Handschrift in der Grundschule:Sinnvolle "Mühen der Handschrift"

Ob sich ein Bundesland nun für die eine oder andere Variante entscheidet, eines ist landesweit eindeutig: Deutsche Bildungsexperten sehen die finnischen Pläne kritisch. "Die Einübung von Handschrift in der Grundschule darf nicht zur Disposition gestellt werden", warnt Udo Beckmann, Bundesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE). "Ich halte gar nichts davon, das Schreiben per Hand durch das Tippen auf der Tastatur zu ersetzen." Es dürfe den Kindern in der Schule auf "keinen Fall eine Beschränkung ihrer motorischen Fähigkeiten zugemutet werden". Es sei nicht zuletzt durch die Erkenntnisse der Hirnforschung erwiesen, dass eigene handschriftliche Darlegungen das Lernen der Kinder beförderten.

Recht geben Beckmann die Ergebnisse mehrerer Studien, die die US-Forscher Pam Mueller (Princeton University) und Daniel Oppenheimer (University of California) durchgeführt haben. Für ihre 2014 veröffentlichte Arbeit mit dem bezeichnenden Titel "The pen is mightier than the keyboard" ("Der Stift ist mächtiger als die Tastatur") haben sie unter verschiedenen Bedingungen die Lernleistungen von Studierenden untersucht. Ergebnis: Hatten sich die Probanden zum Inhalt verschiedener Lernvideos handschriftliche Notizen gemacht, konnten sie das Gezeigte später deutlich besser wiedergeben als wenn sie ihre Aufzeichnungen mittels Laptop angefertigt hatte. Die langsamere Schreibgeschwindigkeit könnte die Lernenden dazu gezwungen haben, sich auf die wesentlichen Inhalte und Verknüpfungen zu konzentrieren und diese schon beim Notieren besser zu verinnerlichen.

Deutscher Lehrerverband fordert mehr Ressourcen

Insofern scheint es durchaus sinnvoll, dass sich Schüler auch im Zeitalter der fortschreitenden Digitalisierung den "Mühen der Handschrift" (Beckmann) unterziehen. Dass die Handschrift aber im Alltag zurückgedrängt wird und die Schulen hier vor Problemen stehen, dessen sind sich auch Deutschlands Lehrende bewusst. Der Deutsche Lehrerverband (DL) führt derzeit eine Umfrage unter Pädagogen durch.

"Wir möchten auf die Probleme mit der Handschrift öffentlich aufmerksam machen", sagt DL-Präsident Josef Kraus. Nach einer Bestandsaufnahme wolle man der Politik geeignete Maßnahmen vorschlagen. "Ohne den Ergebnissen vorgreifen zu wollen, so ist doch deutlich: Wir benötigen mehr Ressourcen für die Förderung der Grob- und Feinmotorik schon in den Kindertagesstätten und dann auch in den Grundschulen. Darauf wollen wir hinwirken", so Kraus weiter.

Allzu finnische Zustände wird es hierzulande wohl zeitnah nicht geben. Pisa-Studie hin oder her.

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