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Hamburg:Wegweiser in die Zukunft

Was tun nach der Schule? „Studien- und Berufsorientierung“ ist seit diesem Jahr neues Pflichtfach an Hamburger Schulen.

(Foto: mauritius images)

Praktika, Beratungen, Kontaktbörsen: Studien- und Berufsorientierung ist seit diesem Jahr Pflicht für Schüler in der Hansestadt. Über die Frage, wie ein Fach entsteht - und wie viel Wandel im Stundenplan den Schulen gut tut.

Andreas Franke-Thiele ist ein Schulfach-Erfinder. Zumindest hat er einen großen Anteil daran, dass es seit diesem Jahr an Hamburger Schulen ein neues Fach gibt. An der Ida-Ehre-Stadtteilschule von Eimsbüttel ist der Sport- und Biologie-Lehrer seit 20 Jahren damit beschäftigt, Schülerinnen und Schülern Wege zur richtigen Berufswahl zu zeigen. Ein System aus Praktika, Beratungen und Kontaktbörsen hat er entwickelt, damit sie sich ein Bild machen können von ihren Möglichkeiten. Das hat die Schulbehörde derart beeindruckt, dass sie Franke-Thiele maßgeblich mitarbeiten ließ an den Vorbereitungen zur neuesten Pflicht an Stadtteilschulen und Gymnasien der Hansestadt. Seit diesem Schuljahr gibt es Noten in "Studien- und Berufsorientierung", 34 Stunden in der zwölften Klasse sind dafür vorgesehen. Franke-Thiele findet: "Das ist ein Schritt in die richtige Richtung."

Ist es gut, die Schule zu einer Art Kompetenz-Supermarkt auszubauen?

Die Welt wird immer komplizierter. Mehr Reize, mehr Möglichkeiten, mehr Stress. Manche Experten und manche Eltern glauben deshalb, die Jugend von heute komme nicht mehr aus mit den Lektionen aus den klassischen Fächern. "Medien", "Programmieren", "Unternehmergeist", "Modedesign", "Ernährung", "Chinesisch" - das sind alles Schulfächer, die es irgendwo gibt oder die immer wieder gefordert werden. Zuletzt war viel die Rede von dem Fach "Glück", das 2007 eine Heidelberger Schule einführte und das seither einzelne Schulen anbieten. Viele der exotischen Fächer finden im Wahlpflicht-Unterricht statt oder in freiwilligen Arbeitsgruppen. Andere gehen in den festen Stundenplan ein, seit 2011 wird in Hamburg zum Beispiel neben Kunst und Musik auch Theater gelehrt. Und jetzt ist in der Hansestadt also die Berufsorientierung in den Rang eines Pflichtfaches gerückt. Man fragt sich: Wie entsteht eigentlich ein Schulfach?

"Es gibt die Tendenz, Dinge, die eigentlich in der Hand der Eltern liegen, der Schule zu überlassen", sagt Gudrun Wolters-Vogeler, Vorsitzende des Allgemeinen Schulleitungsverbandes Deutschland (ASD) aus Hamburg. Sie ist davon nur mäßig begeistert. Die Zeit an den Schulen ist begrenzt, ein neues Fach geht meistens auf Kosten von Bewährtem. Lehrer brauchen Fortbildungen. Und außerdem: Ist es gut, die Schule zu einer Art Kompetenz-Supermarkt auszubauen, in dem alles gelehrt wird, was Sinn ergeben könnte?

"Eltern haben bei mir mal Lebensweltorientierung als Fach gefordert", sagt Andreas Franke-Thiele. Er sollte den Jugendlichen beibringen, wie man sich für Krankenversicherungen anmeldet oder ähnliche Notwendigkeiten vollzieht. Das ging ihm zu weit. Dass die Schule als Wegweiser in die berufliche Zukunft dient, findet er dagegen angemessen. "Allein an deutschen Hochschulen gibt es 17 000 Studiengänge." Der moderne Arbeitsmarkt ist so vielfältig, dass es schwer ist, den Überblick zu bewahren. Erst recht für Jugendliche im achtstufigen Gymnasium, die jünger als frühere Schülergenerationen in Studium oder Ausbildung einsteigen können. Die Berufsberatung der Agentur für Arbeit nehmen laut Schulbehörde nur ein Viertel aller Schülerinnen und Schüler wahr.

