Grundschrift versus Schreibschrift:Lasst die Schnörkel leben!

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Wie sollen Kinder schreiben lernen? Die Schreibschrift überfordert Schüler, sagen die Befürworter der neuen Grundschrift. Sie wollen vermeintlich unnütze Buchstabenverbindungen und Schnörkel streichen - und verkennen damit die Effektivität der Schreibschrift und die Kompetenz von Kindern.

Lothar Müller

Die Alphabetisierung war einmal eine epochale Aufgabe. An sie hefteten sich die lichten Zukunftshoffnungen ebenso wie die düsteren Warnungen. Öffneten die Fibeln die Türen für den Ausgang der Menschen aus Abhängigkeit und Unmündigkeit? Oder waren sie das Einfallstor für den uniformierenden Zugriff des Staates und seiner Bürokratien auf die Innenwelten der Individuen?

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Schreibschrift (oben) oder Grundschrift: Welche Schrift kann man Kindern heutzutage noch zumuten?

(Foto: SZ-Graphik)

Anthologien des Schreckens ließen sich aus den Leidensberichten zusammenstellen, die vom Drill der Schreibhände durch die "Schwarze Pädagogik" (Katharina Rutschky) erzählen; Anthologien der Selbstverzauberung aus den Berichten Erwachsener, die sich erinnern, wie sie beim ersten Lesen den Geheimnissen der Buchstaben auf die Spur kamen und durch das Abc in die Schriftmagie eingeweiht wurden.

Verglichen mit den Leidenschaften, die vor einigen Jahren der Streit um die Rechtschreibreform in der allgemeinen Öffentlichkeit auslöste, ist es kaum mehr als ein hier und da aufkommendes Grummeln: der Streit um die neue "Grundschrift", die in Deutschland eingeführt werden soll, wenn es nach dem "Grundschulverband e. V." geht, der sie energisch als Befreiung der Abc-Schützen von der überflüssigen Pein des doppelten Schreibenlernens propagiert.

Bisher lernten die Kinder in den Grundschulen in der Regel zwei Arten des Schreibens mit der Hand, die "Druckschrift" und die "Schreibschrift". Das hat damit zu tun, dass die Alphabetisierung zwei zu erlernende Kulturtechniken umfasst: Lesen und Schreiben. Die Druckschrift ist dem Pol des Lesens zugeordnet; das Schreiben der Buchstaben wird in einem Vorgang erlernt, der oft eher dem Abmalen einzelner Formen als dem kontinuierlichen Schreiben ähnelt und auf die ersten Lesetexte hinführt.

In der Schreibschrift, die im zweiten Schritt hinzukommt, erhält dann das Alphabet eine neue Physiognomie. Sie wird erlernt, indem die Buchstaben einer vorgegebenen Normschrift in einer kontinuierlichen Schreibbewegung hintereinandergesetzt werden. Traditionell ist die Schreibschrift Kursivschrift, ihrem "fortlaufenden" Charakter verdankt die alte deutsche "Kurrentschrift" ihren Namen.

Alle Vorteile in der Grundschrift?

Alle aktuellen schulischen Normschriften wurzeln aber nicht in der deutschen, sondern in der lateinischen Schreibschrift, die von den Nationalsozialisten 1941 eingeführt wurde, weil sie darauf spekulierten, europäische Hegemonialmacht zu werden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen zur 1954 als Hauptschrift bestätigten "Lateinischen Ausgangsschrift" die 1968 in der DDR eingeführte "Schulausgangsschrift" und in der Bundesrepublik die "Vereinfachte Ausgangsschrift" hinzu, die in den siebziger Jahren der Göttinger Grundschullehrer Heinrich Grünewald entwickelte und erfolgreich lancierte.

Die Befürworter der "Grundschrift", die nun als vierte schulische Normschrift hinzutreten soll, langfristig alle anderen aus dem Feld schlagen will und seit kurzem in Hamburg schon als einzige Schrift gelehrt werden darf, behaupten nun, sie vereinige "die Vorteile von Druck- und Schreibschrift". Das klingt nicht nur nach Quadratur des Kreises, es wäre auch eine.

Denn der Kern der Druckschrift ist das unverbundene Nebeneinander der Buchstaben, der Kern einer flüssigen Schreibschrift hingegen die Verbindung der Buchstaben. Die "Grundschrift" ist denn auch keine Synthese aus beidem, vielmehr besteht ihr Konzept darin, die Schreibschrift nur noch als Variante der Druckschrift aufzufassen und ihre Ausgestaltung den Schülern weitgehend selbst zu überlassen.

