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Fremdsprachen in der Grundschule:See you later

Schule

Je früher, desto besser, das war lange die Devise, wenn es um Englisch- oder Französischstunden ging.

(Foto: Frank Molter/dpa)

Englisch in der Grundschule - das galt mal als fortschrittlich. Heute sagen viele: Die Kinder sollen erst richtig Deutsch lernen. Doch schließt das eine das andere aus?

Der CDU-Politiker Alexander Lorz ist Kultusminister in Hessen und seit Januar Präsident der Kultusministerkonferenz (KMK). Wie seine Vorgänger hat auch Lorz sich ein Thema ausgesucht, dem seine Präsidentschaft in besonderer Weise verpflichtet sein soll. In seinem Fall, so verkündete es die KMK Anfang Dezember per Pressemitteilung, ist dies "die Stärkung der Bildungssprache der Deutsch". So ein Lapsus ist immer peinlich, aber dieser hat vermutlich besonders geschmerzt.

So verstolpert der Start war, so klar wird mittlerweile, was Lorz meint, wenn er von der Stärkung der Bildungssprache Deutsch spricht. In einem Interview mit der Welt sagte der 53-jährige Jurist kürzlich, dass es nie zuvor eine "solche Vielfalt an Erfahrung und an Bildungshintergründen, an sprachlichen Fertigkeiten" gegeben habe. Die größte Herausforderung seien dabei nicht mehr Flüchtlinge, sondern Kinder aus EU-Ländern, die häufig ohne Sprachkenntnisse nach Deutschland kämen. Der Fokus der Grundschulen müsse daher "ganz klar" auf dem Deutschen liegen. Fremdsprachenvermittlung dagegen sei keine primäre Aufgabe der Grundschulen. "Ich glaube", sagte Lorz, "wir haben hier mehr erwartet, als einlösbar war." Hessen habe deshalb beschlossen, die Stundentafel in Deutsch wieder auszuweiten.

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Immer mehr Grundschulen, das ist das Ergebnis vieler Tests der letzten Jahre, scheitern daran, ihren Schülern die Grundlagen zu vermitteln, das Abc, das Einmaleins. Einige Bundesländer versuchen gegenzusteuern, indem sie sich auf das Wesentliche besinnen: Rechnen, Schreiben, Lesen. Vor allem die in den 1980ern entwickelte Methode "Lesen durch Schreiben", die das klassische Buchstabenpauken ablösen soll, bekommt seit Jahren den geballten Unmut einer verunsicherten Bildungsnation zu spüren; mehrere Bundesländer haben sie verboten.

Auch der Fremdsprachenunterricht in der Grundschule, der seit der Jahrtausendwende in allen Ländern eingeführt wurde, ist in die Kritik geraten: Häufig nur halbherzig umgesetzt, bringe er kaum etwas, gehe aber im schlimmsten Fall auf Kosten des Deutschen. Baden-Württemberg, von den Ergebnissen der letzten Schulvergleichstests besonders gebeutelt, verlegte den Beginn der Englisch- und Französischstunden wieder nach hinten, von der ersten in die dritte Klasse. Den gleichen Schritt plant Berichten zufolge Nordrhein-Westfalen.

Doch so logisch die Rechnung klingt - mehr Englisch = weniger Deutsch -, so umstritten ist das Thema unter Experten. Heiner Böttger, Professor für Englischdidaktik an der KU Eichstätt, kann sich angesichts der Aussagen des KMK-Präsidenten nur mühsam beherrschen. Den Fremdsprachenunterricht zurückzufahren, sei "die völlig falsche Reaktion", sagt er, es sei "schon erstaunlich, wie manche Politiker immer wieder hinter die Erkenntnisse der Wissenschaft zurückfallen".

Für das Gehirn "wie Muskeltraining"

Böttger betreut in Bayern einen Modellversuch, in dessen Rahmen 21 Grundschulen seit 2015/16 zweisprachig unterrichten, Deutsch und Englisch, von der ersten Klasse an. Englisch sollen die Schüler "implizit" erlernen, beiläufig also. Erste Ergebnisse will Böttger im April vorstellen, doch gebe es schon eine klare Tendenz: In Mathe erzielten die bilingual unterrichteten Kinder eindeutig bessere Ergebnisse, in Deutsch mindestens gleich gute. Eine zusätzliche Fremdsprache sei für das Gehirn "wie Muskeltraining", sagt Böttger - auch bei bloß zwei Stunden pro Woche. Deutsch und Englisch stünden einander nicht in einem Nullsummenspiel gegenüber. Es handle sich um eine "Win-win-Situation".

Auch Jeanette Hoffmann, die an der TU Dresden Grundschuldidaktik Deutsch lehrt, sieht Fremdsprachen nicht als Konkurrenz zum Deutschunterricht, sondern als Ergänzung. Früh eine andere Sprache kennenzulernen, ermögliche nicht nur das "Eintauchen in eine sprachlich-kulturelle Vielfalt", sagt Hoffmann, es schärfe das Bewusstsein für Sprache im Allgemeinen - auch für die eigene. Zudem biete das Englische für Kinder, die zu Hause eine andere Sprache als Deutsch sprechen, einen Vorteil, der sich erst auf den zweiten Blick erschließt: Im Englischen fangen alle neu an. Kinder, die im Deutschen häufig mit Herausforderungen konfrontiert sind, könnten hier Erfolgserlebnisse sammeln, die sich positiv auch auf andere Fächer auswirken. Zum Beispiel den Deutschunterricht.

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