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Heinz-Peter Meidinger:Biblischer Realismus

Cover "Die 10 Todsünden der Schulpolitik", Heinz-Peter  Meidinger

"Die 10 Todsünden der Schulpolitik. Eine Streitschrift" von Heinz-Peter Meidinger erscheint am 25. Januar 2021 im Claudius Verlag. Das Buch hat 126 Seiten.

(Foto: claudius)

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbands hat ein Buch geschrieben: "Die 10 Todsünden der Schulpolitik". Es ist besser als sein Titel.

Von Paul Munzinger

Die deutschen Schulen, findet Heinz-Peter Meidinger, sind besser als ihr Ruf. Alles schlecht zu reden oder ein "undifferenziertes Katastrophenszenario" zu beschwören, helfe niemandem weiter, schreibt der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. Diesen erfreulich differenzierten Sätzen würde man als Leser sofort zustimmen, stünden sie nicht selbst in einem Buch, das allen Ernstes "Die 10 Todsünden der Bildungspolitik" heißt. Dass Meidinger "als niederbayerischer Katholik" sogar zu einem "kleinen theologischen Exkurs" ansetzt, um die Fruchtbarkeit des Begriffs Todsünde für die Bildungspolitik zu belegen, macht die Sache eher schlimmer. "Don't judge a book by its cover", sagt man auf Englisch, frei übersetzt: Beurteile ein Buch nicht nach dem, was vorne draufsteht, sondern nach dem, was drinsteht. Manchmal fällt das gar nicht leicht.

Meidinger ist, zumal seit Beginn der Coronakrise, so etwas wie Deutschlands unbekanntester Prominenter. Die wenigsten könnten wohl aus dem Stegreif sagen, wie Deutschlands Oberlehrer heißt, aber viele dürften Meidingers Gesicht aus dem Fernsehen kennen oder seine immer etwas heisere Stimme aus dem Radio, wo er seit Monaten die Konzeptlosigkeit der Kultusminister beklagt. Um das "katastrophale Krisenmanagement bei der Bewältigung der Corona-Pandemie an Schulen" (Todsünde Nr. 6) geht es natürlich auch in seinem neuen Buch. Doch vor allem geht es Meidinger um die ungelösten Probleme, die der aktuelle Ausnahmezustand vorübergehend in den Hintergrund gedrängt habe.

"Eine Streitschrift" soll das Buch sein, und das ist nicht zuviel versprochen. Als Präsident des Lehrerverbands spricht Meidinger seit 2017 theoretisch für alle Lehrerinnen und Lehrer und damit auch für alle Schulen. Bei seinen Auftritten gerade seit Beginn der Coronakrise merkt man das auch. Doch als Autor hat Meidinger sich für die scharf angespitzte Perspektive des niederbayerischen Gymnasialdirektors entschieden, der er bis zu seiner Pensionierung im Sommer ja auch war.

Allein die Auswahl der "Todsünden": Meidinger beklagt eine Inflation guter Noten, eine Abkehr vom Leistungsprinzip, einen fatalen Trend zur Akademisierung auf Kosten der beruflichen Bildung, eine "Schulpolitik, die von Ideologien bestimmt wird", eine Bildungspolitik "die als Experimentierfeld unausgereifter Reformen" herhalten muss. Eine Gesamtschullehrerin aus Nordrhein-Westfalen wird sich da eher nicht wiederfinden - auch deshalb, weil Meidinger der Meinung ist, dass "kaum ein Schulmodell so umfassend und klar gescheitert" ist wie die Gesamt- oder Gemeinschaftsschule.

Bemerkenswert ist aber vor allem, dass die Fragen, die im Alltag dieser Gesamtschullehrerin wohl die größte Rolle spielen, in Meidingers Mängelliste praktisch nicht vorkommen: Wie gelingt es, der Vielfalt im Klassenzimmer gerecht zu werden? Wie spricht man Kinder an, die zu Hause kein Deutsch lernen? Wie kann die Schule Chancen schaffen, die ohne sie nicht da wären? Meidinger hat ja recht, als "Reparaturbetrieb der Gesellschaft" ist die Schule überfordert. Aber diese Themen links liegen zu lassen, lässt seinen oft wohltuend kühlen Realismus sehr kalt erscheinen.

Umso intensiver arbeitet er sich an längst abgeflauten Debatten ab - das achtjährige Gymnasium, das dreigliedrige Schulsystem, Pisa, die Bologna-Reform. Sein Buch wirkt dadurch zuweilen arg rückwärtsgewandt, zumal Meidinger selbst einräumt: "Die Hoch-Zeit ideologiegeprägter Auseinandersetzungen um die Schulstruktur ist vorbei." Auch bei der umstrittenen Methode "Schreiben nach Gehör" oder dem Fremdsprachunterricht in der Grundschule sind die von Meidinger so geschmähten Reformer längst in die Defensive geraten. Doch das ist eben seine Philosophie: aus der Vergangenheit zu lernen, dass es den Schulen umso besser geht, je weniger an ihnen herumgedoktert wird.

Lesenswert ist Meidingers Buch vor allem wegen der Passagen, in denen er kundig die oft ungünstigen Bedingungen analysiert, unter denen Schulpolitik entsteht. Es beginnt bei dem geringen Stellenwert, den die Parteien dem Thema beimessen, und hört beim "Dauerversagen des Bildungsföderalismus" noch längst nicht auf. "Erfolgreiche Schulpolitik braucht einen langen Atem und gute langfristige Konzepte", schreibt Meidinger. "Damit passt sie in keiner Weise zu einem Regierungshandeln und in ein parlamentarisches Umfeld, deren politischer Zeit- und Planungshorizont in der Regel auf vier Jahre begrenzt ist."

Das Ergebnis dieses Missverhältnisses zeigt besonders der Lehrermangel und der daraus resultierende Unterrichtsausfall, Meidingers "Todsünde Nr. 8". Der Lehrermangel, vor allem an den Grundschulen, stelle derzeit "die größte Bedrohung für die Bildungsqualität in Deutschland dar", schreibt er. Und siehe da: Man muss gar nicht biblisch werden, um ein Problem eindringlich zu beschreiben. Es geht auch ganz nüchtern.

© SZ vom 25.01.2021
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