Andreas Zick ist ein gefragter Mann. Morgenmagazin, Tagesschau, Deutschlandfunk, Zeitungen: Der Wissenschaftler wurde im vergangenen Jahr so oft von Journalisten befragt, man konnte den Eindruck gewinnen, er sei hauptberuflich Interviewpartner. Seine Expertise war begehrt, als Flüchtlingsheime brannten und die AfD Anhänger gewann. Als Extremisten mordend durch Paris zogen, war es der Professor von der Universität Bielefeld, den man um Erklärungen bat.
Seit zwei Jahrzehnten beschäftigt sich Zick mit der Frage, wie es in einer Gesellschaft zu Konflikten und Gewaltausbrüchen kommt. Genauso lange klärt er die Öffentlichkeit darüber auf, wie Vorurteile, Rassismus und Rechtsextremismus entstehen - und liefert mit seinen Forschungsergebnissen die Grundlage für Präventionsstrategien.
Es ist also keine Überraschung, dass Andreas Zick, 54, Leiter des Bielefelder Instituts für Gewalt- und Konfliktforschung (IKG) an diesem Montag den Communicator-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft bekommt. Der mit 50 000 Euro dotierte Preis zeichnet Wissenschaftler für die Vermittlung ihrer Arbeit in der Öffentlichkeit aus, in diesem Jahr zum 17. Mal. DFG und Stifterverband nennen Zicks Arbeit ein "ausgezeichnetes Beispiel für die Kommunikation wissenschaftlicher Expertise" und würdigen sein persönliches Engagement für die Demokratie.
Wichtiger als Drittmittel und Publikationen? Empfehlungen geben, Prävention betreiben
Wer so viel Energie darauf verwendet, seine Forschungsergebnisse unter das Volk zu bringen, handelt sich unter Kollegen schnell den Ruf ein, mehr an Medienpräsenz als an Meriten interessiert zu sein. Zick jedoch hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass es ihm nicht nur auf Publikationen und Drittmittel ankommt, sondern darum Handlungsanweisungen zu geben - beispielsweise im Expertenbeirat des Deutschen Forums Kriminalprävention und im Rat für Migration.
Seine Erkenntnisse? In den vergangenen zweieinhalb Jahren hat sich die Gesellschaft radikalisiert. "Das Land heizt sich auf", sagt Zick. Gleich mehrere Studien aus Bielefeld zeigen, wie rechtspopulistische Meinungen in neue Milieus eingedrungen sind. Einfache Lösungen? Gibt es nicht. Sie würden auch nicht zu dem Mann passen, der bei aller Fernsehtauglichkeit in seinen Aussagen immer Wert auf Präzision liegt. Vereinfachungen sind seine Sache nicht.
Was man der radikalisierten Mitte, AfD und Pegida, denn nun entgegensetzen könne, wurde Zick zuletzt immer wieder gefragt. Er empfahl, Straftaten klar als solche zu benennen und nicht als bloße Entgleisung besorgter Bürger zu verharmlosen. Wer Angriffe auf Flüchtlinge als Volksaufstand tituliere, gieße Wasser auf die Mühlen der Populisten, so Zick. Noch dringender aber müsse an Stereotypen gearbeitet werden. "Die Politik unterschätzt seit vielen Jahren, wie wirkmächtig Vorurteile in der Gesellschaft sind", so Zick. Die Suche nach Sündenböcken hat Konjunktur.
Wie viele andere, die sich öffentlich positionierten, wurde auch der Institutsleitermehrfach bedroht. Sobald er ein Wort über die AfD verlor, rollte die Hasswelle: Briefe, Mails, sogar Computerviren wurden an das IKG geschickt. "Pack die Koffer und verpiss dich" - noch eine der netteren Botschaften. Neben Ausführungen, die schilderten, welcher Körperteil dem Sozialpsychologen zuerst abgehackt werden sollte.
Am Telefon klingt der Mann dann überraschend entspannt. Der letzte Urlaubstag? Daran kann Zick sich nicht erinnern, vermutlich irgendwann vor Oktober 2014.
So wahnsinnig das Jahr 2015 auch war, es hat bewirkt, dass Andreas Zick schnell aus dem Schatten seines charismatischen Vorgängers treten konnte, von dem er 2013 die Leitung des Instituts für Gewalt- und Konfliktforschung übernommen hat. Bis dahin war die Bezeichnung "Gewaltforscher in der breiten Öffentlichkeit gleichbedeutend mit dem Namen Wilhelm Heitmeyer. Der hatte das interdisziplinäre Forschungszentrum in Bielefeld aufgebaut und 15 Jahre lang geleitet. Seine Langzeitstudie über "gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit", die von 2002 bis 2012 dauerte und an der Zick seit 2004 mitgearbeitet hat, war weit über die Fachwelt hinaus bekannt geworden.
Andreas Zick hat sie mit neuem Geldgeber (Friedrich-Ebert-Stiftung) und unter anderem Namen fortgesetzt. Im Dezember nun erscheint die Studie "Gespaltene Mitte" mit Untersuchungen zur gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit in den Jahren 2002 bis 2016. Über den neuen Namen ist Zick allerdings nicht glücklich, wegen der Verwechslungsgefahr: Denn auch das Kompetenzzentrum für Rechtsextremismus- und Demokratieforschung der Universität Leipzig gibt eine "Mitte-Studie" heraus, die zuletzt von verschiedenen Seiten kritisiert worden ist. Dennoch ist der Bereich der Gewalt- und Konfliktforschung in Deutschland überschaubar - obwohl das Informationsbedürfnis von Politik und Öffentlichkeit so groß ist. Eine der Folgen davon ist, dass man Andreas Zick in den vergangenen Monaten auf fast allen Kanälen begegnete.
Auch Zick selbst betont immer wieder den Bedarf an mehr unabhängiger Forschung zum Thema Gewalt. Ginge es nach ihm, würde das IKG zu einem Zentrum ausgebaut, zu dessen Aufgaben es auch gehört, Politiker und gesellschaftliche Akteure zu beraten. Dazu wiederum bräuchte es eine Finanzierung, solider als sie derzeit ist. Noch hat das IKG kaum feste Mitarbeiter. Es muss sich zu nahezu 80 Prozent aus Drittmitteln finanzieren. Ein Grund weshalb das Institut hauptsächlich projektbezogen und mit befristeten Angestellten arbeitet. Die Auszeichnung mit dem Communicator-Preis - für Andreas Zick kommt sich wohl gerade zur rechten Zeit.