Schule Wie Grundschüler besser lesen lernen

"Da ist jemand, der sich nur um mich kümmert" - allein schon dieses Gefühl wirkt motivierend auf das Kind.

(Foto: picture alliance / dpa)

Viele Grundschüler haben Schwierigkeiten, Texte flüssig zu lesen und sie zu verstehen. Mentoren helfen ihnen auf spielerische Art.

Von Joachim Göres

Sofie liest. Eine Geschichte aus "Paula das Walross". Oder ein kleines Kapitel über Ballons und warum sie fliegen. Mit dem Zeigefinger geht die Grundschülerin, die eigentlich anders heißt, die Buchstaben entlang, damit sie weiß, bei welchem Wort sie gerade ist. Sofie liest langsam und sehr konzentriert. Neben ihr sitzt Barbara Bodmann, stellt ihr manchmal Fragen zu den Texten und lobt Sofie häufig. Manchmal wechseln die beiden sich beim Lesen ab, manchmal beginnen sie zusammen, und Bodmann wird immer leiser, während Sofie weiterliest. Ab und zu korrigiert die ehemalige Berufsschullehrerin die Betonung oder Aussprache. Sie ist Lesementorin und übt mit Sofie einmal die Woche eine Stunde lang, in einem kleinen Raum in einer Grundschule im niedersächsischen Celle.

Am liebsten liest Sofie die Kinderzeitung, die ihre Mentorin immer mitbringt. In einer Ausgabe geht es um "Die Marienkäfer sind unterwegs". Sofie fragt ihre Betreuerin: "Können wir die Scherzfrage machen?" Das Mädchen liest vor: "Was fliegt schneller: Marienkäfer oder Schnellzug?" Auf die Antwort "Ein Schnellzug" entgegnet sie mit gespielter Entrüstung: "Nein, ein Schnellzug kann nicht fliegen!" Bodmann freut sich, dass Sofie bei der Frage mit der Stimme nach oben gegangen ist und sie richtig betont hat. Das Kind wiederum freut sich, dass seine Mentorin mit ihm beim Lesen gerne Späße macht. Dazu gehört, dass die ehemalige Grundschullehrerin eine Stoffeule in die Hand nimmt und mit veränderter Stimme auf einmal ganz schlecht liest, während das Mädchen die Lehrerinnenrolle übernimmt und die Fehler korrigiert. Gerne begibt es sich in den Texten auf die Spur einzelner Buchstaben, um mit ihnen das Lösungswort für kleine Kreuzworträtsel herauszubekommen.

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Ein Erwachsener kümmert sich eine Schulstunde um ein Kind - das ist das Prinzip der Lesementoren. Sie arbeiten ehrenamtlich. Die Kinder für diese Einzelbetreuung werden von der Schule ausgewählt, sie haben Probleme mit dem Lesen und Verstehen von Texten. Manche können b und d nicht auseinanderhalten, andere verwechseln leicht ei und ie. Viele müssen sich sehr auf einzelne Buchstaben konzentrieren und können so nicht flüssig lesen und den Sinn verstehen.

Kinder von Flüchtlingen haben zudem nicht selten Schwierigkeiten, bestimmte Laute richtig zu formen. Aber nicht nur Migrantenkinder stolpern beim Lesen über Wörter, die sie noch nie gehört haben - was ist eine Primel, was ein verdutzter Vater? Dann versuchen Mentor und Schützling, gemeinsam in einem Wörterbuch herauszubekommen, was sich hinter diesem Begriff wohl verbergen könnte. Der Unterrichtsstoff wird nicht wiederholt, Schulbücher bleiben außen vor. Oberstes Ziel: Das Lesen soll Spaß machen.

"Wichtig ist die Abwechslung. Man sollte sich nach den Hobbys richten. Ein Junge, den ich betreue, liest gern Krimis. Wenn er den Täter rauskriegt, ist er stolz wie Oskar", sagt Bodmann, die immer eine mit unterschiedlichen Büchern gefüllte Tasche dabei hat. Sie fügt hinzu: "Man darf die Kinder nicht überfordern. Lässt die Konzentration nach, erzählen wir einfach, basteln oder spielen miteinander."