Süddeutsche Zeitung

Ausbildung:Warum traditionelle Handwerksberufe vom Aussterben bedroht sind

Das liegt daran, dass es nur wenige Ausbildungsmöglichkeiten gibt - aber auch daran, dass viele junge Leute sie nicht kennen.

Von Verena Wolff

Kaufleute für das Büromanagement und für den Einzelhandel, Verkäufer, Mechatroniker - sie führen die Liste der beliebtesten Ausbildungsberufe in Deutschland an. Nach Angaben des Bundesinstituts für Berufsbildung, das diese Zahlen alljährlich erhebt, wurden allein im Jahr 2017 knapp 30 000 Verträge für Bürokaufleute abgeschlossen, bei den Mechatronikern waren es circa 22 000. Doch wie sieht es am anderen Ende der Liste aus? Da gibt es tatsächlich einige, für die sich überhaupt keine Azubis gefunden haben: ein Bogenmacher zum Beispiel oder ein Handzuginstrumentenmacher, aber auch der Glasmacher. Das mag daran liegen, dass viele junge Leute gar nicht wissen, was das für Berufe sind - oder daran, dass es extrem schwierig ist, dafür einen Ausbildungsplatz zu finden. Überhaupt: Viel klassisches Handwerk befindet sich ganz am Ende dieser Liste - Handwerk allerdings, das teils auf der ganzen Welt gesucht wird. Kürschner stehen da und Spielzeugmacher, Edelsteinfasser, Geigenbauer und Zupfinstrumentenmacher.

Zupfinstrumentenmacher: Gert Esmyol spielt leidenschaftlich gern Gitarre - noch lieber baut er die Zupfinstrumente. Seit mehr als 30 Jahren schon ist er in München selbständig, zudem unterrichtet er an der Staatlichen Musikinstrumentenbauschule in Mittenwald. Der Nachwuchs ist zwar da, Bewerbungen gibt es an der Schule viele, sagt er, doch in den oft sehr kleinen Betrieben wird kaum noch im dualen System ausgebildet. In Mittenwald werden der Zupfinstrumentenbau, also Gitarre, Harfe, Zither und Co. sowie der Geigenbau gelehrt. "Es ist eine sehr schöne Arbeit, man kann sehr viel selbst gestalten und man macht nicht nur kleine Teilchen für ein großes Ganzes", sagt Esmyol. 100 Stunden darf ein Azubi offiziell an seinem Gesellenstück arbeiten. Doch 100 Stunden reichen oft nicht mal einem erfahrenen Meister zur Herstellung einer Gitarre. "Da steckt einfach sehr viel Arbeit drinnen", sagt er. Circa 6000 Euro kostet ein solches, von einem Zupfinstrumentenmacher gefertigtes Einzelstück.

Was erwartet man von den Azubis? "Sie müssen keine Virtuosen auf den Instrumenten sein, aber es ist empfehlenswert, wenn sie ein Instrument spielen können." Um einen Ausbildungsplatz zu bekommen, muss man eine Aufnahmeprüfung in Mittenwald ablegen, in der es um technisches und künstlerisches Zeichnen und um die handwerklichen Fähigkeiten geht.

Edelsteinfasser: Geduld und handwerkliches Geschick: Das sind die beiden Kernkompetenzen, die ein Edelsteinfasser mitbringen muss. Denn seine Werkstücke sind in der Regel recht klein; Ringe und Ketten aus Gold, Platin oder anderen Edelmetallen gehören dazu. Für Juweliere, die schmuckherstellende Industrie oder Gold- und Silberschmiedewerkstätten arbeiten die Fasser dann Diamanten oder Farbsteine in die Stücke ein. "Man kann kreativ arbeiten", sagt Wilhelm Kling, der in Pforzheim seine Fasserwerkstatt führt, die er bereits vom Vater übernommen hat. "Aber wir sind eine aussterbende Art", sagt der 66-Jährige, der in der Branche als Brilli-Willi bekannt ist. "Dabei sind die Verdienstmöglichkeiten gut, Jobs sind im In- und Ausland zu finden." Auch in die Selbständigkeit können die Gesellen recht schnell gehen, denn für den Fasser gibt es keinen Meisterzwang mehr.

Feinpolierer: Ebenfalls in der Schmuckbranche ist der Feinpolierer angesiedelt. "Das Polieren hat früher der Goldschmied gemacht", sagt Ralf Clausing, Produktionsleiter bei Moser + Pfeil, einem Schmuckhersteller in Eisingen (Baden-Württemberg). Heute lernen die Auszubildenden wiederum Tätigkeiten aus dem Goldschmiedeberuf kennen. Denn Polierer geben einem Schmuckstück seinen Hochglanz, dazu nutzen sie verschiedene Schleif- und Poliersteine. "Der Job ist nicht ohne", betont Clausing. Man arbeite mit qualitativ sehr hochwertiger Ware und müsse detailverliebt sein. "Da wird mit der Lupe drübergeschaut, ob auch wirklich alles an den richtigen Stellen glänzt", sagt er.

Doch nicht nur in der Schmuckherstellung sind Polierer gesucht, sondern auch bei Herstellern von Hotelbedarf, bei Brillenunternehmen, im Dentalbereich oder bei Uhrmachern. "Wir leiden sehr unter dem Fachkräftemangel", sagt Clausing. Denn auf dem Markt sind kaum gut ausgebildete Frauen und Männer zu finden.