Parole Effektivität - ein Irrtum

Vereinfachung, Zweckmäßigkeit und Effektivität sind die Parolen der Grundschrift. Ihr Ideal lässt sich in einem Begriff zusammenfassen: Schnörkellosigkeit. Die Schleifen, Verbindungsbögen und Schnörkel, von denen jede Schreibschrift geprägt ist, die nicht dem Ideal der Druckschrift folgt, will sie abschlagen wie alten Stuck. Sie gelten ihr als abzuschneidende alte Zöpfe, als abzustreifendes Korsett, ohne das sich die Handschrift frei entfalten kann.

Schreiben für Anfänger

Wie sollen Kinder künftig schreiben lernen? Der "Grundschulverband e. V." möchte Schüler mit der Grundschrift von der vermeintlich überflüssigen Pein des doppelten Schreibenlernens befreien.

(Foto: dpa)

Nun klingt in der Tat "Schnörkel" nach Ornament und Schmuck. Von der Scheibschrift zur Schönschreibschrift ist es nur ein kleiner assoziativer Schritt. Aber er täuscht darüber hinweg, dass das zentrale Element aller traditionellen Schreibschriften, die kursive Buchstabenverbindung, gerade nicht aus dekorativer Laune, sondern aus pragmatischer Notwendigkeit hervorgegangen ist.

Kursivschriften mochten kalligraphisch ausgestaltet werden, aber sie waren Kinder der Verwaltung, der Kanzleien, der Modernisierung und Beschleunigung des Schriftverkehrs, gerade nicht Schmuckschriften, sondern Gebrauchsschriften.

Denn "form follows function" gilt nicht nur in den Windkanälen des Automobildesigns und für Industriearchitektur. Und nicht immer ist die funktionale Form mit der schnörkellosen identisch. In der Schreibschrift hemmen die Verbindungsbögen den Schreibfluss gerade nicht, sondern bringen ihn hervor.

Nicht alle Grundschullehrer sind deshalb Anhänger der "Grundschrift" und ihrer "Schnörkellosigkeit". Manche lassen ihre pädagogische Phantasie spielen, um das rhythmische, prozessorientierte Potential der kursiven Schreibschrift auch für heutige Kinder zu nutzen. Sie halten nicht an alten Zöpfen fest, sondern an einer Schreibtechnik, die - zum Beispiel in der arabischen Kultur - schon ein Element der Modernisierung war, ehe es den Buchdruck gab, der die Buchstaben unverbunden nebeneinander setzte.

Schreibschrift - eine Zumutung?

Die euphorischen wie die skeptischen Bildungsphantasien heften sich derzeit vorzugsweise an die elektronischen Medien. Zu den Figuren des Bildungsmissgeschicks hat sich der technologische Analphabet gesellt. Doch bei der ersten Alphabetisierung geht es um nicht minder Wichtiges als Medienfrüherziehung und Exzellenzuniversitäten: Elementarbildung.

Fasst man beide Sphären - die elektronische und die handschriftliche Alphabetisierung - gemeinsam ins Auge, so fällt ein Unterschied unmittelbar ins Auge: Die elektronische muss die Anpassungsleistungen, die sie verlangt, nicht legitimieren. Sie gilt als notwendige Herausforderung. Die Tücken der handschriftlichen Alphabetisierung hingegen gelten als Zumutung.

In den Plädoyers für die "Grundschrift" erscheinen die Kinder schon angesichts kleiner Schnörkel und Verbindungsbögen als Figuren hoffnungsloser Überforderung und extrem geringer Frustrationstoleranz, deren feinmotorische Fähigkeiten und Auge-Hand-Koordination nur äußerst zart in Anspruch genommen werden dürfen.

Sieht man aber Grundschulkindern daheim beim Hantieren mit elektronischen Apparaturen und Tastaturen zu, erweisen sie sich als Virtuosen feinmotorischen Lernens und einer geradezu traumwandlerisch-spielerischen Auge-Hand-Koordination.

Irgendwer sollte die überaus neugierige, virtuose Anpassungsleistungen vollbringenden Kinder der elektronischen Alphabetisierung mal mit den ständig überforderten Kindern der ersten Alphabetisierung spielen lassen. Vielleicht können die Kinder ja mehr miteinander anfangen, als sich die Schnörkelverächter träumen lassen, und Druckschrift und Schreibschrift verwandeln sich aus Zumutungen in zwei "unplugged"-Programme, die man am besten beide beherrscht.

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