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Gespräch über die 68er-Bewegung:Was die Klickdemokraten noch lernen müssen

Möglicherweise haben viele auch Angst, ein öffentliches politisches Bekenntnis könnte der Karriere sogar schaden. Das wäre Ihnen als linker Student nicht in den Sinn gekommen, Herr Lohmüller-Kaupp. Sie dachten damals, dass der Kommunismus eh bald kommt ...

Lohmüller-Kaupp: ... und dann hat der Kapitalismus sehr schnell gelernt. Damals hieß es: Wenn wir mal mehr als eine Million Arbeitslose haben in Westdeutschland, dann wird die Republik unregierbar. Heute haben wir im Westen 1,9 Millionen und wir sprechen von Vollbeschäftigung.

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68er-Bewegung

"Ein Angriff auf unsere Generation"

Den Tod von Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 erlebte Tom Koenigs als Dammbruch. Bald endet für den Grünen die politische Laufbahn - einem der letzten 68er. Hat sich der Marsch durch die Institutionen gelohnt?   Von Thomas Hummel, Berlin

Goodwin: Ich halte es für clever, dass sich die Studenten heute früher Gedanken über ihre Karriere machen. Dass sich politisches Engagement negativ auswirkt, glaube ich aber nicht. Für den Arbeitgeber ist ein politisch aktiver Mensch aus Sicht kapitalistischer Verwertungslogik prinzipiell jemand, der motiviert ist. Aber aus diesem Grund sollte bitte niemand in eine Partei eintreten. Ich mag diejenigen, die für die Sache brennen und bin deshalb manchmal ganz froh, in der Bayern-SPD zu sein, weil da nicht so viele Karrieristen zu finden sind.

Lohmüller-Kaupp: Ich habe im Laufe meines Berufslebens die Erfahrung gemacht, dass das große Kapital wirklich wenig Probleme mit der politischen Orientierung hat. Unternehmen sind an jemandem mit Ecken und Kanten interessiert, weil der auch kreativ ist.

Trotzdem finden viele Demos heute in der Anonymität des Internets statt.

Goodwin: Es ist schon ein Unterschied, den Hintern hoch zu bekommen oder seinen Finger einen Millimeter zu verschieben. Ich denke, dass die Klickdemokraten noch lernen müssen, dass Zeit und Kreativität zum Engagement dazugehören.

Taugen die 68er als Vorbild für politisches Engagement heute, Herr Schneider?

Schneider: Wenn man sich fragt, was von damals geblieben ist, dann sicher auch, dass viele hehre Gedanken für den Terrorismus der RAF und der Bewegung 2. Juni missbraucht wurden. Mit Gewalt und Terror wird man seine Ziele auf lange Zeit nie durchsetzen können. Doch es war gut, mit der Spießigkeit zu brechen und sich mit der Nazizeit auseinanderzusetzen.

Die APO zersplitterte schnell in K-Gruppen und andere Sektierer. Warum hat die Linke so einen Spaß daran, sich zu zerlegen?

Lohmüller-Kaupp: Ich suchte früh Kontakt zu den Gewerkschaften und war deshalb vielleicht ein Stück geerdeter. Anfangs haben wir etwa Ulrike Meinhof für ihre Courage bewundert. Sie verzweifelte an den grausamen Bildern des Vietnamkriegs und den Napalm-Bomben, die auch Kinder verbrannten. Doch dann sind Meinhof und andere einem Rigorismus verfallen. So war der Kaufhausbrand 1970 in Frankfurt, der zeigen wollte, wie das ist, wenn Dinge brennen, eher ein Verzweiflungsakt.

Goodwin: Ich glaube, der große Fehler dieses Teils der Studentenbewegung war die Verachtung der Institutionen und der Parteien.

Aber sie hat doch auch viel geschaffen. In direkter Folge der Revolte von 1968 entstanden in Deutschland 50 000 Bürgerinitiativen. Und heute will kaum noch einer die Kitas missen ...

Schneider: Ja, aber die hat man auch aus der DDR übernommen.

Goodwin: Die Herdprämie zeigt, dass es nicht das präferierte Modell der CSU ist.

Nehmen wir Wohngemeinschaften, die damals entstanden und heute für Studenten ganz normal sind ...

Schneider: Ja, aber vor allem wegen der horrenden Mietpreise in München. Das sind schlicht effizientere Wohnraumnutzungen.

Goodwin: WGs gab es auch schon bei den Studentenverbindungen und die Vorstellungen der Kommunarden gibt es doch gar nicht mehr, sondern das sind meistens Zweckgemeinschaften.