Kürschner: Pelz - das muss ein schwieriger Werkstoff sein in Zeiten von militanten Tierschützern und allerlei Bewegungen zum vermeintlichen Tierwohl. Doch es gibt kaum Nachhaltigeres als Pelze, "denn sie halten viele Jahrzehnte, während die Funktionsjacken als Sondermüll auf den Halden landen", sagt Kürschnermeister Matthias Geignetter. Viele Menschen hätten geerbte Pelze von der Mutter oder Großmutter im Schrank, die zwar schon alt sind, aber nichts von ihrer Funktion verloren haben. "Die arbeitet man um, näht sie zum Futter in eine andere Jacke oder fertigt Wohnaccessoires daraus." Felle aus dubiosen Quellen - davon hält der Kürschner nichts. "Doch Fakt ist auch: Viele Tiere müssen wegen einer Überpopulation bejagt werden, dazu gehören der Bisam oder der Rotfuchs." Auch Lammfelle werden häufig verarbeitet.

Geignetter ist Vorsitzender des Berufsbildungsausschusses der Kürschner und hat ein Geschäft im fränkischen Fürth. Dort gibt es heute noch die einzige Berufsschule in ganz Deutschland, in der die jungen Fachleute ausgebildet werden. Ein Azubi muss modisches Gespür und Kreativität mitbringen, wie Geignetter sagt. "Und er muss eine Vorstellung haben, wie ein Kleidungsstück aussehen kann, welche Methoden und Arbeitstechniken man brauchen kann."

Holzspielzeugmacher: Räuchermännchen, Schwibbögen, Nussknacker, Weihnachtspyramiden: Die Volkskunst aus dem Erzgebirge hat Fans auf der ganzen Welt. Aber auch in dieser Branche hat man Nachwuchssorgen, wie Dieter Uhlmann sagt. Er ist Geschäftsführer des Verbandes Erzgebirgischer Kunsthandwerker und Spielzeughersteller. "Uns fehlt eine ganze Generation von jungen Leuten, deren Eltern nach der Wende aus dem Erzgebirge in den Westen gegangen sind." Spielzeugmacher sind Handwerker, die die Kunstwerke drechseln, schnitzen und bemalen.

Die meisten Betriebe sind im Erzgebirge und in anderen Teilen Sachsens, die spezielle Schule für dieses Kunsthandwerk ist in Seiffen im sächsischen Erzgebirgskreis. Die Auszubildenden eignen sich dort viele Fähigkeiten an, die auch ein Schreiner erlernt, dazu werden CAD-Zeichnungen erstellt oder CNC-Maschinen programmiert. Aber es ist ein sehr spezieller Beruf, das gibt Uhlmann gern zu. "Im Grunde wird der Nachwuchs für die gut 200 Betriebe ausgebildet, die die Volkskunst herstellen und verkaufen."

Holzbildhauer: Das sei ein Exotenberuf, sagt Michael Kühnert über Holzbildhauer. Er ist Assistent in der Schulleitung an der Staatlichen Berufsfachschule für Holzbildhauer in Bischofsheim in der Rhön. Allerdings weniger ein handwerklicher als vielmehr ein künstlerischer. Die meisten Schüler kämen mit Abitur an die Schule, die im bayerischen Teil der Rhön liegt. Und dann ist es wie bei manchem Studiengang: Man hat viele Fertigkeiten gelernt, ist aber nicht speziell auf einen Beruf vorbereitet. "Niemand stellt ja einen Holzbildhauer ein."

Also gehen manche direkt in die Selbständigkeit, andere wiederum entscheiden sich für den Besuch einer Kunsthochschule, in der sie ihre Fähigkeiten und ihr Netzwerk weiter ausbauen. Ohne Aufnahmeprüfung wird fast niemand in Bischofsheim genommen, man bleibt ein kleiner Kreis in der staatlichen Schule, für die keine Gebühren zu entrichten sind. Eine Handvoll weiterer Schulen gibt es in Deutschland, die meisten in Oberbayern, eine in Thüringen und eine in Flensburg. "Eine Altersbegrenzung für die Ausbildung haben wir nicht", sagt er. Der älteste "Azubi" war schon weit jenseits der 50.

Glasmacher: Das Glas hat eine lange Tradition im Bayerischen Wald, Hunderte Jahre schon ist die Glasbläserei und -herstellung mit den Orten im Südosten der Republik verschmolzen. "Wir wollen, dass das Handwerk in der Region nicht nur eine Vergangenheit hat, sondern auch eine Zukunft", sagt Hans Wudy, Leiter der Glasfachschule in Zwiesel. Hier werden junge Leute ausgebildet, die sich auf Glas spezialisiert haben. Doch nicht alle stellen kunstvolle Gebilde mit der Glasmacherpfeife her, viele sind auf die industrielle Produktion oder die optischen Berufe ausgerichtet.

"Nur noch sehr wenige Manufakturen bilden Glashandwerker aus", sagt Wudy. Darum werde der größte Teil des Nachwuchses an der Schule für den Beruf fit gemacht. Er komme teils aus Tschechien und aus der Slowakei. Im Gegensatz zur industriellen Produktion ist die Fertigung per Hand vielfach nicht mehr konkurrenzfähig. Zudem, sagt Wudy, sei den Kunden die Wertschätzung für das Besondere abhanden gekommen. Dass dieses Nischenprodukt erhalten bleibt, dafür wollen die wenigen Auszubildenden sorgen, die in Zwiesel zur Schule gehen. "Sie sind Handwerker und Gestalter gleichermaßen."

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Quelle:
SZ vom 19.10.2018
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