter "critical identity studies" subsumiert. Die Maßnahmen sollen der Wesleyan vier Millionen Dollar einsparen.

Schon vor Corona war die finanzielle Lage mancherorts angespannt. "In meinem Department hatten wir vor einem Jahr die größte Budgetkrise seit Dekaden", erzählt Florian Justwan. Gerade die "Humanities" sind bei manchem republikanischen Gouverneur als Orchideen-Fächer und wegen "Systemirrelevanz" verschrien. Auch aus Washington gerieten Unis unter Beschuss. Präsident Trump, der sich gerne Arbeiter-nah und anti-intellektuell gibt, stellt immer wieder den Sinn höherer Bildung infrage. Im Juli warf er Universitäten in einem Tweet vor, nicht Bildung, sondern "linksradikale Indoktrination" zu betreiben; das Finanzministerium solle ihren Status der Steuerbefreiung prüfen.

Tatsächlich gingen in jüngerer Zeit staatliche Zuschüsse zurück, während die Gebühren stiegen. Für normalbegüterte amerikanische Studenten und ihre Eltern ist ein Studium oft nicht mehr finanzierbar, andere verschulden sich heillos. Viele Studenten und Absolventen erhoffen sich von Trumps designiertem Nachfolger Joe Biden einen Teilerlass ihrer Schulden; er hatte das im Wahlkampf angedeutet. Und natürlich wird von Biden erwartet, das Verhältnis zu China zu normalisieren. Den US-Unis dürfte das kurzfristig aber kaum helfen, solange die Pandemie anhält.

In Großbritannien, Kanada oder Australien sieht es ähnlich aus, auch ihre renommierten Universitäten locken eine internationale Studentenschaft an, besonders aus Asien. In Großbritannien waren zuletzt 120 000 Chinesen eingeschrieben - vor der Pandemie wohlgemerkt. Die Unis profitieren enorm von diesem Zulauf. An Australiens Hochschulen bestreiten die Ausländer ein Drittel der Einkünfte. An der McGill Universität in Montreal müssen Ausländer gut 45 600 Kanada-Dollar im Jahr hinlegen, ein Einheimischer dagegen nur 2600.

Der chinesische Botschafter revanchierte sich prompt

Australien schloss im März wegen Corona seine Grenzen. Zugleich forderte die Regierung ausländische Studenten auf, das Land zu verlassen, sollten sie ihren Lebensunterhalt nicht allein bestreiten können. Angesichts von Handelskrieg und politischer Zwietracht zwischen beiden Ländern kam das nicht gut an im Reich der Mitte. Die Revanche des chinesischen Botschafter in Canberra folgte prompt: Sollte Australien China weiterhin kritisieren, könnten chinesische Bürger aufhören, ihre Kinder an teure australische Universitäten zu schicken, drohte er.

Die würden das vermutlich bedauern. Der Reiz eines Studiums besteht im Abenteuer, im Begegnen anderer, womöglich exotischer Sitten, neuer Leute und ihrer Spleens, weit weg von Gewohn- und Gewissheiten, tags im Seminar, abends beim Bier. Corona ruiniert diese Art zu studieren. Die Unis werden dennoch hoffen, dass Erstsemester und "international students" die Pandemie aussitzen - weil diese kaum Alternativen haben: um die Welt reisen geht nicht, der Arbeitsmarkt sieht schlecht aus. Dann vielleicht doch ein Studium, selbst am Laptop von zu Hause aus.

© SZ vom 21.12.2020
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