Deshalb wollte Schulsenator Ties Rabe (SPD) mehr Nachhaltigkeit in der Vorbereitung auf das Leben nach dem Abschluss. Bis zu diesem Schuljahr gab es für die Oberstufe keine verbindlichen Vorgaben dazu. Manche Schulen nahmen die Aufgabe sehr ernst, andere kümmerten sich wenig. Diese Ungleichheiten sollten aufhören. "Wir haben etwas konkretisiert und vereinheitlicht, was es in unterschiedlichen Formen an Hamburger Schulen schon gab", sagt Peter Albrecht, Sprecher der Schulbehörde. Berufsagentur und die Stiftung der Deutschen Wirtschaft arbeiteten mit an dem 360 Seiten starken Leitfaden für das neue Fach. Aber die wichtigsten Inspirationen kamen von der Ida-Ehre-Schule, an welcher der promovierte Pädagoge Franke-Thiele einen Teil seines Stundendeputats in die Berufsorientierung fließen lässt. "Dort haben wir angedockt", sagt Albrecht.

Das ehrt Andreas Franke-Thiele, er spricht von einem "Ritterschlag". Die Leitlinien stammen aus seiner Praxis als Netzwerker und Zukunftswegweiser: Frontalunterricht durch den Klassenlehrer ist dabei eher ein nachrangiger Aspekt. Vor allem sollen die Schülerinnen und Schüler aus ihrem persönlichen Interesse heraus Erfahrungen sammeln bei Exkursionen zu Hochschulen oder bei Workshops an der Schule mit Kooperationspartnern aus dem Arbeitsmarkt. Ihre Benotung bekommen sie nicht für Klausuren, in denen Wissen abgefragt wird, sondern für Teilnahme und ihre Gedanken dazu: Sie erstellen Portfolios, in denen sie ihre Wege durch die Informationsveranstaltungen dokumentieren sowie ihre Erfahrungen schriftlich reflektieren.

Der Schulfach-Erfinder ist stolz, aber ganz zufrieden mit dem Ergebnis ist er nicht

Sein komplettes Konzept sieht Franke-Thiele allerdings nicht gespiegelt in den neuen Vorgaben des Senats. An der Ida-Ehre-Schule beginnt die Berufsorientierung der Oberstufe in der elften Klasse und setzt sich in der 13. fort für die Schülerinnen und Schüler, die ihr Abitur nach neun Jahren machen wollen. Die Schulbehörde sieht das Fach nur in der zwölften Klasse vor, die 34 Stunden gehen auf in der Seminarzeit des jeweiligen Oberstufenprofils. "Das reicht nicht", findet Franke-Thiele. Außerdem seien die Schulen so frei in der Umsetzung des neuen Faches, dass sie die Jugendlichen auch vereinzelt zu außerschulischen Anbietern in sogenannte Zielorientierungsseminare schicken können. "Das ist dann wie eine lustige Klassenfahrt an die Ostsee, sie kommen zurück, und nichts ist passiert im Kopf", sagt Franke-Thiele.

Die meisten Lehrer finden das neue Fach in Ordnung. Das ist auch die Wahrnehmung von ASD-Chefin Wolters-Vogeler: "Weil die Schulen relativ große Freiheit bei der Umsetzung haben und weil das Ziel nicht angezweifelt wird." Und auch Andreas Franke-Tiele ist letztlich froh über die jüngste Entwicklung. "Aus dem Knarren im Gebälk wird eine Struktur werden." Ständig bekommt er Anrufe von Kollegen, die wissen wollen, wie man Berufsorientierung am besten gestaltet. Das neue Fach hat Bewegung gebracht in den Schulalltag.